Wettskandal: Dunkle Stunde für die World Snooker Tour

Wettskandal mit unbekanntem Ausmaß: Nach der Suspendierung von Liang Wenbo Ende Oktober hat die WPBSA jetzt auch Lu Ning, Li Hang, Zhao Jianbo, Bai Langning und Chang Bingyu von allen Events der World Snooker Tour ausgeschlossen. Update: Auch Zhao Xintong und Yan Bingtao wurden suspendiert.

Der Verband ermittelt gegen die fünf Spieler wegen der Manipulation von Spielen. Bis zum Abschluss des Verfahrens gibt es von Seiten der WPBSA keine weiteren Informationen. Die Erklärung von WPBSA im Original findet ihr hier. Update: Eine Erklärung mit den Details zu den Anklagepunkten findet ihr hier. Auch für sämliche Events des chinesischen Verbandes CBSA sind die Spieler gesperrt.

Gegen Liang Wenbo gibt es Vorwürfe wegen Fehlverhaltens (allegations of misconduct). Hier liegen bisher keine weiteren Informationen vor.

Das Internet tut natürlich, was das Internet in solchen Fällen tut: Es spekuliert, bringt Infos aus den entferntesten Ecken (z.B. auf Weibo) und holt Dinge aus den Tiefen der Vergangenheit herauf. Wir fassen zusammen.

Wer ist beteiligt?

Drei der Spieler sollen jeweils nur in die Manipulation eines Spiels verwickelt gewesen sein. Einer davon bestreitet die Vorwürfe. Chang, Zhao und Bai sind erst um die 20 und seit zwei bis vier Jahren auf der Tour, die anderen drei sind schon seit sieben bis zehn Jahren dabei. Das könnte vermuten lassen, dass es sich bei den ‚Einzeltätern‘ um die jungen Spieler handelt.

Zusätzlich kommt Liang Wenbo in dem Ganzen eine noch viel unrühmlichere Rolle zu. Chang beschuldigt ihn, der Initiator der Manipulation gewesen zu sein. Die Tatsache, dass Liang mehr als einen Monat vor den anderen suspendiert wurde, die Anklage bei ihm sehr unklar formuliert und in der aktuellen Erklärung darauf Bezug genommen wurde, lässt vermuten, dass Liang hier eine größere Rolle spielt.

Chang Bingyu gesteht öffentlich

Der einzige Spieler, über den mehr als nur Vermutungen vorliegen, ist Chang Bingyu. Er veröffentlichte auf Weibo ein Statement, das in der Zwischenzeit aber gelöscht oder zensiert wurde. Hier erzählte er, dass er von Liang Wenbo gezwungen wurde, sein Spiel gegen Jamie Jones bei den British Open 2022 mit 1–4 zu verlieren.

„Am Morgen des Spiels rief Liang Wenbo mich an und sagte in drohendem Ton, er sei ‚in‘ meinem Spiel gegen Jamie Jones. Ich hatte Angst, weil er so viel Geld gesetzt hatte. Wenn ich nicht zustimmte, würde er mir Schwierigkeiten machen, also hatte ich keine andere Wahl als zuzustimmen. Ich war sehr verängstigt. Egal, was der Grund für die Spielmanipulation ist, es ist mein Fehler, und ich werde aktiv an den Ermittlungen mitarbeiten. Ich kann meine Strafe akzeptieren, aber ich hatte damals wirklich Angst. Ich habe kein Geld erhalten.“ Außerdem habe Liang von ihm verlangt, das Untersuchungsgremium anzulügen und die Vorwürfe abzustreiten. Zum Glück hat er sich daran nicht gehalten.

Und was macht Liang Wenbo?

Liang Wenbo selber stritt in einem Post auf Chinese Social Media ab, jemals in Spielmanipulation involviert gewesen zu sein. Er würde die Anschuldigungen rechtlich anfechten. Außerdem ließ er durchscheinen, selber Korruption in Snooker aufdecken zu können. Nach seiner Suspendierung im Oktober hatte er seinen Rückzug vom Snooker bekannt gegeben. Er befindet sich zur Zeit ‚in den Ferien‘, womöglich in Hongkong.

