Michael Holt: Life… I absolutely love it!!!!

Holt, Michael Riga Open 2015
Michael Holt bei den Riga Open 2015 © Monique Limbos

Michael Holt ist ein Spieler, der nicht durch blöde Schuhe, Frisuren oder überkandidelte Autos von sich reden macht. Am Tisch aber ist er für Überraschungen gut – von Spitzenklasse bis grottenschlecht ist bei ihm alles drin. Meine Aufmerksamkeit erregte er außerdem, weil er allen Frauen zum Frauentag seine besten Wünsche schickte, sein Profilbild am Gay-Pride-Tag in Regenbogenfarben einfärbte und er immer mal wieder für einen Musiktipp gut war. Endgültig hat er mein Herz aber erobert mit seiner Hörempfehlung eines Interviews von Noam Chomsky und seinen Antworten im Blog von Alan McManus: ”Total Clearance with Michael Holt“.

Am 7. August 1978 in Nottingham geboren, stieß er 1996 zu den Profis auf die Main Tour und tummelt sich dort schon seit einigen Jahren rund um den Platz 25. Mit zwei Minor-Turniersiegen 2010 und 2011 ist für ihn der Sinn und Zweck seiner Karriere längst nicht erfüllt.

Der größte Wunsch ist noch offen: ein Major-Turniersieg

Holt World Grand Prix 2015

Hitman Holt, nicht zufrieden. © M. Limbos

„Mit dem bisherigen Verlauf bin ich nicht zufrieden. Ich bin Profi geworden, um Weltranglistenturniere zu gewinnen. Bis ich das geschafft habe, werde ich in Bezug auf meine Karriere nicht glücklich sein. “ Und doch weiß er es zu schätzen, Snookerprofi zu sein „Es ist großartig! Vor ein paar Jahren gab es eine Phase, da habe ich das als selbstverständlich betrachtet, doch das tue ich nicht mehr. Ich fühle mich wirklich vom Glück gesegnet, etwas tun zu können, von dem ich schon als Kind geträumt habe. Und ich beabsichtige, jede Minute zu genießen, bis ich aufhöre.“ Auf die Frage, ob er es nicht schwer findet, quasi selbständiger Unternehmer zu sein, das ganze Risiko zu tragen, aber wichtige Entscheidungen nicht selber treffen zu können, antwortet er: „Ich sehe es als Glücksspiel – und zwar als eins, das sich lohnt, weil ich immer auf mich selber setze. Wer nicht bereit ist, dieses Spiel anzunehmen, hat die Wahl, etwas anderes zu tun. Wir haben eben nicht die Sicherheit eines Nine-to-Five-Jobs, aber dafür kann ich in der Welt herumreisen und wenn alles gut läuft, kann sich mein Leben innerhalb kürzester Zeit total verändern. Außerdem lebst du nur einmal. Das Leben ist kurz und wie Charles Bukowski schon sagt: Find something you love and let it kill you.!!”

Die mentale Seite ist der Schlüssel beim Snooker

Es fällt ihm nicht leicht, sich selber als Spieler zu beschreiben. „Schwierige Frage! Ich fühle mich in jedem Bereich stark, wenn ich mein Spiel bringen kann. Wenn das nicht der Fall ist, spiele ich furchtbar. Mein größtes Problem ist Beständigkeit.“ Aber er arbeitet hart daran, sich zu verbessern. Er ist der Ansicht, dass die mentale Seite im Snooker entscheidend ist und sucht sich auch dafür gezielt Unterstützung. Seit Sommer 2015 ist Terry Griffiths sein Coach, der schon Spielern wie Mark Davis und Barry Hawkins zu sichtlich besseren Ergebnissen verhalf. Holt setzt große Hoffnungen in diese Zusammenarbeit. In der Vergangenheit fiel es ihm oft schwer, schlechte Stöße zu verdauen und sich auf die nächste Gelegenheit in positiver Weise zu konzentrieren. Das soll sich jetzt ändern. Denn es gibt nicht viele Gründe, warum Holt nicht einmal ganz oben stehen sollte: Er hat fast alle Top-Spieler wie Robertson, Selby, Trump und O’Sullivan schon einmal besiegt.

Und an welchem Spieler orientiert er sich? Wessen Stärken beeindrucken ihn am meisten? „Ganz klar: Ronnie O’Sullivan. Er ist der Beste, den ich je gesehen habe. Einfach fantastisch. Allerdings beeindruckt mich auch jeder andere Champion. Ich weiß, wie hart es da draußen zugeht und ich habe den allergrößten Respekt vor jedem, der einen Titel holt.”

