Die WM-Hauptrunde im Crucible Theatre startet: eine Vorschau

Vor dem Crucible Theatre und großen Wimpeln mit der Aufschrift:"Sheffield loves Snooker" posieren ein Großteil der Top16 auf dem grünen Teppich für ein Gruppenfoto mit der Weltmeisterschafts-Trophäe. Eine kindshohe blau-weiße und bunt bemalte Löwenstatue im Vordergrund stielt ihnen die Show.
Im Crucible steigen die gesetzen Top 16 in die Weltmeisterschaft ein. © Zheng Zhai

Heute ist die Hauptrunde der Weltmeisterschaft im Crucible Theatre gestartet. Die gesetzten Top 16 treffen auf die 16 Qualifikanten. He Guoqiang, Liam Pullen, Stan Moody und Antoni Kowalski geben ihr Debüt im Theater der Träume, während Zhao Xintong versucht, seinen Titel zu verteidigen. Wir schauen voraus auf die erste Hauptrunde.

Am Mittwoch gingen die Judgment Days zu Ende und seit Donnerstag Vormittag wissen wir, wer gegen wen antritt. Die Vorfreude auf die Hauptrunde im Crucible stieg, wie zum Beispiel bei Kollegin Lula. Nur nicht bei mir, denn über die zwei spielfreien Tage habe ich schon fast vergessen, dass Snooker existiert. Um mich selbst wieder in WM-Fieber zu bringen und euch auf dem Weg mitzunehmen, blicke ich in einer (späten) Vorschau auf die 16 Partien der ersten Hauptrunde voraus.

Die erste Runde beantwortet schon die ersten Fragen

Gelingt Zhao Xintong das Projekt Titelverteidigung und sprechen wir dieses Jahr das letzte Mal über den Crucible Curse? He Guoqiang, Liam Pullen, Stan Moody oder Antoni Kowalski – wer kann bei seinem Debüt im Crucible überzeugen? Wer kann sich aus einem breiten Feld an Favoriten hervortuen? Und die wichtigste Frage: Wer sorgt für die größte Überraschung? Wenn die erste Runde am Donnerstag zu Ende geht, werden sich schon die ersten Mitfavoriten verabschiedet haben und wir haben von allen eine erste Formprobe gesehen.

Bis dahin stellt sich die Frage: Was sind die Matches, die es sich in Runde 1 besonders lohnt einzuschalten? Ich bin nicht in der Lage, das zu entscheiden. Daher gebe ich mein Bestes, sie alle zu bewerben und schon erste Prognosen zu wagen. Die angegebenen Sessionzeiten sind alle in mitteleuropäischer Sommerzeit. Eine Übersicht über alle Begegnungen findet ihr auch nochmal auf unserer Turnierseite.

Viertel 1: Der Titelverteidiger versucht sich im Fluchbrechen

Zhao Xintong – Liam Highfield: die Bürde der Titelverteidigung. Zhao Xintong zeigte sich zuletzt in bestechender Form. Wenn über Topfavoriten gesprochen wird, geht kein Weg am Titelverteidiger vorbei. Aber Projekt Titelverteidigung ist kein Selbstläufer. Auch wenn man nicht an den Crucible Curse glaubt (was wir alle nicht tun): Die Bürde, als Titelverteidiger die WM zu eröffnen, schien in der ersten Session doch groß zu sein. Sowohl Zhao als auch Highfield stolperten sich ein bisschen durch ihre erste Session, aus der Zhao einen knappen Vorsprung in den Abend mitnimmt. Zweite Session: Samstag 20 Uhr

Ding Junhui – David Gilbert: das Duell der Profitaucher. Oder auch das Aufeinandertreffen zweier großer Unbekannter, denn beide waren zuletzt irgendwie abgetaucht. Die WM-Form des wütenden Bauern, inzwischen eher wütenden Clubbesitzers, ist eh immer schwer vorherzusagen, da es das einzige Turnier zu sein scheint, auf das er sich ordentlich vorbereitet. Zuletzt reiste er nicht nach China zu den World Open. Sein Kontrahent Ding Junhui ließ das German Masters und die Welsh Open aus. Ich frage mich auch, ob ich schon geboren war, als das letzte Zeichen guter Form von Ding Junhui zu sehen war. Dennoch, 50 Cent gehen ins Phrasenschwein, Form ist temporär, aber Klasse bleibt permanent. Wer ein Match sehen will, in dem quasi alles und nichts möglich ist, sollte bei Ding und Gilbert unbedingt einschalten. Sessions: Sonntag 11 Uhr & Montag 11 Uhr