Was könnte Liangs Motivation sein? Angeblich kommt er aus einer wohlhabenden Familie. Wahrscheinlich muss er also nicht unbedingt seinen Lebensunterhalt durch Wettbetrug finanzieren. Auf der anderen Seite wird dieser Familie neben dem Geld auch eine gewisse Macht zugeschrieben. Wohlgemerkt: alles Spekulationen auf Twitter, Facebook, Weibo, Blogs …

Nicht der erste (oder letzte) Wettskandal

Verdachtsmomente gab und gibt es immer wieder. Ich erinnere mich gut, dass Snookerbacker schon oft auf verdächtige Wettquoten und/oder Spielgeschehen hingewiesen hat. Im Fall von Tirapongpaiboon sieben (!) Jahre, bevor der Verband den Spieler wegen genau dieser Vorfälle suspendiert hat.

Auch im Fall von Lu Ning gab es im letzten Jahr Gerede, zum Beispiel wegen dieses merkwürdigen Frame-Endes, bei dem auch Xiao Guodong seltsam anmutende Stöße gemacht hat. Zu diesem Video gibt es Kommentare, dass die Manipulation hier ausgesprochen ‚ungeschickt‘ gewesen wäre. Das gibt mir zu denken.

Auch wenn sich in letzter Zeit die Verfahren häufen, entsteht immer wieder der Verdacht, dass die WPBSA und World Snooker Tour die Vorfälle nicht mit unbedingtem Aufklärungswillen verfolgen. Wie ist es sonst zu erklären, dass Spieler unter Verdacht trotzdem um Tourkarten spielen und erst danach suspendiert werden? Es wäre wirklich dringend notwendig, dass die Verantwortlichen hier schneller und transparenter Informationen ausgeben, bevor die Spekulationen hochkochen.

Meine Gedanken zum Wettskandal

Ich finde die ganze Sache extrem besorgniserregend. In der Vergangenheit gab es ja ganz unterschiedliche Fälle. Einmal die Spieler, die unerlaubt gewettet haben. Nicht auf eigene Spiele, also ohne Manipulationsverdacht. Die könnten wir notfalls noch in der Rubrik „unüberlegt“ ablegen. Dann die Sache mit John Higgins, die etwas beweisen sollte: nämlich dass Spieler zum Betrug gebracht werden können. Was sie aber gar nicht bewiesen hat, sondern nur, dass Higgins den Vorfall nicht gemeldet hat. Dann gibt es die konkreten Manipulationen, um sich selber zu bereichern wie im Fall von Stephen Lee, Yu Delu, Cao Yupeng oder Thanawat Tirapongpaiboon. Oder noch blöder: Simon Blackwell.

Es gab dabei immer mal Vermutungen, dass Spieler zum Betrug genötigt wurden, dass ihre Familie bedroht wurde oder ähnliches. Dafür gab es zwar nie Beweise, aber ich würde das nicht für völlig abwegig halten. Doch hatte ich dabei immer eine kniescheibenzertrümmernde Mafiaorganisation vor Augen und nicht einen Spielerkollegen.

Hinzu kommt, dass alle Spieler in Ding’s Snooker Academy trainieren. Welche Auswirkungen das auf Ding selber und den Ruf seiner Akademie hat, können wir nur ahnen. Ich nehme sowieso öfter anti-asiatische Haltungen wahr, auch in der deutschen Community. Es wäre jetzt wirklich bedauerlich, wenn diese Vorfälle weitere Vorurteile schüren. Wie werden wir es in Zukunft sehen, wenn Spieler Bälle verschießen, die sie sonst im Schlaf versenken würden?

Snooker und Wetten: Strange Bedfellows or Secret Twosome?

Die Schwierigkeit, außerhalb von UK und Asien Sponsoring für Snooker-Events zu erhalten, hat mit der Verwicklung des Sports mit Wetten zu tun. Was für England und China ganz ’normal‘ ist, sehen die Leute hierzulande zum Beispiel viel kritischer. Firmen schrecken davor zurück, Aushängeschild einer Sportart zu sein, die bisher vorwiegend von Wettfirmen gesponsert wird. Oder regelmäßig einen Wettskandal produziert. Es ist in meinen Augen auch mehr als ungünstig, Spieler*innen, die auf Snooker nicht wetten dürfen, zum Turnierantritt erst einmal ein Goodie-Bag vom Sponsoren zu überreichen, in der sich Wettgutscheine befinden. Ja, gesunder Menschenverstand und so. Aber den haben eben nicht alle.

