Zwei Menschen können dasselbe Match gucken und doch etwas ganz anderes sehen. Lula fasste die Begegnung zwischen Xiao Guodong und Zhou Yuelong ganz nüchtern zusammen, Yuelong-Fan Målin hat inzwischen ihre Tränchen getrocknet und ergänzt ihre eigene Version.
Hoffnungen auf Sparflamme gehalten
In der Qualifikation hatte sich Zhou Yuelong zwar mit zwei souveränen Siegen gegen Robbie McGuigan und Michael Holt durchgesetzt, die Deutlichkeit hatte er aber auch dem Umstand zu verdanken, dass seine Kontrahenten wenig zusammen bekamen. Das gute Breakbuilding, das sonst Yuelongs Stärke ist, war noch ausbaufähig.
Rob Walker fragte ihn nach erfolgreicher Qualifikation nach einem Wunschgegner für die erste Runde im Crucible. Yuelong äußerte dafür zwei Wünsche, keinen schweren Gegner (davon gibt es unter dem Top 16 ja massenweise *hüstel*) und lieber erst etwas später spielen. Er habe nämlich im Moment kein großes Vertrauen in seine Stoßtechnik und könne noch etwas Training gebrauchen. Ich passte meine eigene Erwartungshaltung an diese glaubwürdige Tiefstapelei an. Ich hoffte aber ein wenig, dass er sich dadurch selbst ein bisschen den Druck nehmen könnte.

Ein überglücklicher Yuelong am Judgment Day. © Matt Huart
Xiao Guodong: der gewünschte leichte Gegner für Yuelong?
Zhou Yuelongs Wünsche waren mir nun bekannt, aber was waren meine eigenen Wünsche für den Lostopf? Er sollte nach Möglichkeit am Wochenende, am Mittwoch oder am Abend spielen, damit ich das Match würde sehen können. Er sollte einen „leichten“ Gegner bekommen – hey, seine Wünsche sind meine Wünsche. Und er sollte nicht gegen einen Spieler spielen, den ich sehr mag, immerhin würde einer der beiden ausscheiden. Aber er sollte gegen einen Spieler spielen, den ich schon ein bisschen mag. Weder im Falle einer Niederlage noch im Falle eines Sieges sollte es zu sehr schmerzen.
Unter diesen vielen Kriterien, die sich teilweise gegenseitig im Weg standen, war Xiao Guodong als Gegner für Zhou Yuelong aus meiner Sicht eine der besten Optionen. Mit dem Draw war ich also zufrieden.
Kurzer Hoffnungsschimmer bei gutem Start
Am Samstagnachmittag ging es schon los. Zhou Yuelong war also keine lange Trainingspause vergönnt gewesen. Aber der Start war denkbar gut. Break-off Guodong, Longpot Yuelong. Ohne frameentscheidendes Break, aber mit ein paar guten Möglichkeiten und gutem Spiel hatte sich Zhou Yuelong schnell 2-0 in Führung gebracht. Ich war schon fast versucht etwas Hoffnung aufkeimen zu lassen, wurde aber schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. In vielen Frames kam Yuelong zwar früh ins Break, auch dank weiterer fantastischer Longpots, aber die Breaks stolperten meist nur über die 30 oder 40 Punkte Grenze. So gingen viele der Frames dann doch verloren und ich konnte am Ende erleichtert sein, als er den Rückstand vor Ende der Session noch auf 4−5 verkürzen konnte.
Session 2: Gucken oder nicht gucken
Für den Sonntagabend hoffte ich erneut auf einen guten Start für Yuelong. Vielleicht hatte er ja sogar in der langen Pause zwischen den beiden Sessions seine alte Scoring-Hose auf dem Dachboden wiedergefunden? Doch Xiao Guodong bekam in den ersten Frames die ersten Chancen und vergrößerte den Vorsprung auf drei Frames.
Snooker ist ja ein brutaler Sport. Wenn man einen Fehler macht kommt das Gegenüber an den Tisch und lässt einen vielleicht nicht mehr mitspielen. Das Sitzen auf dem eigenen Stuhl und Warten und Hoffen muss brutal sein. Denn ich finde es auch brutal von zuhause aus. Und manchmal pausiere ich dann den Stream und behalte nur das Livescoring im Auge, um einen möglichen Zugwechsel mitzubekommen. Der Start in den Abend hievte mich schon sehr bald in den „Ich kann da nicht mehr hingucken“-Modus. Den dritten Frame der Session holte sich dann aber Yuelong, sodass ich mich zum Weitergucken zwang.
Der beste Frame des Turniers?
Kollegin_ Lula schrieb: „Er [Zhou] gewann zwar noch zwei Frames, einen davon auf Schwarz“ und so kann den vierten Frame der Session wirklich nur jemand zusammenfassen, der nicht bei jedem Stoß mit dem ganzen Körper mitgefiebert hat. Es gibt ja solche und solche Duelle auf die Farben: diejenigen, die nicht enden, weil beide Spielenden im Verlauf das Snookerspielen zu verlernen scheinen, und solche bei denen sich beide durch brilliante Safeties neutralisieren. Und letzteres geschah in diesem Frame.
