Shaun Murphy und die Maximumbreaks

Shaun Murphy, hier bei der WM 2015, ein Jahr nach seinem Jahr mit den Maximumbreaks
Shaun Murphy, hier bei der WM 2015 © Monique Limbos

Shaun Murphy spielte schon einmal drei Maximumbreaks in einem Jahr. Jetzt gelang ihm nach vier Jahren wieder eins. Warum Maximumbreaks manchmal häufiger sind, ergründen wir im Gespräch mit Sportcoach Chris Henry.

Wie ich hier schon öfter berichtet habe, stellt Mental Coaching eine wichtige Ergänzung zu Training und Coaching am Tisch dar. Das technische und taktische Spielniveau ist an der Weltspitze relativ ausgeglichen, sodass ein gute mentale Verfassung oft den Ausschlag zum Erfolg gibt. Spieler wie Ronnie O’Sullivan (arbeitete mit dem Sportspsychologen Steve Peters), Mark Selby, Peter Ebdon, Mark Allen und Mark Davis habe mit der Hilfe von Coaches und Mentaltechniken ihre Leistungen signifikant steigern können.

Anfang des Jahres hatte ich die Gelegenheit, mit dem neuen Wunder-Coach Chris Henry zu sprechen. Nachdem lange Jahre fast alle Spieler bei Terry Griffiths in Betreuung waren, nehmen jetzt viele Henrys Dienste in Anspruch – offensichtlich mit Erfolg.

In dem Gespräch ging es unter anderem um neurowissenschaftliche Erkenntnisse und deren Einbindung in die Arbeit als Coach.

Das Gehirn verstehen lernen

Chris Henry gab mir ein leicht verständliches Bild, wie unsere Erwartungshaltung unser Gehirn beeinflusst. „Wenn Sportler*innen Erfolg haben wollen, geht es darum, einen starken Glauben an sich selbst zu entwickeln. Mit dem neurowissenschaftlichen Ansatz functional magnetic resonance imagery können wir tatsächlich sehen, wie das Gehirn sich durch Wiederholung verdrahtet. Dadurch können wir buchstäblich Glaubenssätze über uns selbst kreieren und unser Selbstbild verändern. Denn letztendlich ist es dein Selbstbild, das dir erlaubt, auf einem bestimmten Niveau zu performen. Wir nennen das einen psychokybernetischen Mechanismus. Der funktioniert wie der Thermostat in einem Raum. Wenn der auf 21/22° gestellt ist und die Heizung läuft, dann erkennt das System, wenn 21/22° erreicht sind und stellt die Heizung ab. Im Gehirn haben wir einen ähnlichen Mechanismus, eine Einstellung auf dem Niveau, das wir uns selber zutrauen. Und wenn wir anfangen, über dieses Niveau hinauszugehen, dann fühlen wir uns sehr unwohl. Also müssen wir diese Erwartungseinstellung auf ein höheres Niveau heben, um uns nicht unwohl zu fühlen. Das sind einige der Dinge, an denen wir arbeiten.“

Anschließend erläuterte er mir an einem Beispiel eine seiner Techniken. Er erzählte mir von Shaun Murphy und dessen Wunsch, endlich ein Maximumbreak im TV zu spielen, nachdem ihm das jahrelang nicht gelungen war. Anlässlich Murphys 147 bei der Qualifikation zum German Masters enthüllen wir das Geheimnis, wie Murphy es 2014 schaffte, drei perfekte Breaks in einem Jahr zu erzielen.

