Am Montag, den 4. Mai 2026 fiel im Crucible Theater der letzte Vorhang für die diesjährige Snooker-WM. Ariane Tanner blickt zurück auf die Stimmung in Sheffield und unterstreicht, dass der Entscheid, die WM im Crucible zu belassen, richtig ist.
Zwei Mal schon hatte ich Tickets fürs German Masters gehabt; zwei Mal hatte ich sie verschenken/verfallen lassen müssen. Im dritten Anlauf aber sollte es mit meinem allerersten Besuch eines Live-Snooker-Events der Profitour klappen, und das direkt an der World Championship in Sheffield! Wie gross ist die Aufregung, wenn man nach Sheffield an die Snooker-WM fährt? Nie gross genug!, wäre meine Antwort vor der Reise gewesen. Vor Ort wurde ich eines Besseren belehrt.
The place to be
Beworben wird die Krönung der Snooker-Saison mit den 16 Besten der Weltrangliste und 16 weiteren absoluten Top-Spielern. Letztere werden vorgängig in einer tagelangen, sich über mehrere Matches hinziehenden Vorausscheidung inklusive des berühmten «Judgement Day» ermittelt. Unermüdlich sind Eurosport und BBC im Vorfeld daran, die Spannung auf die zwei Wochen in Sheffield aufzubauen. Minutenlange Clips und Einspieler über diese Stadt und die voll mitgehende Zuschauermenge im Crucible, die genau weiss, wann sie mucksmäuschenstill sein muss oder in frenetische Standing Ovation ausbrechen darf, erwecken den Eindruck, dass es schlicht ‘the place to be’ ist, wenn man Snooker liebt. Und wer die Stimme des deutschen Moderators Rolf Kalb noch im Ohr hat, weiss, wie auch er jedes Jahr daran arbeitete, die Zuschauenden auf das Turnier der Turniere einzuschwören: Die Länge des Wettbewerbs, die heissbegehrte Trophy, die energieaufzehrenden Matches, die sich über mehrere Sessions hinziehen, bis es im Finale sogar um maximal 35 Frames geht. Jahr für Jahr wurden wir bildunterstützt an vergangene epische Frames zwischen ewigen Rivalen am grünen Tisch mit nervenzerfetzenden Dramen um verpasste Bälle oder doch noch auf die letzte Schwarze beendete Matches erinnert.
- Die Sheffielder Brassband unterhält zwischen den Sessions @Ariane Tanner
- Entspannte Stimmung im Winter Garden im BBC-Studio @Ariane Tanner
- Es gibt keine langen Warteschlangen vor dem Crucible @Ariane Tanner
Which table?
So kommt es, dass man diese ganze aufgekratzte Erwartungshaltung für eine ‘once-in-a-lifetime experience’ nach Sheffield mitnimmt. Vorausgesetzt natürlich, dass man es überhaupt geschafft hat, Tickets zu ergattern. Diese kauft man ja blind. Man weiss nicht genau, wer die 16 gesetzten Spieler sein werden, man weiss nicht, wer im ‘draw’ unten oder oben ist, man hat keine Ahnung, für welches Match man Karten hat. Irgendwann sah ich dann aber – auf snookerpro.de, einer wirklich flott ubgedateten Seite –, wann welche Matches angesetzt sind. Dadurch entdeckte ich auch, dass es von der Auslosung her sogar möglich sein könnte, dass ich meinen absoluten Favoriten live zu sehen bekäme! Dieser enorme Schub an Vorfreude wurde im nächsten Moment durch eine weitere Einsicht getrübt. Was, wenn derjenige Spieler, den ich am liebsten sehen möchte, die erste Runde nicht übersteht, ich aber erst in Runde zwei vor Ort bin? Was, wenn er zwar die erste Runde überstanden hat, er aber auf ‘table 1’ spielt, ich aber bei ‘table 2’ mein Ticket gebucht habe? Muss ich riskieren, dass ich zwar stundenlang ‘in the same room’ wie mein Idol bin, aber auf der falschen Seite der Wand, er also ständig von einer gigantischen, schnöden Pressspanplatte mit Werbeaufschrift verdeckt ist?
Chill, you are in Sheffield!
