Wer seit vielen Jahren aufmerksam Live-Snooker am Fernsehen verfolgt, kennt die Bewegungsabläufe gewisser Snookerspieler fast schon in- und auswendig. Ariane Tanner hat bei ihrem Besuch im Crucible genau hingeschaut.
Man erwartet den kleinen Hüpfer des einen Spielers vor dem Stoss; man bekommt fast selber Nackenschmerzen, weil ein anderer seinen Kopf derart abwinkelt, wenn er sich nach unten beugt; und man weiss, dass der nächste jetzt gleich seinen Mundwinkel nach unten ziehen wird, damit das Queue bequem unter dem Kinn durchläuft.
Warum die Profis vor Ort besuchen?
Warum also noch einen Live-Snooker-Event besuchen? Dieses Jahr habe ich mir einen lang gehegten Traum erfüllt und besuchte zum allerersten Mal einen Snookerevent der Profitour vor Ort. Mit «Geburtstagsgeld» hatte ich mir Tickets für sechs Sessions für die World Championship in Sheffield gekauft, hauptsächlich in der ersten und zweiten Reihe. Es war so toll wie erwartet, aber noch viel besser als ausgemalt.
Damit ist nicht nur die Stimmung in einem mit annähernd tausend erwartungsvollen Snookerfans gefüllten Crucible Theater gemeint; oder auch das Erlebnis, Rob Walker und die ganzen BBC-Leute ‘in action’ zu sehen. Sondern damit ist vor allem auch gemeint, wie es eine/n umhaut, plötzlich in Armlänge Entfernung und in 3-D die Snookerstars in ihrem Element zu sehen. Während der ersten zwei Frames am Sonntag (Sheffield, 26. April, Morgensession, Mark Selby gegen Wu Yize) habe ich vermutlich nicht ein einziges Mal geatmet. Man spürt in den vorderen Reihen die Vibration des Bühnenbodens, wenn die Spieler um den Tisch schreiten. Man guckt ihnen buchstäblich über die Schulter und plant mit ihnen den nächsten Stoss. Man schaut gebannt zu, wie sie dem Gegner zuschauen. Man hört, wie sie kleine Geräusche machen.
Was der TV nicht vermittelt
Dabei entdeckt man ganz neue Dinge, obschon noch keine Kugel gefallen ist. Zum Beispiel bei Selby, wenn er während der ersten Session innerlich vergnügt über den nächsten Stoss nachdenkt, mit der Kreide fiddelt, die Unterlippe einzieht und Geräusche macht wie ein Erdmännchen (oder zumindest so, wie ich mir Geräusche von Erdmännchen vorstelle). Und wenn wir schon in der Analogie zum Tierreich sind: John Higgins bewegt sich so lautlos um den Tisch wie eine Katze. Er ist agil sowie stabil, schnell und besonnen gleichzeitig.
Bei seinem Gegner Ronnie O’Sullivan hingegen entstand in der Entscheidungssession vom Montag, den 27. April, ein ganz anderer Eindruck. Seinen Schritten hört man die Last des ‘being GOAT’ an. Dazu passten seine lang gezogenen Seufzer vor dem einen oder anderen Stoss, den er halb auf dem Tisch liegend ausführen musste. Seine Bewegungen waren von nichts Tänzelndem oder Elegantem, nicht von Schalk oder Sex Appeal begleitet wie bei anderen (man darf hier selber die passenden Namen einfügen). Irgendwann muss etwas verloren gegangen sein, das die letzten «Ronnie»-Rufer im Publikum erfolglos wieder zu erwecken versuchen.
Man denkt sich ja auch, dass es beim Snookerspielen auf diese ganz bestimmte Körperspannung ankommt, die durch keinen Zitterer gestört werden sollte. Es zittern mehr Spieler, als man meint, und das scheint sie gar nicht zu behindern. Selby spielt am besten, wenn er beim Einschwingen ein winziges Zittern mit dem Kopf hat. Higgins’ linke Wange und der Schwungarm zeigen tremorartige Muskelbewegungen bei der Ausführung. Und Hawkins’ Ellenbogen geht aus der (in Theorie) vorgeschriebenen 90-Grad-Achse heraus, und zwar bei jedem Queueschwung ein bisschen stärker.
Ein Spiel der Feinheiten
Die Kameraleute haben auch unterschiedlich zu tun. Am meisten aufpassen müssen sie bei Neil Robertson. Der Australier macht öfter mal den ‘double check’ und geht noch einmal auf die Gegenseite des Tisches, um zu sehen, wie die Kugel fallen muss. Das brachte es mehrmals mit sich, dass davon überraschte Kameraleute nur noch die Linse nach unten schwenken konnten, um eine Kollision zu vermeiden. Davon schien Robertson, der wohl der schwungvollste Spieler ist, unbeeindruckt.
Immer mehr Snookerprofis fangen an, von der gewohnten Hand auf die andere zu wechseln, um mehr Reichweite auf dem Tisch zu haben, Wu Yize zum Beispiel. Einen speziellen Wechsel der Hand machen Mark Allen und Barry Hawkins, die beide mit links spielen. Als sie am 28.4. in der Mittagssession im Crucible aufeinandertrafen, konnte man gut beobachten, dass Hawkins von der queueführenden Hand auf rechts wechselte, wenn er den ‘rest’ benutzen musste. Als ich das meinem Sitznachbarn verklickerte, meinte dieser, dass er den ‘robotic style’ von Hawkins sehr gerne möge. Dann sah ich es auch: Sobald Hawkins unten im Stoss ist, passiert alles immer exakt gleich. Mein Sitznachbar klärte mich kurz später darüber auf, dass Allen dieselbe Angewohnheit hat mit dem ‘rest’: Er wechselt auf rechts.
Die Kameras rund um diese Snookertische sind unerbittlich, ‘no place to hide’. Und unter diesen Umständen schlagen sich die Snookerprofis mit millimetergenauer Spielplanung zwischen 22 Bällen herum, auf die sie ihre gesamte Grob- und Feinmotorik abstimmen. Und weil das Spiel derart still in der Ausführung und kontrolliert in den begleitenden Emotionen abzulaufen hat, wird man als Zuschauende immer besser darin, die kleinsten Regungen und Nuancen in der Mimik und den Bewegungen der Spieler zu entdecken. Dadurch meint man auf sehr seltsame Weise, diese Menschen gut zu kennen. Dabei ist es nur genau eine Tätigkeit aus ihrem Leben, die wir stundenlang am TV mitverfolgen oder ein Mal das Vergnügen haben, vor Ort beobachten zu dürfen.
30. April 2026 – Ariane Tanner ist Historikerin und seit vielen Jahren begeisterte Snookerzuschauende sowie seit wenigen Jahren Snookerspielerin.
- Barry Hawkins und Mark Allen direkt vor ihrer ersten Session
- Neil Robertson richtet sich ein für die Entscheidungssession gegen Chris Wakelin
- Mark Selby in der 3. Session gegen Wu Yize, nicht mehr so vergnügt.





















@snookerpro.de sehr anschaulich danke dafür #snooker #WorldChampionship