Balsam für die Snooker-Seele und Wie geht’s weiter?

Snooker Weltmeister Brecel kurz nach seinem Sieg. Er hat sein Gesicht in den Händen verborgen.
Danach kommt das große Heulen. © Matt Huart/WPBSA

Der WM-Titel für Luca Brecel ist ein Paukenschlag am Ende einer Snooker-Weltmeisterschaft, die uns über die letzten Wochen mit sehr vielen Glanzlichtern verwöhnt hat.

Bevor mich und den Rest der Snooker-Welt jetzt der berüchtigte Snooker-Kater überfällt und wir uns alle in der Twitter-Snooker-Support-Group treffen, möchte ich kurz innehalten. Ich möchte die vergangene Saison sacken lassen und einige meiner Gedanken zu den Höhen und Tiefen hier in eine Form bringen.

WM-Überraschung Luca Brecel

Neben all den Rekorden, tollen Geschichten um Debütanten und Kommzurücks ist für mich – wie für viele andere wahrscheinlich auch – der Titel für Luca Brecel eine der größten Überraschungen gewesen. Die Snookerwelt wartete ja schon eine Weile darauf, dass das hochgelobte Talent sein Potential beim größen Event zur Entfaltung bringt.

Zwölf Jahre ist es her, dass Brecel 16jährig Profi wurde und elf, seit er als jüngster Spieler im Crucible Theatre bei der WM antrat. Bisher hatte er bei insgesamt fünf Auftritten nicht ein einziges Spiel gewinnen können. Doch wie Shaun Murphy beim Champion of Champions brach Brecel in diesem Jahr seine Serie von Erstrundenniederlagen einfach, indem er den Titel holte.

Bewundernswerter Kampfgeist

Ich bin bei dieser WM fast Brecel-Fan geworden. Seine Art, Snooker zu spielen, ist mir bisher immer zu einseitig und unberechenbar gewesen. Seinem attraktiven, offensiven Spiel fehlt immer noch ein bisschen die Reife, im richtigen Moment einen Pot auch mal nicht anzugehen. Aber worauf ich wirklich stehe ist, wenn jemand in der Lage ist, sich durchzubeißen. Wenn jemand nicht beim ersten Gegenwind weinend umfällt und sich nicht von hohen Rückständen davon abhalten lässt, ernsthaft und engagiert weiterzuspielen und alles zu versuchen, das Spiel noch zu drehen. Und da muss ich sagen hat Luca Brecel bei dieser WM wirklich fast alles übertroffen, was ich bisher gesehen habe. Von Paul Hunter natürlich abgesehen.

Und trotz dieses Wettbewerbs war das ganze Finale von einer ganz besonderen Liebenswürdig- und Freundlichkeit umgeben. Es wurde umarmt, miteinander gescherzt und bei der anschließenden Party gemeinsam gefeiert. Mark Selby wirkte zwar enttäuscht, andererseits aber auch ziemlich zufrieden mit seinem Spiel. Keine Bitternis, einfach nur Respekt. Das ist das schönste Signal, das für den Sport ausgesandt werden kann.

Saufen als Turniervorbereitung

Worauf ich noch stehe, sind Leute, die etwas anderes ausprobieren, wenn die bisherige Strategie nicht zum Erfolg führt. Ich finde es gut, dass Mark Allen mit seinem Spiel experimentiert. Ich finde es gut, wenn er nach den vielen enttäuschenden Auftritten bei der WM – denn auch er wartet ja schon lange auf einen WM-Titel – seine WM-Vorbereitung verändert. Allen erzählte, dass er sich in der Vergangenheit oft übertrainiert und dementsprechend müde gefühlt hatte. Und dass er deshalb sein Pensum im Vorfeld heruntergefahren hatte. Immerhin hat ihn das in diesem Jahr mal wieder zum One-Table-Setup gebracht.

Mir gefällt dagegen nicht so gut, dass Luca Brecel jetzt mit dem Spruch hausieren geht, dass er mit Party machen statt Training Weltmeister geworden ist. Ich selber habe mit 32 aufgehört zu trinken, weil ich kurz davor war, mich und mein Leben komplett zu ruinieren. Deshalb reagiere ich auf das Prahlen mit Alkoholkonsum immer etwas allergisch. Und gerade im Snooker, wo Alkohol für viele ein Problem ist, finde ich die Botschaft relativ unüberlegt und auch unsensibel. Ganz zu schweigen davon, wie gerne das jetzt in den Medien aufgegriffen und weiterverbreitet wird.

Heilung und Trost für eine gebrauchte Saison

Die großartige WM ist für mich persönlich zweierlei gewesen. Zum einen habe ich in meiner burnout-geschundenen Seele nach langen Monaten der Depression endlich wieder etwas empfinden können. Die ganze Spannung und die tollen Leistungen haben mich mit Freude erfüllt und auch meine Lust am Schreiben geweckt. Besonders das gemeinsame Schreiben mit Kollegin Målin hat mir sehr gut getan. Und so war diese WM für mich (wie die Kolleginnen bei Total Clearance es heute ausdrückten) ein echter Balsam für die Seele. So wie im letzten Jahr das erste German Masters nach der Covid-Pause.