Xiao Guodong – Zhou Yuelong: das übersehene Duell. Ich habe genau eine Vorschau selbst gehört und genau diese eine Begegnung wurde im Podcast vergessen. Und ich kann nichtmal richtig verärgert darüber sein, denn wenn ich meine massive Zhou Yuelong-Fanbrille für einen Moment abnehme, was lässt sich über diese Begegnung sagen? Xiao Guodong hat sich ein bisschen wie ein chinesischer Barry Hawkins in den Top 16 etabliert: immer eine Gefahr, aber doch keiner, den man so richtig auf dem Radar hat. Zhou Yuelong nimmt eine ähnliche Rolle unter den Qualifikanten ein. Beide blicken nicht auf eine wirklich erfolgreiche WM-Bilanz zurück. Vielleicht nutzt aber einer von ihnen die Chance abseits der Aufmerksamkeit, in einen guten Lauf zu starten. Sessions: Samstag 15:30 & Sonntag 20 Uhr

Shaun Murphy – Fan Zhengyi: Laut gegen Leise. Shaun Murphy liebt es, im Zentrum des Theaters zu stehen und die Blicke auf sich zu ziehen. Er ist der erste, aber sicherlich nicht der letzte Spieler, über den ich zugeben muss: Bei der WM im Crucible muss man eigentlich immer mit ihm rechnen. Aber ganz ehrlich, rechne ich dieses Jahr mit ihm? Irgendwie nicht. Anders geht es mir bei seinem Gegner. Fan Zhengyi ist nach seinem eindrucksvollen Titel 2022 beim European Masters fast in Vergessenheit geraten. Und eines Tages wird er wieder auftauchen und uns alle so überraschen wie beim ersten Mal. Vielleicht ja bei dieser WM. Ich habe so ein Bauchgefühl, dass er der Überbringer des Crucible Curse werden könnte. Sessions: Montag 20 Uhr & Dienstag 20 Uhr

Viertel 2: Die Altmeister lauern

John Higgins – Ali Carter: vorgezogenes Viertelfinale. Die Begegnung zwischen Higgins und Carter ist auf dem Papier vielleicht die beste der ersten Runde. Denn eigentlich klingt das Match eher wie eine Begegnung, die man im Viertelfinale erwarten würde. Aber was erwartet uns genau in diesem Match? Ich kann es irgendwie nicht sagen. Der Sieger könnte gut das Viertel- oder Halbfinale in diesem Jahr erreichen, aber ich denke nicht, dass es einem der beiden gelingen wird, ihrem Lebenslauf eine weitere schmerzvolle Finalniederlage hinzuzufügen. Sessions: Sonntag 15:30 Uhr & Montag 15:30 Uhr

Ronnie O’Sullivan – He Guoqiang: zwei gegen O’Sullivan. Als ich dieses Jahr O’Sullivan beim German Masters habe live spielen und Interviews geben sehen, habe ich seine Erstrundenniederlage bei der WM schon bildlich vor Augen gesehen. Ihm gebührt alleine schon Respekt dafür, wie er sich aus diesem Loch wieder heraus gehievt hat. Viele, mich eingeschlossen, rechnen hier mit einem souveränen Sieg in Runde 1. Allerdings könnte sein Gegner unterwartet trickreich sein. Zwar war es zuletzt ruhig um He Guoqiang, aber in seiner Debütsaison hat er Top 16-Spieler schlagen zu seinem Markenzeichen gemacht. Falls O’Sullivan sich mal wieder selbst Steine in den Weg wirft, ist He Guoqiang der Typ, der davon unbeeindruckt einfach sein Spiel weiterspielt. Und am Ende spielen beide gegen O’Sullivan. Sessions: Dienstag 15:30 & Mittwoch 15:30

