Mark Allen und Wu Yize stellen einen Rekord auf und schreiben etwas anders Geschichte

Beim Spielstand von 7 zu 6 für Mark Allen über Wu Yize steht es 43 zu 13 für Allen in Frame 14. Gezeigt ist eine Nahaufnahme der rechten Ecktasche an der Kopfbande, an die sich der Spielball sowie acht Rote kuscheln, der Eingang der Tasche wird dabei durch Schwarz blockiert. Oben im Bild sieht man einen Hinweis eingeblendet, dass sich die Ausstrahlung von Richard Osmans House of Games verzögert.
Snookerfan Richard Osman wollte bestimmt auch wissen, wie sich das auflöst. © BBC via David Grace auf X

Mit hundert Minuten und neunzehn Sekunden haben Mark Allen und Wu Yize einen neuen Rekord für den längsten Frame, der jemals im Crucible Theatre ausgetragen wurde, aufgestellt. Der schlimmste aller Albträume oder ein ganz besonderes Spektakel? Die Meinungen gehen auseinander.

Neben dem Rekord für den längsten Frame haben Mark Allen, Wu Yize und Referee Marcel Eckardt nämlich noch einen weiteren (inoffiziellen) Rekord aufgestellt: den für den kontroversesten Frame in der Geschichte der Weltmeisterschaft. Ein Frame von 100 Minuten, der offenbar viele Emotionen aufgewühlt hat.

Was passiert war

Wu Yize hatte sich am Donnerstag völlig unbeeindruckt davon gezeigt im alleinigen Mittelpunkt des Crucibles spielen zu müssen. Auch die irritierenden „Wuuuu“-Rufe aus dem Publikum brachten ihn nicht aus der Fassung. Er erarbeitete sich einen 6–2 Vorsprung.

Der zweiten Session drückte jedoch Mark Allen seinen Stempel auf. Nachdem er schon den ersten Frame der Session gewonnen hatte, drehte er auch noch den zweiten, in dem er schon Snooker brauchte. Mit gerade mal einer Stunde Spielzeit war das ein absoluter Quicky. Mark Allen ließ sich davon aber selbst nicht aus dem Rhythmus bringen, er legte mit einem 145er Break direkt nach. Das ist das zweithöchste Break der WM nach Chang Bingyus Maximum und das höchste Break bisher in diesem Jahr im Crucible.

Allen gewann auch die nächsten beiden Frames inklusive eines weiteren Centuries. Aus einem 2–6 Rückstand hatte er eine 7–6 Vorsprung gemacht.

Was dann passiert ist

Der denkwürdige 14. Frame begann zunächst ganz normal. Mark Allen spielte ein kleines Break, verschoss dann aber Schwarz vom Spot, die prompt in der Tasche liegen blieb. Es folgte ein ausgiebiges Safety-Duell gespickt mit Fouls von beiden Seiten. Und nicht direkt, aber doch stetig, rollten die beiden alle Roten da unten in die Ecke, die durch den blockierenden schwarzen Ball einfach verführerisch sicher geworden war. Wer regelmäßig Snooker guckt, kennt diesen Typ Frame. Man sieht ihn nicht oft, aber doch gelegentlich. Rund 25 Minuten nachdem der letzte Ball gelocht wurde, war das Schicksal des Frames vorläufig besiegelt: absoluter Stillstand.

Der übliche Ausweg aus dieser Situation: ein Re-Rack. Aber Mark Allen stand nicht der Sinn danach, seine rund 30 Punkte Vorsprung könnten ihm ja noch nützlich werden. Also schoben die beiden in dieser Patt-Situation die acht roten Bälle noch fröhlich vor der blockierten Tasche auf und ab. Immer darauf bedacht, die Situation vielleicht so vertrackt zu hinterlassen, dass der Andere versehentlich die Schwarze per Kettenreaktion in die Tasche befördern würde.

