Nerven! Nerven!! Nerven!!!

Ronnie O'Sullivan zieht ein Gesicht im Nerven Duell mit John Higgins, der im Hintergrund zu sehen ist.
Der Klassenkamerad Higgins stoppt O'Sullivan auf dem Weg zum 8. Titel. © World Snooker/Tai Chengzhe

Wu Yize behält die Nerven gegen den viermaligen Weltmeister Mark Selby. Und John Higgins geht Ronnie O’Sullivan so auf die Nerven, dass der einfach nicht gewinnen kann.

Nein, Wu Yize sei nicht nervös gewesen, sagt er. Ja, das Crucible würde schon Druck produzieren, aber Wu hätte das Spiel genossen. Und hätte so gespielt, dass er noch weiter genießen kann. Ja, dann ist ja alles in Ordnung. Denn ich bin fast gestorben vor Nervosität.

Wu Yize wehrt sich gegen seinen Verfolger

Nach zwei hochkarätigen Sessions ging es heute beim Stand von 9–7 für Wu Yize gegen Mark Selby in die Entscheidung. Gleich im ersten Frame ging das Safetyduell für Wu aus und er konnte sich weiter absetzen. Doch gleich darauf sahen wir ein typisches Selby-Break: guter Split, guter Locherfolg, gutes Stellungsspiel und fertig ist der Framegewinn. Frame 19 war ein fröhliches Fehlerfestival und am Ende war es eine verdödelte Safety von Wu, die Selby den nächsten Framegewinn bescherte. Und dieses 10–9 statt 11–8 schien sehr schmerzhaft für Wu, denn er hatte ausreichend Chancen den Frame zu gewinnen. Die Kommentatoren redeten herbei, dass Wu Yize jetzt Mark Selbys Atem spüren und zu zittern anfangen würde.

Wu selbyt Selby

Der nächste Frame strafte sie Lügen. Ein 52-minütiges Monster mit allem, was das Snookerherz begehrt. Und eigentlich ein absoluter Selby-Frame. Wu hatte die erste Chance, musste aber nach 37 Punkten sicher ablegen, weil die Roten ungünstig gelaufen waren. Die Roten lagen in Häufchen rund um Pink und Schwarz und es ging munter hin und her mit den Versuchen, dem Gegner möglichst nichts hinzulegen. Safeties wurden vergeigt, Fluchtversuche aus Snookern waren erfolglos, dazwischen dann mal ein schöner Einsteiger, der zu nichts führte. Beim Stand von 57–5 (75 noch auf dem Tisch) verschoss Wu eine Rote, die direkt im Tascheneinlauf liegen blieb. Ein paar tolle Pots von Wu später brauchte Selby drei Snooker. Beziehungsweise er legte die fiesen Snooker und Wu soll dann Foulpunkte produzieren. Einmal tat er das auch, aber mit dem Freeball wollte es nicht klappen. Am Ende machte Selby selbst einen Safetyfehler und Wu holte sich diesen hartumkämpften, taktischen Frame zum 11–9. Puh, ich brauchte nun erstmal Pause.

Higgins strapaziert O’Sullivans Nerven

Währenddessen ging es am Nebentisch hoch her. Auch wenn ich nicht hätte gucken wollen, war das Gegröle nicht zu überhören. So reimte ich mir zusammen, was dort geschah. O’Sullivan pendelte bei dieser WM laut Medien ja mal wieder zwischen Ich-liebe-das-Spiel-wieder und Ich-gehe-dann-wohl-doch-bald-in-Ruhestand. In den ersten beiden Sessions war von dem ersten Ronald etwas mehr zu sehen. Deshalb führte er nach der ersten Session mit 6–2 und gewann die erste Hälfte der zweiten mit 3–1. Die Ronnie-Gröler hatten schon Oberwasser. Doch das stieg ihnen in den kommenden Frames hoch und höher bis zum Hals.

Higgins gewann die letzten drei Frames der zweiten und die ersten drei der dritten Session (vier davon extrem knapp, zwei deutlich) und plötzlich führte er mit 10–9. O’Sullivan riss sich aber trotz sichtbarer Frustration am Riemen und produzierte zwei sehr schöne Breaks, mit denen er seinerseits wieder in Führung ging. Bevor Higgins sich mit zwei fetten Breaks wieder an die Spitze schob. Doch kampflos ging O’Sullivan hier nicht unter. Mit einer 81 erspielte er sich den Entscheidungsframe. Nein, den konnten sie natürlich nicht einfach runterspielen, sondern machten ihren Fanlagern immer wieder Hoffnung, um diese bei der nächsten vergeigten Aktion wieder zu zerstören. Am Ende hieß der Sieger John Higgins und Stephen Hendry darf noch ein weiteres Jahr hoffen, dass O’Sullivan ihm den letzten Rekord nicht auch noch abnimmt.

