WM 2023: Der große „Favoriten-Check“

Der WM-Pokal, silberner Pokal mit Figur drauf. WM 2023 Favoriten-Check.
Die WM-Trophy - wer gilt dieses Jahr als Favorit? © World Snooker/Tai Chengzhe

Es geht los! Die WM 2023 im Crucible in Sheffield, der ultimative Showdown einer jeden Saison, der Tanz in den Mai für Snooker-Fans. Mit der wie immer an Drama nicht zu überbietenden Qualifikation sind wir alle bereits so richtig in Stimmung gekommen. Was erwartet uns dieses Jahr im „Schmelztiegel“? Und vor allem: Wer wird Weltmeister 2023? Wir wagen einen Ausblick und einen „Favoriten-Check“.

In den letzten Tagen häufen sich bereits Berichte und Tweets darüber, wer denn wen und warum als Favorit für den diesjährigen WM-Titel sieht. Auch die Experten scheinen sich nicht einig zu sein. Im Laufe der Saison 2023 hat sich dieser eine, alles überragende Spieler nicht so richtig herauskristallisiert. Wir wagen trotzdem einen Ausblick.

Shaun Murphy: Formstark mit Rückenwind und TC-Titel

Er ist der Spieler der zweiten Saisonhälfte: Shaun Murphy. Beim World Grand Prix im Januar erreichte er bereits das Halbfinale, schaffte es bei den Welsh Open im Februar ins Finale und holte sich noch im selben Monat seinen ersten Saisontitel bei der Players Championship. Einmal so richtig im Schwung, gewann er bei der Tour Championship Ende März/Anfang April gleich seinen zweiten Saisontitel. Mit so einer Bilanz geht man im April automatisch mindestens als Mit-Favorit in die WM. Außerdem ist es sein 22. Crucible-Auftritt und es ist bekannt, dass Murphy die euphorische Atmosphäre in dem traditionsreichen Theater liebt. Sein Gegner in der ersten Runde ist Si Jiahui, der sich bravourös zum ersten Mal für eine WM qualifizieren konnte. Vor allem in seinem Match in der letzten Qualifikationsrunde gegen Jordan Brown bewies er beim taktischen Geplänkel auf Pink mit Schwarz an der Kante zur rechten unteren Ecktasche im entscheidenden Frame, dass er einen weiteren Schritt in seiner Entwicklung genommen hat. Trotzdem gilt Murphy aufgrund seiner Erfahrung und von der Form her nicht nur als klarer Favorit in diesem Erstrundenmatch, sondern auch als einer der Favoriten auf den WM-Titel 2023.

Mark Allen: Der Spieler der ersten Saisonhälfte

Musste Mark Allen sich Anfang Oktober 2022 im Finale der British Open Ryan Day geschlagen geben, startete er noch im selben Monat eine grandiose Serie. Nachdem er seinen Titel bei seinem Heimturnier, den Northern Ireland Open verteidigen konnte, gewann er im November bei der UK Championship den zweiten Triple-Crown-Titel in seiner Karriere. Dazu erreichte Allen im Dezember das Halbfinale bei den English Open. Im Januar 2023 beim Masters musste er sich in seinem zweiten Triple-Crown-Finale der laufenden Saison nur knapp Judd Trump mit 8–10 geschlagen geben. In der ersten Runde der WM trifft Allen auf Fan Zhengyi, der sich in der 4. Qualifikationsrunde überraschend deutlich mit 10–6 gegen Stephen Maguire durchsetzen konnte. Zhengyi, der das European Master 2022 im Finale gegen Ronnie O’Sullivan gewann, ist dieses Jahr einer der vier chinesischen Debütanten im Crucible. Allen konnte in der zweiten Saisonhälfte nicht mehr ganz an die großen Leistungen der Monate zuvor anknüpfen. Trotzdem gilt er aufgrund seiner enormen Entwicklung in dieser Saison als Favorit gegen Zhengyi und als einer der Mitfavoriten auf den WM-Titel.

Neil Robertson: Erneut Mitfavorit?

Kommen wir zu Neil Robertson, der eigentlich jedes Jahr zum erweiterten Favoritenkreis zählt. Seit seinem Titel 2010 wird er diesem Status aber nicht gerecht. Man hört immer wieder von ihm, dass es im Crucible am Tisch zu eng sei, also dass er nicht genügend Abstand zur Bande hat, um ordentlich in den Stoß zu gehen. Man könnte meinen, dass ein Spieler seiner Klasse bei mittlerweile 19 Teilnahmen im Crucible sich mit den Bedingungen arrangieren bzw. darauf einstellen sollte. Andererseits sind es Kleinigkeiten und Details, die bei Spielern auf diesem Niveau besonders entscheidend sind. Außer dem Sieg beim World Mixed Doubles im September 2022 stehen für Robertson in dieser Saison vier Semi-Finals zu Buche. Sein Gegner in der ersten WM-Runde ist Wu Yize, ebenfalls einer der vier chinesischen Debütanten. Yize stieg ab der zweiten Runde in die Qualifikation ein. In der letzten Runde setzte er sich gegen Chris Wakelin mit 10–8 durch. Robertson mag als Favorit in dieses Erstrundenmatch gehen, auch wenn man sich hier durchaus nicht über eine Überraschung wundern sollte. Ein Titelanwärter bei dieser WM ist der Australier nicht.

