Snooker in Saudi-Arabien: Vom Luxus, Probleme vergessen zu können

Snooker in Saudi Arabien: Eine Umfrage auf Twitter, wie die Leute das finden. 21,6% Daumen nach oben, 78,4 nach unten.
Die Mehrzahl der Leute in dieser Umfrage finden ein ein Snooker-Turnier in Saudi Arabien nicht gut.

Nun gibt es also doch ein Snooker-Turnier in Saudi-Arabien. Nachdem die letzte Version Corona zum Opfer fiel, ist nun eine „Top-8 plus Wildcards“-Ausgabe für Anfang März angekündigt.

Ursprünglich wollte ich mich gar nicht dazu äußern. Zu oft habe ich Kommentare gehört wie: „Lasst doch die Politik aus dem Sport. Ich will einfach die ganzen Probleme vergessen und entspannt Snooker gucken.“ Ob Stop-Oil-Protest oder Kritik an Sportswashing durch Diktaturen, das Aufzeigen und Verurteilen von Sexismus, Transfeindlichkeit oder Rassismus – das hat für viele im (Snooker-)Sport nichts zu suchen. Und auch ich benutze Snooker manchmal als Wohlfühl-Insel. Doch drängen sich zu viele Fragen auf, die meine Kollegin Målin und ich nicht unbearbeitet lassen wollten.

Habt ihr keine wichtigeren Probleme?

Ich habe in den letzten zwei Tagen viele Meinungen gelesen und gehört. Die einen stoßen sich zu Recht daran, dass das Turnier nur für die Top 8 der Weltrangliste ist. (Momentan wären es 1. Ronnie O’Sullivan, 2. Judd Trump, 3. Mark Allen, 4. Luca Brecel, 5. Mark Selby, 6. Shaun Murphy, 7. Neil Robertson, 8. Mark Williams).

Meine Kollegin Målin meint dazu: Die Ankündigung eines Einladungsturniers für die Topstars der Tour hat bei mir nicht für Begeisterungsstürme gesorgt. Durch den Wegfall der 6-Reds-WM ist eine große Lücke im März entstanden. Gut, dass WST versucht, diese Lücke zumindest teilweise zu stopfen. So viel zu den positiven Punkten. Das Frühjahr ist gefüllt mit lauter Turnieren mit reduziertem Teilnehmendenfeld. Das beginnt beim Masters, geht über die Players Series, die Championship League zum World Mixed Doubles. Ein großer Teil der Tour darf bei keinem dieser Events teilnehmen. Wer dann auch noch die Qualifikation für die World Open verpasst, hat vor der WM-Qualifikation eine zweimonatige Lücke. Ein solches Elite-Event zeigt allen Spielenden außerhalb der Top 16 den Mittelfinger.

Fishing for Schlagzeilen mit potenziellem 167er Break

Andere machen sich über den zusätzlichen „Goldenen Ball“ lustig, der bei einem gespielten Maximumbreak zusätzliche 20 Punkte bringen soll. Und ja, das ist wirklich eine bescheuerte Idee. Und alt dazu.

Målin meint: Ein albernes, unnützes Gimmick, das ganz laut Geltungsdrang schreit. Ich brauche das nicht, aber es gibt kritikwürdigeres an diesem Turnier. 

Kritk am Austragungsort

Målin sagt in wenigen Sätzen, was ich hier über mehrere Absätze auszudrücken versuche: Was ist zu Saudi-Arabien als Austragungsort zu sagen? Ich finde es grundsätzlich begrüßenswert, wenn Snooker global wächst und halte erstmal wenig von westlicher Arroganz, die restliche Welt in ‚gute’und ‚böse‘ Länder einzuteilen. Bei einem Land, das sehr aktiv Sports-Washing betreibt und in dem auch allgemein wenig Interesse an Snooker zu sehen ist, überwiegen dennoch eindeutig die Bauchschmerzen. Ein paar Gutverdiener (Maskulinum absichtlich) fliegen nach Saudi-Arabien und kassieren noch mehr Geld, um denen dort gute Presse zu machen.

Judd Trump hingegen hat gar keine Probleme, mit Snooker in Saudi-Arabien Geld zu verdienen und findet es ‘großartig, dass Saudi Arabien jetzt mit dabei ist’. Mr. „I have an Opinion on Everything even if Nobody is asking“ ist der Meinung, wir sollten nicht mit Steinen schmeißen, wenn wir im Glashaus sitzen. “Natürlich stellt sich die Frage nach den Menschenrechten, aber wenn wir (World Snooker Tour) nur mit Ländern kooperieren würden, in denen die Menschenrechtslage einwandfrei ist, wäre die Auswahl sehr, sehr klein“, sagte Murphy der Nachrichtenagentur PA. „Dann dürften wir auch nicht mit dem Vereinigten Königreich kooperieren. Wir haben uns über Hunderte von Jahren nicht mit Ruhm bekleckert, indem wir in andere Länder einmarschiert sind, also müssen die Leute im Glashaus vorsichtig sein, wohin sie ihre Steine werfen.”