Zum anderen hat die WM mich auch wenigstens für einige Zeit die zurückliegende Saison vergessen lassen. Denn hinter uns liegt eine Saison, die für Snooker-Fans streckenweise eine große Herausforderung war. Für mich war es eine der größten Enttäuschungen als Snooker-Fan, dass mit Zhao Xintong ein Spieler, dessen Entwicklung ich begeistert beobachtet und über den ich hier auch immer gerne berichtet habe, vom Wettskandal betroffen ist. Es ist dadurch schwerer für mich geworden, mit Begeisterung über Erfolge und mit Empathie über Niederlagen von Menschen im Snooker zu berichten. Denn mein Vertrauen in das, was am Tisch passiert, hat einen heftigen Knacks bekommen.

Welche Zukunft hat Snooker?

Doch auch aus anderen Gründen bin ich eher unzufrieden und besorgt über das, was im Snooker so passiert. Ein schlechtes Zeichen war leider auch bei der WM unübersehbar: die leeren Plätze in den ersten Reihen im Crucible Theatre. Die treuen Fans, die wir dort jahrelang haben sitzen sehen und die wir schon fast mit Namen kannten (winke, winke, Kellie und Brian!), wurden von dort vertrieben, um Platz für den sogenannten Century Club zu machen. Und die Karten wurden anscheinend auch verkauft, nur waren die Leute beim Champagner-Schlürfen hängengeblieben und hatten sich gar nicht in die Arena bemüht. Teilweise wurde (wie das im Tempodrom auch gemacht wird) mit Leuten von den „billigen Plätzen“ aufgefüllt.

Ich kenne diesen Quatsch mit VIP-Paketen aus vielen Bereichen. Ich weiß, dass die kapitalistischen Prinzipien, unter denen WST geführt wird, nach weiterer Kommerzialisierung schreien. Und ich verstehe, dass diese VIP-Geschichte eine ganz tolle Goldgrube ist. Aber ich finde sowas immer problematisch, weil es langfristig zulasten der Sache selbst geht. Es mag ja sein, dass das Essen ganz toll ist und der Preis von ein paar hundert Pfund dafür ok ist, aber der Großteil der Fans pilgert immer noch wegen Snooker zu einer WM und nicht zum Essen. Doch denen stehen im Crucible Theatre immer weniger der wenigstens einigermaßen bezahlbaren Plätze zur Verfügung.

Das Crucible Theatre danach. Es ist leer, dunkel und es liegen viele Papierschnipsel von der Siegerehrung herum.

Der Snooker-Kalender: Grund zum lachen oder weinen?

Die Terminplanung war bei World Snooker noch nie besonders großartig. Wir alle lieben die potentiellen Ranking-Events im Kalender, den Austragungsort „to be decided“ und kurzfristige Verschiebung oder Ausfälle von Turnieren. Doch mich hat zum Beispiel das mit heißer Nadel zusammengestrickte WST Classic in keiner Form über den Ausfall des Turkish Masters getröstet, sondern meine Sorge verstärkt. Ich habe mal wieder den Eindruck, dass bei WST die nachhaltige Strategie fehlt. Dieses jahrelange Warten, dass sie trotz Corona endlich wieder Turniere in China austragen können, anstatt sich solide Alternativen zu schaffen, finde ich gelinde gesagt peinlich. Und die Akquisition von Turnieren in Ländern, die damit Sportswashing betreiben, zählt für mich nicht als solide. Der vorausschauende Mensch fragt sich, wo denn die Turniere in Lettland, Bulgarien, Rumänien, Belgien und Österreich abgeblieben sind und ob der WM-Gewinn von Brecel da nicht nach einer Wiederaufnahme schreit.

Besorgniserregend ist auch die Struktur der Saison. Weiterhin gibt es viele Turniere für die gutplatzierten Aktiven und wenige für die hinteren Ränge. Trotz garantiertem Mindesteinkommen wird es für diese Spieler finanziell immer enger. Und es ist auch nicht schön, Snooker-Profi zu sein und keine Spielmöglichkeiten zu bekommen.

Werbemaßnahmen und Service-Angebote

In Sheffield hat WST übrigens eine ganz tolle Aktion gemacht. Ohne dass die Aktiven auf der Tour schon irgendwelche Infos über anstehende Turniere für die kommende Saison hatten, platzierte WST vor dem Crucible Theatre Aufsteller. Dort gab es eine wirre Auflistung von Turnieren, teilweise ohne Austragungsorte oder andere Infos. Einer unserer Kollegen bemerkte ganz treffend, dass der Marktplatz früher wohl der passende Ort für die Ausrufung der Geburten königlichen Nachwuches war, aber es heutzutage doch angemessenere Möglichkeiten gäbe, Snookerturniere anzukündigen.