Zhou Yuelong kam noch zurück, nachdem er schon einen Snooker auf Blau brauchte. Er dominierte und gewann die ausgedehnten Safetyduelle auf Blau und Schwarz und es waren viele sehenswerte Bälle dabei für Leute wie mich, die gute Safeties genießen. Aber ich will mich jetzt nicht in langen Manöverbeschreibungen verlieren, guckt euch die entscheidende Phase des Frames doch einfach selbst nochmal an:
Kurz und schmerzloses Ende
Damit hatte Yuelong zur kurzen Pause innerhalb der Session seinen Ausgangsrückstand wieder hergestellt, jetzt 6–7. Sollte ich nochmal Hoffnung aufkeimen lassen? Erstmal vorsichtig abwarten, wie es nach der Pause weitergehen würde. Und dort drehten sich die Vorzeichen aus der ersten Session: Break-off Yuelong, Longpot Guodong. Aber Xiao Guodong ließ auch beim Punktesammeln nichts Anbrennen und machte nicht nur ein, sondern gleich zwei Centuries in Folge. Auch der insgesamt sechzehnte und letzte Frame verlief einseitig. Ich weiß auch nur grob, was passiert ist, denn ihr könnt es euch denken: Nach der Pause habe ich mehr weggeguckt, als hingeguckt.
Wenn der eigene Lieblingsspieler raus ist, verliert die Weltmeisterschaft einen kleinen Schimmer. Aber ich bin eigentlich ganz versöhnlich. Yuelong hat gut gekämpft und viel gutes Snooker gezeigt, obwohl er mit den wesentlichen Elementen seines Spiels am Hadern war. Und am Ende ist er einfach von einem absoluten Bollwerk überrollt worden, was kann man da schon groß dagegen halten?
Jetzt heißt es für mich: Erstmal alle Tränchen trocknen, aber dann unbedingt …
Weitergucken!
Aber natürlich will ich die Weltmeisterschaft weiter genießen und möglichst alle Sessions mitnehmen, die mir nicht durch diese leidige Nebensache Lohnarbeit geklaut werden. Was ist also seit Zhou Yuelongs Ausscheiden passiert?
Ding Junhui bringt seinen Vorsprung gegen einen viel zu spät aufgewachten David Gilbert nach Hause. Die zweite Session wurde tatsächlich mit ganzen zwei, ja wirklich zwei Spielern gespielt. Und sie ließ ein bisschen erahnen, was das für ein interessantes Spiel hätte sein können, wäre dieser David Gilbert oder der Quali-Gilbert auch schon zur ersten Session am Sonntag erschienen. Nach dem 10-5-Sieg trifft der chinesische Wegbereiter Ding in der nächsten Runde auf den ersten chinesischen Weltmeister und Titelverteidiger. Auch eine vielversprechende Begegnung.
Apropos vielversprechend. Irgendwas hatte ich mir von dem Match zwischen John Higgins gegen Ali Carter erwartet. Gestern hatten sie noch irre die Session in zwei Hälften aufgeteilt und irgendwie war klar: da kommt heute was. Also habe ich mir die zweite Session nach der Arbeit im Schnellverfahren zeitversetzt angeguckt. Und ich muss sagen: Es war total langweilig. Kein nachmittagfüllendes Black-Ball-Game, kein Decider, keine Messerstecherei. Aber vielleicht war das viele Vorspulen auch nicht hilfreich dabei, das sich entfaltende Drama einzufangen. Higgins hat das jedenfalls dann doch recht unaufgeregt mit 10–7 nach Hause gebracht.
Und weiterhin gewinnen überall die gesetzten Spieler. Gut, dass Debütant Stan Moody sich einen tollen 6–3 Vorsprung gegen den Weltmeister von 2024 Kyren Wilson erspielt hatte, den er zu Beginn der zweiten Session sogar auf 7–3 erhöhen konnte. Im nächsten Frame sorgte jedoch eine von Kyren Wilson gelochte Respotted Black für einen Übersprung des Momentums. Je mehr danach dem Ex-Weltmeister gelang, desto mehr Fehler streute der Qualifikant ein. In Frame 14 gelang Moody zwar nochmal eine 68, das höchste Break der Session, aber Wilson stahl ihm noch den Frame, obwohl er schon drei Snooker benötigt hatte. Das hatte Stan Moody dann wohl endgültig den Zahn gezogen. Wilson gewann sieben Frames in Folge und zieht mit einem 10–7 in die nächste Runde ein.
Wir warten also noch immer auf einen Sieg eines Qualifikanten. Wenig Hoffnung dürfen sich alle Fans von Lei Peifan machen, er liegt nämlich schon mit 1–8 gegen Wu Yize zurück. Ich hatte ja auf einen Außenseitersieg von Fan Zhengyi gegen Shaun Murphy getippt und es können ja nicht alle meine Vorhersagen schlecht sein. Tatsächlich spielen die beiden derzeit auf Augenhöhe, Murphy mit einem 5–4 Vorsprung.