Ich treffe also mit einem unvergleichlichen Mix aus haltloser Vorfreude, persönlichen Hoffnungen und vorgelagerten Sorgen an einem sonnigen Samstagnachmittag in Sheffield ein. Der Weg vom Bahnhof zum Hotel ist kurz und von Wimpeln mit ehemaligen Weltmeistern gesäumt. Plötzlich erblicke ich einen Bühnenaufbau und höre es, DAS Geräusch. Das unverkennbare Klack-Klack des angespielten Cueballs und zweier aufeinandertreffender Kugeln. Ich bin beim Public Viewing auf dem Square vor dem Crucible Theater angekommen. Es gibt eine locker gefüllte ‘pic-nic zone’ mit rot-weiss gestreiften Liegestühlen sowie Tischen und Bänken. Niemand hat einen Platz vorreserviert oder einen familiengrossen Proviantkorb dabei, um einen Tag dort zu verbringen. Die Menschen holen Getränke aus den umliegenden Pubs und wechseln sich auf den Stühlen ab, sitzen auch mal auf dem Kunstrasen. Nach der Session wird die Brassband von Sheffield in einem kleinen Pavillon an der Ecke die Anwesenden unterhalten. Es gibt keinen Kiosk hier, es gibt nur ein paar Personen in orangen Westen, die zwischendurch liegen gebliebene Becher zusammensammeln. Keiner will dir hier etwas verkaufen, alle sind willkommen.
Im gegenüberliegenden Winter Garden hat die BBC ihr Studio aufgebaut. Die Zuschauenden trennt von den journalistischen Profis sozusagen ein kleiner Zaun und eine Topfpflanze. Wenn die Frames lang sind, essen Stephen Hendry und seine Kolleg*innen am Tischchen etwas oder legen die Füsse (Stephen Hendry im Bild) ebendort ab. Alles ist so entspannt und unaufgeregt. Ich bin völlig verblüfft.
‚It is gonna be a surprise.‘
Mein erstes Ticket habe ich für die Sonntagmorgensession gebucht. Es gibt zwei parallele Matches, Mark Selby gegen Wu Yize und John Higgins gegen Ronnie O’Sullivan. Alles könnte perfekt sein, wenn ich jetzt noch wüsste, wen ich am nächsten Morgen auf „meinem Tisch“ erwarten darf. Aber ich kann es fast nicht fassen, dass weder die WST-App noch die einschlägigen Websites eine Auskunft über die Zuteilung der Tische geben! Ich komme mit einer Irin ins Gespräch, die jedes Jahr die WM in Sheffield besucht. Jetzt sehe ich meine Chance gekommen, ich sitze an der Quelle, und die Frage aller Fragen würde sich in den nächsten Sekunden beantworten. Ich lege meine ganze Aufregung sowie Dringlichkeit in den Satz: Wie kann ich wissen, wer auf welchem Tisch spielt? Die Antwort der Crucible-Erfahrenen ist simpel: ‚It’s gonna be a surprise.‘ Von da weg wusste ich es definitiv: ‘Tune in’, alles entspannt, du bist in Sheffield. Und ich würde mich lächerlich machen, da nicht mitzuschwingen.
Rechtzeitig trifft am nächsten Morgen eine Erinnerung ans Ticket ein. Darin wird man sogar gebeten, nicht zu früh am Crucible einzutreffen. Es gibt auch keine Warteschlange und Null Gedränge. Die Sicherheitsleute, die einen Blick in die Tasche werfen, begrüssen dich mit «Hello, darling!» und erkennen dich am nächsten Tag wieder. Trinkflaschen müssen abgeben werden, aber drinnen gibt es gratis Wasser. Niemand ist hier in Eile. An meinem Platz in der ersten Reihe angekommen, lasse ich mir erklären, dass ich jetzt oben rechts auf dem Bildschirm sehen kann, wer gleich vor mir spielen wird. Ich bin ein absoluter Glückspilz. Meine kühnsten Snookerzuschauer*innenträume gehen in Erfüllung.
‚Sheffield is a chilled city.‘
Aber es hätte auch anders sein können und es wäre kein Anlass zu Betrübnis gewesen. Diese Haltung lernt man von dieser Stadt und den Besuchenden im Crucible. Es ist generell eine Freude, hier sein zu dürfen. Und es gab auch in diesem Jahr nebst Euphorie und Jubel reichlich Nervenverlust und Drama sowie den längsten und vertracktesten Frame. Als ich am Abend meines ersten Crucible-Tages in einer Bar auf einen Drink gehe, bestätigt mich der Barkeeper: ‚Sheffield is a chilled city.‘ Im Januar 2026 wurde entschieden, dass dieser Ort noch mindestens bis zum Jahr 2045 die Snooker-WM austragen wird. Es soll im Crucible ein paar Änderungen backstage für die Spieler und eventuell mehr Sitzplätze geben, obschon noch nicht klar ist, wie das alles umgesetzt werden soll. Zu hoffen ist einfach, dass Sheffield und die Crucible-Verantwortlichen es schaffen, den aktuellen Spirit weiterzutragen: gechillt, nahbar, unaufgeregt. ‚Hello, darling, good to see you again!‘
PS: Weil ich nun neu in Kontakt bin mit echten Snooker-Kenner*innen hinter snookerpro.de, habe ich auch sofort gelernt, wie ich die table 1 / table 2 – Frage locker im Vorfeld für mich selbst hätte beantworten können… :-)