Chris Wakelin – Liam Pullen: the new kids on the block. Die Weltmeisterschaft ist natürlich bis zum Rand gefüllt mit den üblichen Verdächtigen. Im zweiten Viertel befinden sich mit Higgins und O’Sullivan gleich zwei der „Class of 92“. Aber umso schöner sind diese erfrischenden Begegnungen wie diese auf der größten Bühne der Snookerwelt. Liam Pullen musste vier Matches gewinnen, um sich zu qualifizieren und tat dies mit Bravour. Ich bin gespannt auf seinen Auftritt als Debütant und erwarte eine unterhaltsame Begegnung. Für mich das Match der ersten Runde, auf das ich mich am meisten vorfreue. Sessions: Dienstag 11 Uhr & Mittwoch 11 Uhr

Neil Robertson – Pang Junxu: ein Bananen-Match. Der eine liebt Bananen, der andere ist die personifizierte Bananenschale, auf der die Topspieler tunlichst nicht ausrutschen wollen. Natürlich erwarten wir mindestens eine große Überraschung in Runde 1 und kein anderes Match bewirbt sich derart lautstark darum wie dieses. Robertson tut sich jeher schwer damit, im Crucible zu spielen, da die Tische in den ersten Runden sehr eng stehen. Und Pang Junxu ist genau der Typ des eher methodischen Spielers, der recht unbeeindruckt von äußeren Umständen scheint und Robertson aus dem Rhythmus bringen könnte. Sollte Robertson diese knifflige Aufgabe meistern, könnte das aber auch ein gutes Vorzeichen für den lange erwarteten WM-Titel Nummer 2 sein. Sessions: Mittwoch 20 Uhr & Donnerstag 20 Uhr

Viertel 3: Debütanten und Wackelkandidaten

Kyren Wilson − Stan Moody: die nächste Generation. Noch hat die Generation um Kyren Wilson, Judd Trump und Jack Lisowski die alten Hasen in Großbritannien gar nicht verdrängen können, da bekommen sie schon Konkurrenz von der jüngeren Generation. Moody hat als das vielleicht größte Talent in Großbritannien in den letzten Jahren schon viel im Rampenlicht gestanden und scheint diesem Druck gewachsen. Sicherlich wird er ein gutes Debüt hinlegen. Kyren Wilson war zuletzt in einer Formkrise. Ich erwarte ihn allerdings in deutlich besserer Form bei der WM. Daher erwarte ich eine Begegnung auf hohem Niveau, das bis zum Ende Kopf-an-Kopf ausgetragen wird. Eine Überraschung ist hier definitiv möglich. Sessions: Montag 11 Uhr & 20 Uhr

Mark Allen − Zhang Anda: zwei Dark Horses im Duell. Hier treffen zwei aufeinander, die beide nicht für gute Leistungen bei der Weltmeisterschaft bekannt sind. Beiden ist aber zuzutrauen, ihre bisherige Miesere in diesem Jahr zu beenden. Zhang Anda hofft auf den Luca-Effekt: nach fünf Niederlagen im Crucible mit einem ersten Sieg richtig durchstarten. Gewagter Tipp von mir: Wer auch immer hier siegreich hervorgeht, erreicht mindestens das Halbfinale. Dank einer Reihe guter Breaks steht es vor der entscheidenden Session 5–3 zugunsten von Zhang Anda. Zweite Session: Sonntag 11 Uhr

Barry Hawkins − Matthew Stevens: Mr. Verlässlich gegen Mr. Verlässlich Unverlässlich. Eigentlich ist alles geebnet für eine Rückkehr Barry Hawkins‘ zum Setup mit einem Tisch. Er ist und bleibt WM-Spezialist, der Turniersieg bei den Welsh Open zeigt, dass er in Form ist und er ist erneut Tiefstapelweltmeister. Alle sollten es besser wissen, aber schon wieder hat ihn keiner auf dem Zettel. Aber ich irgendwie auch nicht. Matthew Stevens hat am Judgement Day schon WM-Spezialist Bingham rausgeworfen. Nicht ausgeschlossen, dass er die Zeit nochmal zurückdreht. Ich tippe er geht schnell in Führung, aber Hawkins gewinnt 10–9. Beständigkeit zahlt sich letztlich aus. Sessions: Samstag 20 Uhr & Sonntag 15:30 Uhr