Stimming in der Bude, äh im Crucible. 😅

— Anja (@anja2.bsky.social) 1. Mai 2026 um 19:06

Die Zeit war irgendwann so weit fortgeschritten, dass ein Re-Rack vermutlich die Session sofort beendet hätte, um einen pünktlichen Start der nächsten Session zu gewährleisten. Die Atmosphäre im Crucible Theater erinnerte inzwischen mehr ans Shoot Out als an eine Snookerweltmeisterschaft. Nach Absprache mit Rob Spencer verkündete Marcel Eckardt, dass er den beiden Spielenden jetzt noch je drei Stöße gebe, dann würde er den Re-Rack erzwingen. Mehr als 56 Minuten nachdem er den letzten Ball gelocht hatte, beförderte Mark Allen schließlich die Schwarze in die Tasche. Das waren 56 Minuten, in denen viele immer gleiche Safeties gespielt wurden, Bälle nach Fouls wieder zurück gelegt wurden, das Publikum ermahnt wurde oder in denen die Beteiligten über die Situation diskutierten.

Was dann auch noch passierte

Nachdem die schwarze Spielverderberin endlich auf ihren Spot zurückgekehrt war, war der Frame aber natürlich noch nicht vorbei. Die Roten lagen nach wie vor nicht günstig, aber Wu Yize spielte daraus ein sehr gutes 41er Break. Er übernahm die Führung im Frame und konnte sie nach einem weiteren intensiven Safetyaustausch sogar weiter ausbauen. Als noch Blau, Pink und Schwarz auf dem Tisch verblieben, lag Wu Yize mit 82–54 vorne. Eine Lücke von zehn Punkten für Mark Allen.

Noch knappe zwanzig Minuten versuchte Mark Allen Wu Yize Foulpunkte abzuringen. Sieben davon bekam er schnell, denn Schwarz hatte sich zurück in ihre Lieblingsposition in der Ecktasche begeben. Als Wu Yize versuchte Blau in die gegenüberliegende Ecktasche zu lochen und verfehlte, lief Blau quer über den Tisch zurück und versenkte Schwarz. Der Rest des Frames bestand aus ein paar sehr sehenswerten gelegten Snookern von Allen und, nachdem er selbst Blau lochte, seinen Versuchen Pink wieder aus den Tascheneinläufen rauszuholen. Nach hundert Minuten nutzte Wu Yize seine Chance auf eine lange Pinke erfolgreich und gewann seinen ersten und einzigen Frame der Session.

Den vorherigen Rekord hatten Mark Selby und Yan Bingtao 2022 aufgestellt. Mark Allen und Wu Yize überboten diesen Rekord um rund 15 Minuten. Der neue Rekord für einen Crucible-Frame liegt nun also bei 100 Minuten. Klingt gar nicht so verrückt, bis man erwähnt, dass das kürzeste Match im Crucible kaum länger war. Der 10–1 Sieg von Ronnie O’Sullivan gegen Thepchaiya Un-Nooh im Jahr 2020 dauerte gerade einmal 108 Minuten.

Was die Einen sagen

Snookerfans, welche die Übertragung auf der BBC verfolgen, mussten sich Sorgen um Stephen Hendry machen, denn der Kommentator, der auch mal fürs Snookerspielen bekannt war, verfiel während des Frames in eisiges Schweigen. Womöglich hatte er sich, als die Schwarze die Ecktasche blockierte, zu Fuß auf den Rückweg nach Schottland gemacht. Nur um dann zuhause vor dem Fernseher den Kopf darüber zu schütteln, dass Mark Allen immer noch versuchte auf Blau Foulpunkte zu erspielen. Hendry meinte, dies sei „die dunkle Seite von Snooker“.

Aber er war nicht der einzige, der in Unmut verfiel. Ein besonders harsches Urteil fällte ein anderer früherer Serienweltmeister. Steve Davis fand, der Frame sei beschämend für Snooker. So etwas dürfe nicht noch einmal passieren, Schiedspersonen und die WPBSA sollten eine Lösung für solche Situationen finden.

Mark Allen ist ein bisschen zum neuen Mark Selby geworden. Kaum ist er in einen langen zerfahrenen Frame involviert, entlädt sich der Ärger von Kommentatoren und „Fans“ auf Social Media auf ihn. Aber auch Marcel Eckardt wurde von vielen kritisiert, er habe früher einschreiten müssen.

Was die Anderen sagen

Snookerfreunde lieben ihre Rekorde und Superlative. Die Vorfreude darauf, etwas Rekordverdächtigem beizuwohnen, holt doch den ein oder anderen hinter dem Sofa hervor. So auch mich, die Snooker gestern mit Alternativprogramm fremdging. Plötzlich sah ich die ganzen Screenshots vom Massenauflauf der Roten vor der blockierten Tasche auf Social Media und wurde natürlich direkt neugierig. Neben vielen negativen Stimmen, sah ich mindestens genauso viele positive.