Eine typische Selby-Session mit untypischem Ende

Zum Glück hatte damit der Lärm vom Nachbartisch endlich ein Ende und ich konnte mich voll und ganz darauf konzentrieren, einem Nervenzusammenbruch immer näher zu kommen. Doch auch bei den Akteuren am Tisch zeigten sich nach der Pause die Nerven. Beide machten einige unnötige Fehler (wie immer hier die Frage: Gibt es eigentlich nötige Fehler?) und wir wurden Zeuge, wie Mark Selby mit seinem Spielstock auf den Boden stampfte. Zum Glück blieb das Ding heil, aber der Frame ging an Wu. Nur noch ein Frame zum Einzug ins Viertelfinale brauchte er. Für seinen ersten Auftritt in einem Best-of-25 zeigte er doch eher Nerven wie Drahtseile.

Endspurtmarathon zum Sieg

Dass Selbys Queue offensichtlich keinen Schaden genommen hatte, zeigte sich bei dem wunderhübschen 95er Break zum 10–12, mit dem er den Abstand wieder auf zwei Frames verkürzte. Und auch den nächsten gewann er nach viel hin und her und einer schlechten Safety von Wu. Der Locherfolg beider sank diametral zur steigenden Anzahl der unforced errors. Meine Nerven lagen jedenfalls blank und mein Mantra war „BittekeinenEntscheidungsframeBittekeinenEntscheidungsframe …“ Denn das würde ich einfach nicht aushalten. Zwischenzeitlich dachte ich an meine Kollegin Målin, die das Spiel zeitversetzt nachschauen würde. Ich verkniff mir also sämtliche Spoiler im Teamchat und auf Social Media. Auch weil ich es ihr als großem Mark-Selby-Fan nicht auch noch reinreiben wollte … Aber warum war ich eigentlich insgeheim schon am feiern? Fehlte da nicht noch ein Frame? Ein schönes Century zum Sieg?

Denkste. Der 24. Frame nimmt in meinem Notizbuch eine komplette Seite ein. Ich könnte ihn hier also minuten- und punktgenau nacherzählen. Habt ihr da Lust drauf? Ich jedenfalls nicht. Es war ein nervenzerrüttendes Hin & Her. Stapelweise große Kreuze (für verschossenen Ball), ein paar Herzchen (für mutige Bälle), Ausrufezeichen (für großartige Locherfolge) und die Worte „Verzweiflung“ und „wildes Bild“ sowie ein Beinahe-Fluke von Wu, der direkt am Lochrand liegenblieb. Am Ende spielt Selby ein Double auf die Mitte und verschießt anschließend Blau. Wu Yize macht den Sack zu und ich feiere heimlich mit Partyhütchen und Tanz auf dem Tisch.

Mark fand, er hätte in der ersten Session gut gespielt und dann nachgelassen. Konzentrationsverlust, zu viele Fehler gemacht. Yize erfreut sich seines Spiels, des Selbstvertrauensschubs und der Crucible-Atmosphäre. Ich drücke die Daumen, dass er auch gegen Judd Trump oder Hossein Vafaei die Nerven behält.

Letzte Entscheidungen des Achtelfinales

Während ich das hier tippe, stehen Neil Robertson und Chris Wakelin sowie Judd Trump und Hossein Vafaei für die letzte Entscheidung des Achtelfinales am Tisch. Trump führt 10–7 und Robertson 10–6. Wakelin hatte gestern nach einem von Peggy Li ausgerufenen Foul alle Frames verloren. Die Entscheidung war umstritten. Denn Wakelin soll die Gelbe mit dem Queue gestreift haben, hatte das aber selbst nicht gemerkt und auch die TV-Bilder gaben keinen Aufschluss. Offensichtlich hat es Chris aber aus dem Takt gebracht, denn vorher spielte er konzentriert. Er bezeichnete die Situation selber als ’so bizarre‘. Ich drücke die Daumen, dass er heute Abend wieder in den Tritt kommt.

Alle Partien werden heute, morgen oder Montag entschieden. Unseren Überblick über die WM findet ihr auf unserer Turnierseite. Dort stehen alle Partien samt Zwischenständen und Endergebnissen.

 

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Sucht für den Roman „Belinda to break“ einen Verlag. Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. https://bsky.app/profile/lulawitzescher.eurosky.social

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