Zweiter Teil WM-Tagebuch: Der Alltag kehrt ein
Samstag, 18. April , Nachtrag zum WM-Tagebuch, 1. Teil
Ich hatte das Match zwischen Zhao Xintong und Liam Highfield kurz nach dem MSI verlassen müssen. Manchmal hat Familie einfach Vorrang. Als ich nach längerer Zeit zurückkomme, läuft die Partie zu meiner Überraschung noch. Der Engländer wehrt sich noch gegen die Niederlage. Am Ende gewinnt der Weltmeister mit einem Century und ich schalte rüber zu Barry Hawkins gegen Matthew Stevens (von mir liebevoll Matthias Steffens genannt). Auch so eine Partie, bei der ich wünschte ein Unentschieden wäre möglich. Da hier aber heute keine Entscheidung fällt, läuft das eher als Radio mit. Es ist spät und ich habe noch Kram zu erledigen.
Sonntag 19. April
Eine lange feststehende Familienfeier hat den Effekt, dass ich von diesem Tag kaum etwas mitbekomme. Smartphone sei Dank, schaue ich immer mal wieder auf den Live-Ticker, gebe mich ansonsten aber familiären und kulinarischen Dingen hin. Immerhin einen kurzen SocialMedia-Post zum gern gesehenen Sieg von Mark Allen setze ich ab. Und ich finde jemanden unter den Gästen, mit dem ich über Snooker fachsimpeln kann.

Merkt man über wessen Sieg ich mich freue?
Nach einer alles in allem schönen Feier, bin ich um kurz nach 20 Uhr am Rechner. Ich habe noch einiges an Kram zu erledigen und daher sehe ich, mehr als Radio nebenher als wirklich hinzuschauen, den erfolglosen Kommzurückversuch des Polen gegen Mark Williams. Dabei kommt die Nachricht in mein Gedächtnis zurück, dass der Waliser angekündigt hat, bei einem erneuten Titelgewinn, wie bei seinem letzten Titel, zur Pressekonferenz unbekleidet erscheinen zu wollen. Finde ich mäßig lustig. War seinerzeit ne tolle, besondere Aktion. Aber eine Wiederholung brauche ich nicht unbedingt.
Montag, 20. April
In den vergangenen Jahren hat sich an Wochentagen, an denen die Sessions um 11 Uhr beginnen, eine Routine entwickelt, die auch heute wieder greift: Da Frau und Kinder arbeiten bzw. zur Schule sind, stehe ich mit ihnen auf, danach lege ich mich wieder hin, höre Podcast, erledige (Papier)kram und/oder Haushalt und gehe ein wenig nach draußen. Und irgendwas von dem, was ich mir bis 11 Uhr vornehme, klappt dann doch nicht. So auch heute.
Wenn ich mehrere Tische zur Auswahl habe, entscheide ich mich für den, an dem eine Entscheidung ansteht. Das ist am Morgen Ding Junhui gegen Dave Gilbert, auch wenn es da zu Sessionbeginn 7–2 steht. Noch vor dem MSI frage ich mich, ob das die richtige Entscheidung war, weil am Nachbartisch Stan Moody dem Vernehmen nach ein sehr schön anzuschauendes 3–0 gegen Kyren Wilson vorgelegt hat.
In der Kommentatorenkabine wird sich derweil die Zeit vertrieben mit einer Diskussion über Ursache und Wirkung einiger Kicks. Die gab es wohl gestern im Match John Higgins gegen Ali Carter. Das ist für mich in etwa so spannend wie die Partie auf dem Bildschirm: Nach dem 8–3 für den chinesischen Snooker-Pionier ist emotional die Luft raus und ich widme mich etwas vorgezogen der Zubereitung meines Mittagessens. So sehe ich nur zwischen Tür und Angel, dass doch noch etwas Bewegung ins Spiel reinkommt, da Gilbert sich sichtbar noch nicht geschlagen gibt.
Schlussendlich sind Mittagessen und Match vorbei und ich schalte rüber zu Kyren Wilson gegen den Debütanten. Und bin sofort genervt. Im Kommentar werden Vergleiche angestellt im Stile von „Könnte der jüngste Spieler mit XY sein… seit Ronnie“. Immer der Hinweis XY… seit Ronnie. Jaaa, das mag faktisch korrekt sein, aber erstens hat Moody das Match noch nicht gewonnen und zweitens dreht sich nicht alles um Ronnie…
Schön anzuschauen ist der eine Frame, den ich sehe dennoch…
Und außerdem…
Mittags bei Higgins gegen Carter (ein Match, das eigentlich interessant war, aber ich kann mit beiden Spielern höflich gesagt nicht connecten) glatt eingeschlafen. Das wird im Laufe der WM erfahrungsgemäß noch öfters passieren. Inzwischen überlege ich, ob ich nach Galizien, Montenegro oder Jordanien fahre, und ob die wirklich den selben Werbespot zwei mal hintereinander gezeigt haben…
Familiär bedingt dann erst gegen 21 Uhr beim Match von Kyren Wilson gegen Stan Moody. Da ich ersteren einst in Berlin live gesehen hatte und ihn ähnlich wie Si Jiahui in angenehmer Erinnerung behalten habe, hoffe ich sehr auf ein Comeback. Während ich diese Zeilen schreibe, sieht es gut aus. Wenn ihr sie lest, werden wir es wissen. Derweil treffe ich Vorbereitungen für den snookerfreien Vormittag am kommenden Donnerstag …
… dann geht’s weiter mit dem WM-Tagebuch.