David Grace formulierte auf Twitter treffend: Je mehr man nicht hinschauen sollte, umso mehr könne man gar nicht anders als hinzuschauen. Es fasse Snookerschauen ganz generell auf den Punkt zusammen.

Ich habe null Ahnung vom Thema, aber dass diese beiden Profis einfach nicht zum Ende kommen, fasziniert mich so sehr wie es mich wütend werden lässt.

— Waschbär (@sturmwindkind.bsky.social) 1. Mai 2026 um 19:39

Viele waren fasziniert. Ich las, Snooker steche insbesondere dadurch hervor, einen immer genau dann in den Bann zu ziehen, wenn es gerade besonders langweilig werde. Und auch wenn man positive und negative Reaktionen berücksichtigt, es wurde plötzlich überall über Snooker gesprochen. Kein weiteres Maximum in dieser Maximum-Rekord-Saison hätte die gleiche Aufmerksamkeit herstellen können.

Und auch wenn alle immer sagen, sowas sei schlechte Werbung für Snooker. Ist denn wirklich gesagt, dass man mit so kuriosem Unsinn nicht vielleicht wirklich neue Fans gewinnen könne?

Eben typisch Snooker

Für mich eher selten, habe ich dazu eine klare Meinung. Ich liebe Snooker für diese verrückten Dinge, die manchmal passieren. Manchmal, wenn ich ein Match nur im Hintergrund verfolge, halte ich plötzlich inne und drehe den Ton auf, wenn ich sehe, dass Referee und Spielende in eine ausführliche Diskussion darüber geraten sind, wohin man nach dem Foul die Bälle zurück platzieren müsse. Wenn ich jemand wäre, der bei sowas ausschaltet, dann wäre ich doch von vornherein nicht Snookerfan geworden. Ich bin Snookerfan, ich schalte EIN, wenn es so richtig anfängt weh zu tun.

Ich saß im Januar bis ein Uhr nachts im Tempodrom und habe einem meiner Lieblingsspieler Mark Selby beim Verlieren eines einstündigen Deciders zugesehen – und ich habe alles daran geliebt. Sorry dafür nochmal.

Auch mein persönlicher Lieblingsframe, der Zhou Yuelong letztlich zu meinem Lieblingsspieler machen sollte, war so ein Frame. Über 35 Minuten fragte ich mich, warum ich diesen Quatsch eigentlich gucke, am Ende waren die Qualen es Wert gewesen. Ich werde auch weiterhin nicht müde von diesem Frame zu erzählen, wie zum Beispiel jetzt gerade. Es schafft Anekdoten und Erinnerungen. Auch diesen Rekord-Frame zwischen Mark Allen und Wu Yize werden wir nicht vergessen.

Wenn man einen Comedy-Auftritt besucht (und sich den richtigen aussucht), dann weiß man, dass es lustig werden wird. Am lautesten in meinem Leben musste ich jedoch in einer Mathevorlesung lachen, weil ich um nichts in der Welt damit gerechnet hätte, dass mein Prof plötzlich anfängt rumzublödeln. Das, was man nicht erwarten konnte, beeindruckt oft am meisten. Und Snooker ist genial dafür gelegentlich, aber eben auch nicht zu häufig, Kurioses zu produzieren. Mich ärgern Leute, die dann immer aufschreien, um Snooker zuverschlimmbessern. Der Frame gestern zwischen Mark Allen und Wu Yize hat einen neuen Rekord aufgestellt. So schlimm kann das Snookerregelwerk nicht sein, wenn es 50 Austragungen brauchte, um einen 100 Minuten-Frame im Crucible zu produzieren.

Snookerquatsch macht Spaß!

AutorIn: Målin

Målin mag Zahlen und Tabellen. Wenn sie gerade kein Snooker guckt, wirft sie wahrscheinlich einen Blick auf die Provisional Rankings. Ist durch Langeweile zum Snooker gekommen und weil sie schon in jungem Alter einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer hatte. Neben Artikeln kümmert sich Målin bei SnookerPRO um die Spieler*innenprofile. Twitter: @esel_freund

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