Damit hat er absolut nicht unrecht. Auch hier in Deutschland – mit genügend Historie zu Völkermord –, wo heutzutage Menschen in Gefängniszellen verbrannt, psychisch Kranke straffrei getötet und Rechtsradikale in die Regierung gewählt werden, sitzen wir im Glashaus. In dieser Liste mit Menschenrechtsverletzungen stehen sowohl Großbritannien wie Deutschland drin. Also, wo ziehe ich die Grenze? Männerfußball-Turniere in Argentinien, Brasilien, Russland, Katar … da mache ich schon lange nicht mehr mit. Aber nicht nur wegen der problematischen Länder, sondern vielmehr wegen der korrupten FIFA.

Aber China …

In der Menschenrechtsdiskussion wird gerne auf andere Länder verwiesen. China steht auf dieser Liste ganz oben. Ich gebe zu, dass mir die Turniere (und die Berichte von dort) regelmäßig Bauchschmerzen verursachen. Teilnehmende Spieler erzählen begeistert, wie toll sie dort behandelt werden, roter Teppich, Limousinen, geiles Essen. Manchmal frage ich mich, ob ihnen überhaupt klar ist, dass NICHT ALLE dort so behandelt werden. Dass der Fahrservice dazu dient, sie von den Leuten vor Ort fernzuhalten. Dass das große Willkommensbrimborium eben genau dazu da ist, zu verschleiern, dass bei Weitem nicht alle Menschen dort gut behandelt werden. Chinesische Spieler beklagten sich schon darüber, dass sie von dieser Luxusbehandlung ausgeschlossen seien und im strömenden Regen zu Fuß zum Veranstaltungsort laufen mussten. Immerhin gibt es in China schon lange eine Infrastruktur für Snooker, auch wenn die Wurzeln dafür im Kolonialismus liegen. Trotzdem lassen mich die geringen Publikumszahlen vor Ort immer wieder am vielzitierten Snookerboom dort zweifeln.

… und die Türkei!

Ja, auch die Türkei ist ein fragwürdiges Gastland für ein Snooker-Turnier und wird oft als Vergleich genannt. Nun gibt es in der Türkei genauso wie in Saudi-Arabien keine nennenswerte Snooker-Struktur. Der Versuch, Snooker durch das Turkish Masters dort voranzubringen, kam schon ein Jahr später zum Ende, als World Snooker Tour das Turnier wegen mangelnder Finanzierung absagte. Das erinnerte mich stark an die Bahrain Championship 2008. Kein Schwein kam, keine Sau guckte, es gab nie wieder ein Main-Tour-Turnier dort. Wie glaubwürdig ist also das Snooker-Goes-Global-Entwicklungsargument? Vermutlich werden diese Turniere nicht dazu beitragen, Snooker in der Welt bekannter zu machen.

Für mich ist auf alle Fälle die Tatsache, dass schon jetzt Turniere an problematischen Orten ausgetragen werden, kein gutes Argument, diese Praxis einfach fortzusetzen. Andererseits finde ich es schwierig, eine „vernünftige“ Grenze zu ziehen.

Veränderung oder schnelles Geld?

Målin fragt sich: Oder geht es doch um etwas anderes als Geld? Erstmal Interesse und Strukturen aufbauen, damit Snooker dort populärer wird und in den nächsten Jahren ein Ranglistenturnier folgen kann? Aber was ist die Perspektive? Dürfen dann Spielerinnen und Schiedsrichterinnen in angemessener Kleidung partizipieren? Könnte ein lukratives Turnier in Saudi-Arabien dafür sorgen, dass ein LGBTQ+-Profi eher davon absieht sich zu outen?

Den Luxus, Probleme „einfach mal zu vergessen und in Ruhe Snooker zu gucken“, können sich leider nicht alle Menschen leisten. Frauen sind in Saudi-Arabien nach wie vor streng reglementiert. Menschen der LGBTQI-Community drohen Gefängnis, körperliche Bestrafung bis zum Tod. Seit einigen Jahren gibt es zwar eine zaghafte Liberalisierung, was Frauen im Sport betrifft. Sowohl als Teilnehmende wie auch als Zuschauende haben Frauen in einigen wenigen Bereichen Zugang. Wirkliche Veränderung ist das nicht, nur kosmetische Korrektur. Selbst wenn für das Turnier einige Beschränkungen aufgehoben werden, bedeutet das keine gesellschaftliche Veränderung. So wie es auch trotz strikten Alkoholverbots im Land für Leute mit genug Geld möglich ist, die Hotelbar leerzusaufen.

Letztendlich wird wohl weder eine neue Sport-Grundlage im Mittleren Osten geschaffen, noch gesellschaftlicher Wandel vorangetrieben. Målin und ich teilen, was die wahren Intentionen für dieses Turnier betrifft, dieselbe Vermutung:

Ich sehe hier bisher nur eine Strategie: Man folgt dem süßlichen Geruch des schnellen Geldes. Die Zukunft der Marke Snooker ist nicht wichtig, es scheint doch sehr, als ginge es den Hearns nur darum, noch alles mögliche Geld aus Snooker für sich rauszuholen, solange sie darin noch involviert sind.

