Well (s)potted: Lulas WM-Gedanken (11)

Halbfinale RoS Hawkins
Stehende Ovationen nach dem Halbfinale für eine gute Leistung. Fotos © Monique Limbos

„Gebt ihm doch einfach die Trophäe.“

Ein Tag voller Spannung hätte es werden sollen, der Samstag der Halbfinalentscheidungen. Doch Ronald Antonio O’Sullivan hat heute andere Pläne und hat sich mit einem 17:7 über Barry Hawkins die vierte Session gespart. So bleibt heute nur die Entscheidung im Spiel Mark Selby gegen Neil Robertson.

Nach den ersten vier Frames der Morgensession hatte die Rakete 115 Bälle gelocht, der flügellahme Falke 5. Es stand zu befürchten, dass Hawkins schon völlig vom KvdSS (Kaninchen-vor-der-Schlange-Syndrom) erfasst sei. Doch nach der Pause beeindruckte er mit einem atemberaubenden Einsteiger, der für einen Restposten Selbstbewusstsein sprach und konnte mit zähem Kampf tatsächlich drei der vier Frames zum Stand von 5:11 für sich entscheiden. Es keimte also wieder Hoffnung auf einen Wettbewerb auf, dennoch wurde die Abendsession von der Frage beherrscht: Wird es eine vierte Session geben? Das ist leider nicht der Fall, denn am Ende des Abends hatte der amtierende Weltmeister die nötigen Gewinnframes auf der Zähltafel und die Zuschauer werden sich stattdessen an ein paar Trickshot erfreuen können.

Nach dem Spiel gab Hawkins zu, dass er völlig ausgebrannt und froh sei, sein Queue für eine Weile zur Seite zu legen. Am Ende des Spiels, als sein Gegner auch den noch so absurdesten Ball versenkte, während sich bei ihm selber eine unglückliche Situation an die andere reihte, wollte er nur noch raus aus der Arena. Es sah ganz so aus, als zahlte er heute den Preis für eine lange und anstrengende Saison

Nun könnte ich sagen, Barry Hawkins hat das Spiel verloren, weil er seine Chancen nicht nutzte und letztendlich nicht die mentale Stärke zeigte, die es braucht, um so einen Gegner zu schlagen. Aber bevor ich hier wieder der Inkompetenz bezichtigt werde, gebe ich lieber zu, dass O’Sullivan ein Snooker spielte, mit dem er locker den Titel holen wird. Es sind nicht mal die genialen Bälle oder das zentimetergenaue Stellungsspiel, das mich beeindruckt. Nein, was für mich diese Überlegenheit ausmacht, ist das ganze Paket aus technischen und taktischen Fähigkeiten, das seit einiger Zeit immer häufiger mit den Strippen „erhöhte Frustrationstoleranz und Affektkontrolle“ zusammengeschnürt wird. So behielt er auch die Kontrolle über das Spiel, wenn er Fehler machte und sein Gegner dadurch ins Spiel kam. Er kann mittlerweile sehr gut mit nicht ganz gelungenen Dingen umgehen und dabei den Fokus auf das Spiel behalten. Das war bisher immer die Sektion, in der man ihn schlagen konnte und auch die hält er jetzt souverän besetzt.

In der ihm eigenen Bescheidenheit spielte er das alles im anschließenden Interview herunter und lobte stereotyp Hawkins als Spieler insgesamt, dessen Saison und natürlich seine Leistung im Spiel. Aber wem kann er denn noch etwas vormachen? Er hat sich durch seine punktuellen Auftritte die Saison offensichtlich gut geplant, hat dadurch noch ordentlich Kraft und Spielfreude und der zusätzliche freie Tag, lässt ihn sicher noch frischer im Finale erscheinen.

Robertson Selby

Zwei Snooker-Größen im Kampf um den Einzug ins Finale. Fotos © Monique Limbos

Bei zweiten Spiel steht es nach der zweiten Session 9:7. Selbys Führung hätte auch 10:6 betragen können, aber Robertson wollte sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und erkämpfte sich den letzen Frame der Session. Schwer zu sagen, wer hier die Nase vorn haben wird. Robertson schien gestern seine Leistung nicht mehr 100%ig abrufen zu können, aber eine Nacht wirkt ja manchmal Wunder. Am Wollen wird es bei den beiden auf alle Fälle nicht scheitern. Ich würde es noch nicht als den absoluten Siegeswillen bezeichnen, den sie hier an den Tag legen, aber dafür ist ja auch etwas früh. Aber den Willen, dem Gegner kein Stück Raum zu überlassen, den sehe ich sehr deutlich und das macht das Spiel wohl auch weiterhin spannend.


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren depressiven Snookerroman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

2 Gedanken zu „Well (s)potted: Lulas WM-Gedanken (11)

  1. Claudia

    Wunderbare Zusammenfassung der Halbfinals! Die Einschätzung von Ronnie trifft genau meinen eigenen Eindruck, den ich von ihm gewonnen habe. Er scheint nicht mehr zu schlagen zu sein. Es würde mich sehr wundern, wenn er im Finale verliert. Weder Selby noch Robbo können ihm gefährlich werden, es sei denn, sie spielen in der Form ihres Lebens und lassen Ronnie erst gar nicht an den Tisch. Aber wie Lula schon schrieb: Ronnie locht die unmöglichsten Bälle. Die Chancen auf seinen 6. Sieg stehen auf grün.

  2. Stephan von Amstel

    Liebe Lula!
    Wieder mal messerscharf kommentiert! :-)

    Noch mal einen Gedanken dazu:
    „Ronnie the rocket“ hat ja früher immer raketenschnell gespielt, um sich ob seiner inneren Unsicherheiten schnell aus seiner „Unkomfort- Zone“ also dem Crusible davon zu machen…und nicht, weil er vor lauter überbordender Selbstsicherheit ohne Angst auf jede Kugel geht, und das so schnell wie möglich!
    Ergo:
    Je wohler er sich in seiner Haut fühlt, umso weniger wird raketet er! Er spielt langsamer, sicherer und läßt sich nur mehr durch wenig aus der Ruhe bringen. Und dann wird’s für alle Gegner fast unmöglich…

    Ich bin dafür, daß man Ronnie O’Sullivan ab jetzt „Ronnie the former rocket“ nennen sollte! ;-)

    Liebe Grüße Stephan

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