„Ich habe schon einige Male in meiner Karriere richtig gut gespielt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir mein Match gegen Tony Drago bei der UK Championship 1999. Ich war erst zwei Jahre Profi und Tony war zu der Zeit ein Top-32-Spieler. Ich habe ihn 9-1 geschlagen und dabei durchgehend richtig gut gespielt; Tony hat seinen einzigen Frame mit einem Century gewonnen. Ich habe jede Minute des Spiels genossen.”

Die größte Unterstützung bekommt er von seiner Verlobten, seiner Familie und seinen Freunden sowie von seinem Manager Dave [Bramley, Anm. LW], der Holt schon seit der Zeit begleitet, als dieser noch kein Profi war. Doch die wichtigste Stütze ist sein Vater. „Mein Dad hat mich in meiner Kindheit im ganzen Land herumkutschiert und es ist meine größte Motivation, ein Turnier für ihn zu gewinnen.”Holt, Michael Riga Open 2015

Mit Reanne Evans Weltmeister im Mixed Double

2015 wurde er mit Reanne Evans zusammen erneut WLBSA World Mixed Doubles Champion. Holt würde gerne auch auf der Tour gegen Frauen spielen. „Ich fände es toll! Das Geschlecht ist egal, die Leistung zählt. Es macht für mich keinen Unterschied, ob ich gegen eine Frau oder einen Mann spiele. Wenn ich geschlagen werde, bin ich immer übler Laune.“ [mit Augenzwinkern]

The “Hitman” und die Person Michael Holt

Sein Spitzname hat übrigens nicht damit zu tun, dass er auf irgendwelche Snookertische geschlagen hat. In Wirklichkeit ist Alan Hughes dafür verantwortlich. Bei einem von Holts ersten Turnieren hat er den Hitman vorgeschlagen und Holt war sofort begeistert und trägt ihn seither.

Und seine Fans? Ich frage ihn, ob er sich vorstellen kann, was die sich von ihm wünschen: „Keine Ahnung! Wenn es da etwas gibt, dann lasst es mich wissen und ich werde sehen, was ich tun kann.“ Leute, das ist doch ein Angebot! (Nutzt die Kommentarfunktion, ich leite es in Berlin an ihn weiter.)

Holt bezeichnet sich als glückliche Person und sagt, mit dem Alter wäre seine Zufriedenheit noch gewachsen. Seine Leidenschaften beschreibt er mit: Gesundheit und Fitness, Essen und Lachen – und sagt, er könnte ohne eins davon nicht leben. Wäre er kein Snookerspieler, dann wäre er wahrscheinlich Fitnesstrainer oder Koch.

Er ist der Meinung, dass man sein örtliches Fußballteam unterstützen sollte und findet es ätzend, wenn Leute aus Sonstwo zum Beispiel Fans von Manchester United sind. Deshalb ist er Fan von Nottingham Forest FC, auch wenn es seiner Ansicht nach kein besonders glückliches Team ist und sie ihm schon manche Enttäuschung bereitet haben.

Michael hat viel Verbindung zu Musik, sein Bruder spielt in einer Band und er selber legt auch mal auf. Zurzeit versucht er sich David Bowie zu erarbeiten, ist sich aber noch nicht sicher, ob er je ein Fan wird. Sein Repertoire umfasst eher alternative Musik, er ist zum Beispiel ein Fan von The Brian Jonestown Massacre, einer Band, die sehr abwechslungsreich klingt und sich deshalb schlecht in Kategorien einordnen lässt. Und er empfiehlt, mal bei einer Band aus Nottingham reinzuhören: I AM LONO.

Eine Frage bleibt offen. Von den Aufnahmen zu World Snooker Mr & Mrs-Video mit Michael Holt & Mark Williams gibt es zwar ein Beweisfoto, auf dem Holt die rosa Perücke trägt. Aber das Video ist nirgends auffindbar. Er rät mir, bei WS nachzufragen, warum es nicht veröffentlicht wurde.

Zum Schluss beantwortet er die Frage nach seinem größten Wunsch für die nächste Zeit: „Im Snooker: ein Major-Ranglistenturnier zu gewinnen. Im Leben: Dass alle Menschen, die ich liebe, glücklich sind.“

Auf dass dieser Wunsch in Erfüllung geht! Herzlichen Dank, Michael, für die Zeit und den Einblick ins Leben eines Snookerprofis.

Das vollständige Interview gibt es hier zum Herunterladen.


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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