In dieser Saison wurde das Minimum-Einkommen von 20.000 £ eingeführt. Damit ist die Gefahr, dass sich Aktive mit verbotenen Dingen etwas dazuverdienen (müssen) vielleicht etwas kleiner geworden. Aber bevor die Verantwortlichen Märkte als ‚die Zukunft des Sports‘ feiern, sollte sich mal jemand dort umgucken, was es mit der Popularität denn überhaupt auf sich hat. Ist es wirklich der Sport, der beliebt ist? Oder die Tatsache, dass du super darauf wetten kannst?

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Sucht für den Roman „Belinda to break“ einen Verlag. Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. www.twitter.com/lulawitzescher

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7 Gedanken zu „Wettskandal: Dunkle Stunde für die World Snooker Tour

  1. Publicviewer

    Mir war gestern Mittag noch gar nicht bewusst, dass selbst Yan Bingtao auch involviert ist.
    Wetten, gerade beim Sport, sind halt eben die Steilvorlage schlechthin für alle möglichen Manipulationen.
    Denn, überall wo Profit im Spiel ist, wird sich das leider nicht vermeiden lassen.
    Ich verweise halt auch ganz richtig auf den letzten Satz deines hier veröffentlichten Berichtes. ;-)

  2. Publicviewer

    Jetzt, wo Zhao Xingtong und auch noch Zhang Jiankang suspendiert wurden, würde mich deine Meinung dazu wirklich schwer interessieren.

  3. Turmuhr

    Es wird ja mit harten Strafen gerechnet. Wie sehen die harten Strafen dann aus, wie bei einem Skandal eines John Higgins. Der Name spielt bei den Strafen eine große Rolle.

  4. Lula Witzescher Artikelautor

    Bei Higgins hat bei der kurzen Sperre hauptsächlich eine Rolle gespielt, dass er weder gewettet hat, noch Spiele manipuliert. Sein Vergehen war – ähnlich wie bei Jamie Jones -, dass er nicht gemeldet hat, dass jemand mit einem Manipulationsersuchen an ihn herangetreten ist.

    Ich denke, in diesem Fall wird es auch eine Rolle spielen, ob es sich nur um ein Spiel handelt, ob die Spieler unter Druck gesetzt wurden und/oder ob sie auch „nur“ versäumt haben, einen Manipulationsversuch zu melden. Das macht aber auch Sinn, unterschiedlich harte Strafen für unterschiedliche Vergehen auszusprechen.

  5. Lula Witzescher Artikelautor

    @Publicviewer: Ja, meine Meinung würde mich dazu auch brennend interessieren. Ich sitze hier ein bisschen „on the fence“. Es gibt einfach zu wenig Informationen, um mir eine Meinung zu den konkreten Fällen zu bilden.

    Generell, und das liest sich zwischen den Zeilen vielleicht auch aus dem Artikel, finde ich die Kombi Wetten und Sport hochproblematisch und – wie du selber schreibst – eine Steilvorlage für Betrug. Wir könnten natürlich unsere Hoffnung in die Integrität der Menschen setzen, aber so naiv bin nicht mal ich. Für diese Vorfälle ist meines Erachtens Barry Hearns zynische Herangehensweise mit verantwortlich, mit Sportler*innen einen Haufen Geld zu verdienen, ihnen aber den Lohn für ihre Arbeit mit so Sprüchen wie „Verlieren soll nicht belohnt werden“ zu verweigern. Das ist Ausbeutung pur und mich wundert es nicht, dass Leute dann kreative Methoden nutzen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Die Einführung des Minimum-Gehalts schiebt diesem Argument aber in meinen Augen einen wirksamen Riegel vor.

    Es gibt sicher auch andere Motive wie Gier, vielleicht auch Angst oder einfach „nicht nachgedacht“. Das kann ich nicht beurteilen. Aber du kannst dich nicht mit Wettfirmen ins Bett legen und dich dann wundern, dass die Spieler mit ihnen vögeln.


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