Ronnie O’Sullivan: Und alle reden nur noch von Nr. 8

In der Qualifikation zur WM sind viele dramatische und aufregende Dinge passiert. Doch in den letzten Tagen dominierte ein Thema: Holt Ronnie O’Sullivan seinen 8. WM-Titel? Der Herbst 2022 war für ihn noch sehr erfolgreich. Im Oktober gewann O’Sullivan das Hong Kong Masters und Anfang November das Champion of Champions. Danach ging die Form dann aber für seine Verhältnisse rapide nach unten. O’Sullivan hat in einem Interview gesagt, dass er einen 8. WM-Titel anpeilt, sich hierfür aber eine Timeline von 5 Jahren gibt. Insgesamt traut er sich sogar 10 WM-Titel bis zum Ende seiner Karriere zu. Nur ist O’Sullivan in diesem Jahr wirklich bereit für die Mission Titel Nr. 8? Wer ihn kennt weiß, dass er selten das tut, was man von ihm erwartet. Er mag lieber die unerwarteten, spektakulären Auftritte und fühlt sich von Routine gelangweilt. Aus diesen Gründen, und das schreibe ich als langjähriger O’Sullivan-Fan, glaube ich persönlich nicht, dass er den 8. Titel in diesem Jahr holt. Eher denke ich, dass er es, wie er selbst auch sagt, in den nächsten 5 Jahren schafft. Bereits gegen seinen Erstrundengegner Pang Junxu könnte es für ihn sehr schwierig werden. Pang, der vierte chinesische Debütant im Bunde, ist in glänzender Form und erreichte im März beim WST Classic das Finale. Danach würden Ding Junhui oder Hossein Vafaei im Achtelfinale warten. Es wird viel davon abhängen, wie sich seine Gegner im Crucible präsentieren. O’Sullivan ist bekannt dafür, dass wenn seine Gegner ihn lassen, er sie einfach überrollt. Spielt er sich so in einen Flow und schafft es in die zweite Woche, ist bei ihm natürlich alles möglich. Rein von der Form her dürfte O’Sullivan aber bei der WM 2023 nicht als Favorit auf den Titel gelten.

Nicht zu vergessen im WM 2023 Favoriten-Check: Mark Selby, Judd Trump & Co

Selbstverständlich darf man nicht Spieler wie Mark Selby oder Judd Trump außer Acht lassen. Selby hat in dieser Saison zwei Ranglistenturniere gewonnen (English Open und WST Classic) und wurde bei der Tour Championship erst vom späteren Sieger Shaun Murphy gestoppt. Da er sich also wieder in bestechender Form befindet und als viermaliger Weltmeister im Crucible keine Herausforderung scheuen muss, ist ihm dieses Jahr wieder alles zuzutrauen. Selby kann man also durchaus wieder zum Favoritenkreis zählen. Judd Trump hat bis jetzt eine sehr gemischte Saison gespielt. Ein Höhepunkt war sein Sieg beim Masters. Allerdings gab es aber auch enttäuschende Niederlagen, z.B. in der ersten Runde des German Masters. Letztes Jahr schien er ebenfalls nicht in Bestform zu sein und erreichte trotzdem das WM-Finale. Mit Judd Trump ist immer zu rechnen, aber zum Favoritenkreis zählt er in diesem Jahr erneut nicht. Gespannt darf man natürlich auch auf die „Class of ’92“ mit John Higgins und Mark Williams sein, die es zusammen auf immerhin 7 Titel bringen. Als Geheimfavorit gilt Anthony McGill. Die langen Matches im Crucible über mindestens Best of 19 scheinen ihm sehr zu liegen. Allerdings stand er noch nie im WM-Finale – das dramatische Halbfinale 2020 gegen Kyren Wilson aber bleibt unvergessen.

AutorIn: Ralf

Mag Snooker des Spiels wegen und begeistert sich dafür seit den frühen Eurosport-Anfangstagen. Außerdem: Fußball, Kinofilme und Musik. Twitter: https://twitter.com/Ralf_2206 | Mastodon: https://snooker.uk.to/@Ralf_2206

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