Halbfinale in Sheffield. Zeit, das Tagebuch langsam zum Abschluss zu bringen. „Mei Nerwwe“
Donnerstag, 30. April
Am Vormittag dank Snookerpause erneut etwas nachgeholt, was gestern aufgrund technischer Probleme liegen blieb. Unter anderem den letzten Tagebucheintrag fertig gestellt.
Und entschieden, Halbfinale und Ganzfinale als eine, finale Tagebuchfolge zusammenzunehmen. Wenn Du, geneigter lesender Mensch, dieses, mein Schriftwerk also nunmehr in digitalen Händen hältst, so ist die finale Finalsession noch nicht am Laufen, sofern Du dieses zum Zeitpunkt der Veröffentlichung liest.
Die Nachmittagspartie John gegen Shaun ist für mich insofern interessant, als ich Shaun ja bald live sehen werde. Und schön wäre es natürlich, einen gut gelaunten, weil gut gespielt habenden Murph zu sehen. Wir werden sehen. Es wird mein erstes Mal sein und ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.
Andererseits freut es mich auch für John, wenn er weiterkäme. Also bin ich Team Decider und dann egal, wer gewinnt. Wenn aber der Magier gegen den Zauberer spielt, warum klappern dann besonders in Frame fünf so viele Bälle? Sehr unmagisch.
Da lausche ich wenig später tatsächlich mal dem deutschen Kommentar, der uns von Familie Higgins erzählt. Die Tochter hat kürzlich den Führerschein gemacht, was das Familienleben erleichtert. Oh John I feel you very much. Mehr als ich hier im Blog schreiben kann (Töchterlein, falls Du das jemals liest: Ich hab Dich lieb :) )
Jedenfalls, dass der Schotte aus einem 1–3 Rückstand am Ende ein 4–4 macht, ist ebenso erfreulich wie typisch. Team Decider, wie erwähnt.
In der Pause zwischen den Sessions schaue ich mir den inzwischen historischen Spielplan an. Wie aus einer anderen Zeit. Ist es wirklich erst eine gute Woche her, dass ich Antoni Kowalski die Daumen gedrückt habe? War Matthew Stevens wirklich bei der WM dabei oder hab‘ ich das nur geträumt?
Der Abend mit Mark Allen und Wu Yize vergeht recht angenehm, was die Qualität von Wu’s Spiel betrifft. Allen allerdings macht mir weniger Freude. Und mir waren auch die Schafe nicht vergönnt, da ich nicht BBC schaue und die technischen Probleme „Nur“ auf D+ begutachten konnte. Aber wenigstens auf Englisch, so dass ich ohne die deutschen Synchron-Overdubs verstehe, was das Problem war.
Freitag 1. Mai
Alles neu macht der Mai. In diesem Falle funktioniert das Streaming im Wohnzimmer nicht mehr und am Laptop wird der externe Bildschirm nicht mehr erkannt. Ich kann also nur mit einem wackeligen Provisorium ab dem 5–5 einigermaßen schauen, nebenher immer noch nach Lösungen suchend. Ich hätte genauso gut zu den Schafen gehen können, die auf der anderen Seite der hiesigen Autobahn wohnen. Kurz war ich versucht es zu tun, um euch ein Foto davon zu zeigen. Aber ich werde mir den Gag für später aufheben, um euch hinterrücks damit zu tratzen :)
Ich nehme immerhin erfreut zur Kenntnis, dass es zum MSI 6–6 steht.
Aber was beklage ich mich. Die WM 2022 habe ich nur schauen können, weil ich kurzfristig in Reha war: Da gab es zwar kein Wlan, aber standardmäßig Eurosport. Zu Hause hatte damals die Technik überhaupt nicht funktioniert.
Nach dem MSI also weitere vier Frames, in denen erstmals der Schotte mit geduldigem, vorausschauend denkendem Spiel zwei Frames in Führung geht.
Andererseits habe ich Shaun Murphy nach einer brutalen langen Roten lächeln sehen? Mir gefällt angesichts etwas verknubbelter Farbbälle der Begriff „Farbbeton“, den Thomas Hein den Engländer anrühren lässt.
Was hängen bleibt? Am Ende steht es wieder unentschieden, und meine Hoffnung auf einen Decider besteht weiterhin.
Zwischen den Sessions hole ich mir einen Peter-Ebdon-Snack mit Brecelbeilage (Vegane Wurst, Salat und Pommes) auf dem Dorffest. Hätte ich geahnt, was kommen würde, ich wäre entspannter gewesen. So bin ich pissed, da ich als erster bestellt hatte, aber mein Essen erst als fünfter bekomme, mir ergo die Zeit davon läuft.
Acht Rote und der Zauberer Wu (frei nach dem ähnlich lautenden Kinderbuch)
Zeit war ein Thema, das zwischen Mark Allen und Wu Yize in ganz anderem Kontext bereits vorkam.
