Vergesslichkeit, Unvorhergesehenes und immer wieder John Higgins gegen Neil Robertson.
Dienstag 28.4.
Achtelfinaltag, Teil 1. Erste Sessions. Der Zauber des Turnierbeginns ist verflogen, wir sind sowas von mitten im Alltag. Das hat zur Folge, dass ich heute zwar schaue, aber nicht mit 100% Aufmerksamkeit dabei bin.
Außerdem kann ich mich nicht entscheiden, wem ich die Daumen drücke. Barry oder Mark? Ich möchte nämlich beide weiterkommen sehen. Insofern bin ich zugleich neutral wie auch nicht neutral. Hrch.
In der heutigen Session scheinen sie sich naturgemäß selbst auch nicht entscheiden zu können, auch wenn Hawkins am Ende der Session 2 Frames vorne liegt.
Spannender die Mittagssession. Ich entscheide mich für Robbo gegen Higgins. Ich kann das Match auch hier neutral schauen und versuche, so es geht, einfach zu genießen.
Die Partie hat es in sich. Nicht aufgrund des Tempos. Das wird erstmal rausgenommen, als die Sitzgelegenheit des Australiers repariert werden muss. Dass meine relativ neue Couch auch etwas knarrt, tut hier eigentlich nichts zur Sache, fällt mir seltsamerweise aber erst auf, als ich die Handwerker arbeiten sehe. Es ist schon eine Kunst, so mit dem Schrauber umzugehen, dass es am anderen Tisch nicht stört. Wohl deswegen ist einer am Arbeiten, während zwei wichtig ausschauende Männer daneben stehen und zuschauen. Erinnert mich an ein Fußballspiel…
In Frame 6 fällt mir außerdem auf, dass die Trennwand wackelt. Kurz bin ich versucht, rüberzuschalten und dort zurückzuspulen, um zu schauen was los ist. Ich lasse es dann aber. Zu umständlich. Wenigstens wackelt hier im Haus gerade keine Wand. Es fallen Worte wie „Stuhl-Gate“ oder „Sesselgate“.
Als Robertsons Sessel wieder geht, sehe ich eine durchaus schöne Partie. Ich muss aber zugeben, dass ich mich schon 24 Stunden später, da ich „Aus Gründen“ erst später diesen Text schreibe und auf die Fortsetzung warte, kaum an Details erinnere, wer wann welche Safe oder tolle lange Rote gespielt hat. Hat man sich keinen Text genudelt, es nachher nicht ins Blog rein sprudelt. (danke ich finde alleine raus)
„Klingelgate“ ist dann auf ganz andere Art spannend. Für jene, die es nicht gesehen haben: Aus dem Zuschauerraum kam ein stetiges Piepsen. Es wollte trotz Ermahnung nicht aufhören. Peggy Li ließ es dann klären: Das Sauerstoffgerät einer Person im Publikum gab diesen Ton als Warnung von sich. Abstellen lässt sich das nur für den Moment, es kann aber jederzeit wiederkommen. Den Spielern wurde die Wahl gelassen, ob sie weiterspielen oder ob der Zuschauer den Raum verlassen soll. Einen Moment lang bange ich wirklich, wie sie sich entscheiden. Hat auch persönliche Gründe, warum ich vielleicht besonders bange. Aber Gentlemen wie die beiden sind, entscheiden sie, unter den gegebenen Umständen weiterzuspielen. ♥ (Randnotiz: Als es wenig später tatsächlich wieder piepst, scheint, von außen betrachtet, Neil es tatsächlich auszublenden.)
Es zieht und zieht sich
Und genau wie sich der Text hier in die Länge zieht, zieht sich auch das Match. Die Idee, zwischen den Sessions nochmal rauszugehen, erledigt sich so allmählich. Es zieht und zieht sich, ABER es ist trotzdem schön. Kein Snooker vom Gourmetteller, aber ich habe Spaß. Dass Neil Robertson dann auch noch unterbrechen muss, weil die Kacheln im Crucible so schön sind, kommt dann noch als Anekdote obendrauf. Da wird dann sogar mein Fernsehgerät müde und warnt vor dem Stand-By-Modus, um Energie zu sparen. Sagt das mal bitte irgendwer den beiden Spielern? Energiesparen und so.