Wie gehen wir nun mit dem Turnier in Saudi Arabien um?

Målins Standpunkt ist klar: Ich persönlich werde das Turnier nicht gucken und jeden Profi feiern, der eingeladen wird, aber nicht teilnimmt. Aber ich fürchte, das wird leider ein überschaubarer Personenkreis bleiben.

Dem kann ich mich voll und ganz anschließen. Mit einer Ergänzung, wie von Simon Growcott schön formuliert: Die angemessene Reaktion ist unerbittliche Verachtung und Spott gegenüber allen Beteiligten. Sollte ich Anfang März Langeweile haben, werde ich das in die Tat umsetzen.

 

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Sucht für den Roman „Belinda to break“ einen Verlag. Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. www.twitter.com/lulawitzescher

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Ein Gedanke zu „Snooker in Saudi-Arabien: Vom Luxus, Probleme vergessen zu können

  1. der beste Dichter der Welt

    Ich setze mich ein für ein Ende der Verdrehung politischer „Tatsachen“ und eine Rückkehr oder genauer zu einer Hinkehr zu einer würdigen demokratischen Kultur, die diese Bezeichnung auch verdient hat.
    Als ca. 20-jähriger überzeugter Abstinenzler von Fernsehen (Ausnahmen betreffen da einige wenige Sportereignisse wie Snooker) und eigentlich auch Printmedien ist mir die Entwicklung der Verrohung der Berichterstattung nicht unbemerkt geblieben und bemerke ebenso zunehmend die massiven Auswirkungen auf die Masse, die sich subjektivistisch als „Mitte“ definiert. In einer Gesellschaft, in der Menschen gedacht werden und das freie Denken aus „Gefahrengründen“ immer weiter eingeschränkt wird, sei es durch Verschärfung des sozialen Konformitätsdruckes oder auch durch rechtliche Verschärfungen diesbezüglich, sehe ich keine konstruktive Zukunft.
    Ich kann es nicht nachvollziehen, wie eine totalitär-autoritäre politische Kultur, wie wir sie insbesondere seit wenigen Jahren verschärft in der Politik aktuell erleben, weiter aufrecht erhalten und in der wahrgenommenen Breite mitgetragen wird.
    Das verdanken wir u.a. auch den Lobbyisten, die vormals vor den Türen der Parlamentspolitik halt gemacht haben, nun aber mit ihren Leuten die Stühle dort besetzen. Von freier kritischer Berichterstattung in den Qual.-Medien fehlt mittlerweile jegliche Spur. Das sah vor Jahren noch deutlich anders aus.
    Das aktuelle politische Personal widerspiegelt den moralischen und kognitiven Zerfall der Gesellschaft sowie das Abrisskommando, das die bisherigen Strukturen dem Boden katalysierend gleichmacht. In einem mit glühendem Eifer geführten Bürgerkrieg der Einstellungen wird das aktuelle Geschehen zumindest nicht überwunden werden können.
    Als interessierter Betrachter der realen Welt (das lasse ich jetzt so stehen) halte ich mich im diesbezüglichen Treiben weiterhin weitgehend heraus. Der laufende Abriss wird ein Ende finden, ein Wiederaufbau wird die aktuellen Ereignisse in die Geschichtsbücher der Zukunft schieben – als schlechtes Beispiel. Dafür wurden sie vermutlich auch vorausschauend angeregt.

    Was bedeutet das für den Sport: Sportereignisse, wie wir sie kennen, sind immer ein großes Geschäft und Beschäftigung großer Teile der Bevölkerung. Emotionen werden gekitzelt, die Ablenkung von sich selbst, dem Leben da draußen, der eigenen inneren Stimme, das Denken über metaphysische Zusammenhänge, die Menschen werden in der unbedarften und betreuten Schwebe gehalten.

    Profisport wird vermutlich nie moralisch sein, wobei die Snooker Main Tour, aber auch die Amateur-Veranstaltungen von hoher ziviler Qualität sind. Snooker ist auch etwas Vorbild im praktischen Umgang mit anderen Menschen und im Ausüben von Rücksichtnahme. Das kann bei Turnieren vor Ort geübt und gelebt werden.

    Wenn ich mich zwischen Snooker und der Natur entscheiden müsste, dann wäre ich sofort in der Natur. Snooker ist in seiner Art zwar inspirierend (die dynamischen Geometrien in Verbindung mit Körper- und Geistbeherrschung), aber viele sehr tiefgreifende Erlebnisse vermag es auch nicht zu ermöglichen.
    Ich werde erwarten und beobachten, was da kommen mag, aber nicht zu jeder Zeit bewerten.

    Herzlichst

    OscarTheFish(p@k)


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