Mark Williams − Antoni Kowalski: der Debütant und die große Aufgabe. Antek Kowalski sorgte für die größte Geschichte der Weltmeisterschaft bisher. Er sicherte sein persönliches Crucible Debüt, das auch ein Debüt für Polen als aufstrebende Snookernation ist, und ganz nebenbei seine eigene Tourkarte. Sein Wunsch, gegen jemand der Class of 92 anzutreten, wurde erhört. Er hat gezeigt, dass er nicht vor großen Aufgaben zurückschreckt und eine solche wird er in Mark Williams finden. Der ist nämlich nicht bekannt für Welpenschutz und ist bei der WM immer gefährlich. Mal schauen, wie sich Antek auf der großen Bühne schlagen kann. Sessions: Samstag 15:30 & Sonntag 20 Uhr

Viertel 4: Chinas Youngsters bedrängen die Besten

Mark Selby – Jak Jones: intensiver Tanz mit Tempowechseln. Beide haben ein recht ähnliches Profil. Obwohl sie für eher bedächtigeres, taktisches Spiel bekannt sind, liegt ihre Stärke im starken Scoring. Im Gegensatz zu vielen anderen sind sie sehr versiert darin, das Tempo des Spiels zu wechseln. Ein umkämpfter Frame bringt sie nicht aus dem Rhythmus, sondern sie lassen einfach ein Century folgen. Selby hatte eine gute Saison, aber Jones hat eine sehr starke Qualifikation gespielt. Ich erwarte in diesem Match den intensivsten Schlagabtausch in Runde 1, der die Nerven ihrer Fans testen wird. Sessions: Mittwoch 11 Uhr & 20 Uhr

Wu Yize – Lei Peifan: Jung und gefährlich. Lei Peifan ist eins der jungen chinesischen Talente, das immer ein bisschen unterschätzt wird. Letzte Saison verlängerte er die Herrschaft des Crucible Curse mit einem Erstrundendecidersieg gegen Kyren Wilson. Und in die Reihe derer, die ihn unterschätzen, reihe ich mich direkt ein, denn mein Fokus in diesem Match liegt auf Wu Yize. Inzwischen in der Weltspitze etabliert, ist er dieses Jahr der nicht wirklich geheime Geheimtipp für eine starke Performance. Sessions: Montag 15:30 Uhr & Dienstag 15:30 Uhr

Si Jiahui – Hossein Vafaei: Feuer gegen Feuer. Oft besteht ein gewisser Reiz in komplementären Charakteren oder Spielweisen. Wer allerdings immer schonmal wissen wollte, wie es aussieht, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, kann vielleicht zusehen, wie die beiden das Crucible Theatre doch noch niederbrennen. Das Duell verspricht waghalsige Lochversuche und zwei bis drei Beteiligte, die dabei phasenwese ihren Kopf verlieren. Vielleicht produziert das Spektakel sogar sehenswertes Snooker. Sessions: Mittwoch 15:30 Uhr & Donnerstag 14 Uhr

Judd Trump – Gary Wilson: Frech und furios. Gary Wilson konnte sich den letzten Platz der Qualifikation ergattern, obwohl er mit seinem eigenen Spiel haderte. Soweit also nichts Neues. Ignorieren wir, was ich über das Match von Higgins und Carter gesagt habe, Trump gegen Wilson ist auf dem Papier DAS Match der ersten Hauptrunde. Ich erwarte, dass sich beide hier mit Offensiv-Aktionen überbieten, nur um mittendrin den längsten und zerfahrensten Taktik-Frame der gesamten Runde zu produzieren. Wenn es zu einem Decider käme, würde mich das nicht überraschen. Sessions: Dienstag 11 Uhr & 20 Uhr

AutorIn: Målin

Målin mag Zahlen und Tabellen. Wenn sie gerade kein Snooker guckt, wirft sie wahrscheinlich einen Blick auf die Provisional Rankings. Ist durch Langeweile zum Snooker gekommen und weil sie schon in jungem Alter einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer hatte. Neben Artikeln kümmert sich Målin bei SnookerPRO um die Spieler*innenprofile. Twitter: @esel_freund

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