Am Abend dann Barry Hawkins gegen Mark Allen. Ich muss aber zugeben, dass ich mich, obwohl Mark Allen sein insgesamt 700. Century gespielt hat und ich noch weiß, dass ich mich immer noch nicht entschieden habe, wem ich die Daumen drücke, abermals keinen Spielbericht abliefern könnte. Ich hatte kurzzeitig sogar vergessen, welche Partie ich gesehen habe. Alltagserscheinungen.
Mittwoch, 29. April
Am nächsten Tag ist dann die Entscheidung zwischen eben diesen beiden Spielern angesagt. Auf dem Nachbartisch spielt Neil Robertson gegen John Higgins, und so ist auch der Tisch für den Deutschen Kommentar angekündigt, was auf Social Media bei einem User für Unmut sorgt. Ich bekomme das erst nicht mit, weil ich direkt auf englischen Kommentar geschaltet habe, aber es läuft tatsächlich auf beiden D+ – Kanälen das selbe Match, nämlich das, bei dem jetzt eine Entscheidung ansteht.
Bis zum 10-10 habe ich für mich noch keinen Favoriten ausgemacht. Vielleicht lasse ich mich aber von den Kommentatoren beeinflussen, ich merke wie mein Daumen allmählich Richtung des Nordiren wandert.
Ich weiß ja nicht, wie zuverlässig die Bahnbetriebe in Nordirland sind, aber die in Deutschland sind höflich ausgedrückt eher Foul and Miss anstatt Maximum-Break. Was zur Folge hat, dass ich das Töchterlein drei Orte weiter abholen muss. In dieser Zeit fällt dann auch die Entscheidung zugunsten Mark Allen.
Die Mittagssession muss ich aufgrund einer Mahnwache, an der ich teilnehme, auslassen. Die Demokratie verteidigt sich nicht vom Sofa aus.
Und wieder Robbo gegen John
Der Abend ist dann voll und ganz dem Match der Matche gewidmet. Wird Neil Robertson seinem Traum vom zweiten WM-Titel näher kommen oder erleben wir die gefühlt 10. Wiederkehr des Higginators? Beides hat seinen Reiz. Und überhaupt habe ich das Gefühl, dass wir gerade die Gründung eines Peggy-Li-Fanclubs erleben.

Peggy Li for Final-Ref
Zum letzten mal auch „Am anderen Tisch“ für diese WM und warum frage ich mich jetzt erst, wie Wu Yize korrekt ausgesprochen wird? Je nach Kommentatorenkabine höre ich beides. Yizeeeeee oder Yize mit stark abgehacktem e. I’ll find out. Jedenfalls, da dort früh Schluss ist, kann ich für den Rest der WM meinen Live-Ticker abschalten. One-Table-Setting, yippieeeee.
Aber was fühle ich angesichts des sich abzeichnenden Higgins-Siegs? Drücke ich insgeheim Robbo mehr die Daumen für seinen eventuellen zweiten WM-Titel? Ich mag Wiederholungssieger, solange sie nicht überdominieren. Was wiederum bei John Higgins auch nicht der Fall ist.
Mir imponiert freilich, wie er sich trotz sehr sichtbarer Genervtheit durch störendes Publikum, nicht abbringen lässt und die schweren Bälle, bei denen er aus der Konzentration gebracht wird, im jeweils zweiten Anlauf sicher locht. Mir gelingt das am selben Abend nach wiederholten Rechnerabstürzen, weswegen auch dieser Text hier verspätet erscheint, nicht. Ich werde laut und unleidlich. GRRR
Um es kurz zu fassen: Ich hätte beiden den Sieg gegönnt, es ist jetzt wie es ist. Für’s Halbfinale drücke ich Mark Allen den Daumen. Den anderen drücke ich Shaun Higgins oder John Murphy. Bin mir da nicht sicher…
Unseren Überblick über die WM findet ihr auf unserer Turnierseite. Dort stehen alle Partien samt Zwischenständen und Endergebnissen.