Als das Publikum laut wird, fängt das Ganze auch mich an zu nerven. Marcel Eckardt wird deutlich, das Publikum nervig. Ich bin da auch ganz bei ihm, die Geräuschkulisse wird nicht benötigt. Auch als er recht eindeutig darauf hinweist, dass es jetzt mal weitergehen muss. In meiner Wahrnehmung hatte Mark wiederholt die sichtbare Chance, eine etwas abstehende Rote zu lösen und so zumindest eine kleine Entwicklung voranzutreiben. Statt dessen sorgt er immer wieder dafür, dass die jeweilige Rote wieder zurück in die Kuschelecke wandert.
Das nervt mich. Genauso wie mich seine Ablehnung eines Re-Racks nervt. Die Reaktion des Publikums ist irgendwie drollig. Aber auch nervig. Zunächst will Mark am Bild nichts ändern, und zumindest bei mir verspielt er etwas Sympathiepunkte. Ob er nach der erneuten Ermahnung Schwarz absichtlich locht oder nicht, ist eigentlich egal. Mark und Publikum gehen mir zu diesem Zeitpunkt auf den Senkel. Ich finde oft, dass Marcel Eckardt einen etwas kühlen, schroffen Eindruck macht, aber in dieser Situation war es genau der richtige Ton.
Dass Wu, der am heutigen Tag wenig von dem zeigt, was er gestern noch auspacken konnte, auf dem Weg ist, den Frame zu gewinnen, gönne ich ihm. Minimal versöhnt bin ich erst, als nach einer verschossenen Schwarzen, die Richtung Ecke wandert, auch Marcel Eckardt lacht. Dass Mark Allen schon zwei-und dreifach-Snooker braucht, den Frame dennoch nicht aufgibt und die Snooker sogar bekommt. Sein Nicht-Aufgeben wird durch entsprechende Bälle als korrekte Entscheidung untermauert. (Allein der Snooker hinter Schwarz, den Malin in ihrem Beitrag verlinkt hat, um nur ein Beispiel zu nennen.) Und Wu den Frame dennoch und zu Recht holt.
Es hat etwas mit mir gemacht, was da passiert ist. Vom Spielstand her kann ich zufrieden sein, es ist eng. Aber meine uneingeschränkt für Mark gedrückten Daumen sind nicht mehr ganz so uneingeschränkt. Mein Bild bezüglich Marcel Eckardt wandelt sich etwas.
Ich bin genervt vom Publikum. Ich glaube aber, selbiges war seinerseits genervt und brauchte ein Ventil. Hätte Mark darauf regieren sollen? Nicht weil er fürs Publikum spielt, sondern weil ihm und Yize hätte auffallen können, dass hier etwas Schräges passiert? Ich glaube nicht, dass sie mit dem aufgestellten Rekord glücklich sind.
Ich bin neugierig, wie es morgen mit der besonderen Situation zwei Frames hintendran zu sein, weitergeht.
Wie wundervoll „normal“ ist dann die Abendsession, die ich wegen vorausgegangenem Spaziergang und erneuten technischen Problemen verspätet sehe.
Samstag, 2. Mai
Ich war kritisch, was die heutige erste Session betrifft. Ein bisschen bin ich böse. Nicht auf die Spieler oder das Publikum, auch wenn das gestern so durchschimmerte. Das Match an sich, besonders die gestrige Session, macht mich fertig. Ich geb dem mal die Schuld, dass ich heute die Schwarze gefoult habe (aka frisch gewaschenen, nassen schwarzen Pulli fallen lasse und er wieder dreckig ist. Oder die weiße über die Bande gedonnert habe (mein schönes weißes Auto blieb am Pfostenvorsprung am Hoftor hängen).
Nein, ich bin natürlich selbst verantwortlich dafür. Emotional komme ich zum Midsession runter. Was Wu und Allen heute zeigen, ist so komplett anders als der gestrige Tag. Flüssig, schön, schnell.
Und ja, ich liebe Snooker wegen BEIDEM: Das eine tun, das andere nicht lassen, DESWEGEN schaue ich diesen Sport. Man weiß nie, was man bekommt, und beides kann ansehnlich und spannend sein. Und beide Spieler haben beides drauf.
Gleiches gilt für die finale Session von Higgins und Murphy. In meiner Wahrnehmung ein perfektes Halbfinale mit allem, was es braucht. Wundervoll anzuschauen. ABER (ich wäre nicht ich, wenn da nicht ein ABER wäre ;)) emotional ist das beinahe ein vorweggenommenes Finale für mich. Ich spüre, wie ich innerlich beginne mit dieser WM abzuschließen.