Vielleicht denkt ihr, wenn ihr bis hierher gekommen seid, dass ich zu viel zu meckern habe. Dabei habe ich noch gar nicht über das Livescoring gesprochen. Aber das erspare ich euch besser. WST hat gestern den Launch einer neuen Webseite und ein neues Live-Scoring angekündigt. Ich weiß nicht, ob ich Hoffnung auf eine Verbesserung haben oder ob mir das Angst einjagen sollte.

Eine besondere Erwähnung an dieser Stelle gebührt Hermund von snooker.org. Der brachte nämlich trotz seines Besuchs in Sheffield die Seite unermüdlich wieder zum Laufen. Nach einem Serverumzug brach die unter dem schieren Ansturm öfter zusammen. Die meiste Zeit hatten wir aber Zugriff auf Livescores und Ergebnisse und sind dafür sehr dankbar.

Ende der Saison, Anfang der Saison

Trotz all dieser Dinge, die mir im Magen liegen, geht es aber trotzdem weiter mit dem Snookerspielen. Die ganz konkrete Zukunft sieht folgendermaßen aus. Die WM der Senioren beginnt morgen und bei den Frauen spielen Ng On Yee und Reanne Evans bei den British Women’s Open noch um eine Tourkarte.

Dann erkämpfen sich die Aktiven im Amateurbereich Ende Mai/Anfang Juni noch ein paar Main-Tour-Karten bei der Q-School und der Asia & Oceania Q-School. Die Profis steigen Ende Juni zum Aufwärmen mit der Champions League ein. Richtig ernst wird es mit der Qualifikation zum European Masters, das Ende August in Nürnberg stattfindet.

Ein dickes Danke an alle Snooker-Fans

Zum Schluss möchte ich mich bei euch bedanken. Bei denen, die SnookerPRO besuchen, unsere Artikel lesen, sich über Turniere, Rangliste und Sendezeiten informieren. Und uns Kommentare hier im Blog oder auf Social Media hinterlassen. Ihr habt dafür gesorgt, dass auch wir eine Rekord-WM hatten. Zum ersten Mal haben wir die Marke von 20.000 Besuchen an einem Tag geknackt. Dafür gebührt euch ein ganz herzliches Dankeschön, denn ohne euch wäre unsere Arbeit nicht das, was sie ist.

Und ein besonderes Dankeschön geht raus an das Team hinter SnookerPRO. Ihr seid einfach großarig!

Zwei Kurven für die Besuche während der WM 2022 und 2023 im Vergleich. Sie laufen fast parallel, die 2023er ist etwas höher und steigt am Ende ungefähr ein Viertel über das 2022er Niveau.

Eure Besuche auf SnookerPRO während der WM 2022 und 2023 im Vergleich.

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Sucht für den Roman „Belinda to break“ einen Verlag. Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. www.twitter.com/lulawitzescher

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2 Gedanken zu „Balsam für die Snooker-Seele und Wie geht’s weiter?

  1. Ernst

    Ich besuche diese Seite des oefteren bei laufenden Turnieren um einen besseren Ueberblick zu haben.
    Auch schreibe ich selten Kommentare um das Sprichwort zu beherzigen: Reden bzw. schreiben ist Silber und schweigen Gold.
    Natuerlich brauchen wir Informationen und Gespraeche
    Doch wir leben in einer Welt und in einer Zeit in der fast jeder Mensch alles in die Welt hinauschreien muss. Damit meine ich Erlebnisse bzw. Erfahrungen und Themen die normalerweise nur innerhalb der Familie diskutiert werden sollten und/oder in die Privat oder Intimspaehre fallen.
    Despektierliches Verhalten sich selbst gegenueber und gegenueber Dritten.
    Das jedoch nur als Randnotiz.
    Ich moechte mich herzlich bedanken bei Dir und jedem Menschen der dazu beitraegt das diese Seite exestiert und auch funktioniert.
    Danke auch fuer deine fachlichen Kommentare, die ich gerne lese.
    Durch die kleinen persoenlichen Bemerkungen in diesen Kommentaren gibst du dich als Mensch mit Herz und Hirn zu erkennen.
    Ich wuensche dir in allen Gegebenheiten des Lebens die richtige Art zu finden mit ihnen umzugehen.
    Vielen Dank und die besten Gruesse.

  2. Lula Witzescher Artikelautor

    Hallo Ernst,
    über diesen Kommentar habe ich mich sehr gefreut. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, ihn zu schreiben. Denn auch ich finde es schön, wenn ich hinter den Besuchszahlen der Seite ab und zu einen Menschen entdecken kann. Und es ist schön zu hören, dass du unsere Arbeit wertschätzt. Auch das restliche Team freut sich über das Lob!
    Viel Freude weiterhin am Snooker,
    Lula

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