Ein typisches Phänomen. Fast jedes Jahr läuft es darauf hinaus. Morgen werden zwei Sessions gespielt, die entweder die Erkenntnis bringen, dass ein Spieler schon weit vorne liegt oder eben, dass es einigermaßen knapp bleibt. In letzterem Falle ist der Montag wieder ein interessanter Tag.
Ich werde dennoch alles schauen. Aber für dieses Tagebuch, das eine erstaunlich typische WM, wie ich sie seit einigen Jahren erlebe, beschreibt, heißt es Abschied nehmen. (Ok, die Katzen waren neu). Ich schreibe die letzten Zeilen, während es bei Wu Yize gegen „MacAllen“ auf die Entscheidung hinausläuft.
(gerade der zweite Re-Rack des Abends, ich muss doch mehr lachen als ich sollte. :))
Und dann passiert doch noch etwas
Ich habe erlebt, wie Umweltaktivisten auf den Tisch gestürmt sind und den Tisch orange eingefärbt haben, so dass das Match nicht fortgesetzt werden konnte.
Mir ist dummes Genöle von Ronnie-Fans, die ihrem Star damit eher geschadet als geholfen haben, nicht fremd.
Ich war dabei, als in Berlin ein Trump-Fan seinen Favoriten deutlich zu laut aufforderte und ihn sichtlich störte (der Typ saß direkt hinter mir und ich wäre am liebsten irgendwo im Keller des Tempodrom versunken).
Aber dass in so einer Situation jemand „Never forget the Epstein files“ reinruft… Was soll das ? Soll das irgendwas mit den Akteuren am Tisch zu tun haben?
Ich bin SAUER.
Niemand weiß, was passiert wäre, wenn der Störenfried nicht gewesen wäre. Hätte Wu auch verschossen oder nicht? Wäre der Frame anders verlaufen? Es ist eigentlich egal. Es wird immer ein Gschmäckle bleiben. Aber tatsächlich, so leid es mir für Mark Allen tut, bin ich froh, dass Wu Yize den Frame gewonnen hat. Für ihn, er hat es verdient. Für Mark, auf dessen Finaleinzug ein Schatten gelegen hätte, ohne dass er etwas dafür gekonnt hätte.
So hängt ihm vermutlich die verschossene Schwarze und der verfrühte Jubel eine Weile nach. Auch nicht besser, zugegeben.
Sonntag, 3, Mai
Ein Ehrenamt, das ich mit neu gewonnenem Elan wieder aufnehme, sorgt dafür, dass ich die erste Session nicht sehen werde. Komme ich klar damit.
Wir hatten zwei Halbfinals, die in Summe alles zeigten, was an Snooker toll und sehenswert ist (inklusive nervigem Publikum).
Die Entscheidung, das Tagebuch hier zu beenden, war ja schon früher gefallen.
Nach dem Reisebericht von Peter und der schönen aktuellen Beschreibung von Ariane hat sich mein Traumziel Sheffield (für mich wäre das ein enormer Kraftakt) tatsächlich ein wenig ausgeträumt. Nicht, dass ich es nicht irgendwann mal möchte, aber mein Fokus hat sich verschoben auf 1) noch einmal Berlin, und 2) eine Frauen–WM live zu sehen. Da ist immer noch viel zu wenig Fokus drauf, und das muss sich ändern. Und ich Eurosport-Konsument kratze viel zu sehr an der Oberfläche. Das muss sich auch ändern.
Zusammenfassend ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass ich in Montenegro Urlaub mache, bevor ich nach Sheffield fahre. Ich muss mal meine TimeLife-CD-Sammlung aus dem Keller holen…
Epilog

hat das Ziel klarer vor Augen: Wu Yize liegt nach dem ersten Finaltag 10-7 vorne. Quelle: Zheng Zhai
Natürlich bin ich mit Schreiben nicht so schnell, wie die WM-Finalisten beim Spielen. Und so bekomme ich zumindest die letzten beiden Frames der ersten Session des Finales mit. Und wieder: Es ist alles da, was Snooker so zu bieten hat: Beim Stand von 3–3 gelingt dem aus einem Rückstand kommenden Engländer eine 109 bis Pink, der damit das 1999. Crucible-Century schafft. Und im finalen aller Erstsessionframes des Turniers kommt es zum ausgedehnten Duell: Wu hatte mit der Bockhand eine lange Rote gespielt, die wegen Schwarz auf dem Spot schwer zu spielen war. Die anschließende Farbe verschießt er aber. Murphy ewas später ebenfalls mit einer starken Roten, auf die eine verschossene Grüne folgt, was zur Folge hat, dass er Snooker benötigt. Am Ende gewinnt der chinesische Jungstar, der, wie es im Kommentar heißt, „ans Ladegerät muss“. Ich übrigens auch…
Das Finale beginnt vielversprechend. Ich freue mich auf den Rest.