„Shaun Murphy und ich haben im April/Mai 2013 mit der Zusammenarbeit begonnen. Eins seiner Ziele war, zum ersten Mal in seiner Karriere eine 147 am TV-Tisch zu spielen. Er hat es bisher einfach nicht geschafft, denn immer, wenn er nah dran war, wurde er sehr nervös. Sein Gehirn sah etwas kommen, was es nicht erkannte. Das verursachte Unsicherheit. Wir wissen aus der Neurowissenschaft, dass es tatsächlich möglich ist, Erinnerungen zu kreieren in Vorbereitung auf etwas, das passieren wird. Dem Gehirn kommt es dann ganz normal vor, das etwas Bestimmtes passiert.“

Eine Routine zur Gewöhnung an den Erfolg

„Ich kreierte also für Murphy eine Routine. Diese sollte seinem Unterbewusstsein suggerieren, dass es völlig normal sei, Maximumbreaks zu spielen. Wir legten lediglich drei Rote und die Farben auf den Tisch und Murphy sollte die Roten mit jeweils der Schwarzen zusammen spielen und anschließend die Farben abräumen. Er gab zu bedenken, dass das doch nur 51 Punkte wären. Doch das Faszinierende am Unterbewusstsein ist, dass es den Unterschied zwischen Phantasie und Realität nicht kennt! Es denkt, alles sei eine Tatsache.

Shaun lochte die erste Rote und ich rief laut: „97!“ Dann lochte er Schwarz und ich applaudierte, denn er hatte ja ein Century gemacht. „104“ und wir legten Schwarz zurück auf den Punkt. Nachdem er die nächste Rote gelocht hatte, 105, brach er in lautes Lachen aus. „Ich bin buchstäblich am Zittern“, sagte er. Als wäre er wirklich gerade auf dem Weg zur 147. Verrückt. Und er verschoss tatsächlich die Schwarze. Bei einer Routine, die er normalerweise in neun von zehn Versuchen erfolgreich absolviert hätte, brauchte er neun Versuche, denn er brachte eine andere Bedeutung damit in Verbindung. Und das ist einer der Schlüssel. Wir reden im Sport von ‚Druck’. Doch so etwas wie ‚Druck’ gibt es nicht. Es handelt sich nur um die Bedeutung, die dein Unterbewusstsein dem gibt, was gerade passiert. Und diese Bedeutung verursacht ein bestimmtes Gefühl, einen emotionalen Zustand, den wir ‚Druck’ nennen.

Wir haben also die Routine absolviert. Den neunten Versuch haben wir auf Video aufgenommen und Shaun hat es sich jeden Tag einmal angesehen. Denn jedes Mal, wenn er das Video anschaut, bildet sein Gehirn Nervenverbindungen und Erinnerungsdateien davon, wie er die Routine absolviert. Und jeden Tag spielte er die Routine einmal am Tisch.“

Murphy schreibt Geschichte mit drei Maximumbreaks in einem Jahr

Im Januar 2014 machte Murphy ein 147er Break live im TV. Ein paar Wochen später, wieder live im TV, machte er ein zweites. Ein paar Monate später, in Deutschland bei den Ruhr Open, machte er sein drittes 147er Break – in einem Finale. Er ist damit der erste Spieler in der Geschichte, der drei Maximumbreaks in einem Kalenderjahr machte. Was er vorher nicht zu schaffen in der Lage war, konnte er jetzt mit gefühlter Leichtigkeit tun.

Henry erklärt dazu: „Hinter den Augen haben wir zwei kleine Muskeln in den Ohren, die heißen Amygdala. Diese Muskeln gucken quasi in die Außenwelt und leiten die Information zurück an unser Gehirn. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde durchsucht unser Gehirn die Erinnerungen in unserem Kopf, ob es etwas von dem wiedererkennt, was gerade passiert. Wenn das nicht der Fall ist, fangen die Alarmglocken an zu schrillen. Adrenalin, Epinephrin, Noradrenalin – diese Chemikalien und Hormone werden ausgeschüttet und bringen dich dazu wegzulaufen (was du beim Snooker nicht gebrauchen kannst), zu erstarren oder zu kämpfen. All das kannst du nicht gebrauchen. Du musst also das Gehirn trainieren, diese Dinge als normal zu betrachten.“

Er erinnert sich: „Nach dem ersten Mal sagte Shaun zu mir: „Ich war ein bisschen nervös, aber nicht ansatzweise so wie vorher.“ Das war ein Beispiel einer Routine, mit der wir buchstäblich Shauns Gehirn verändert haben und es mit der Situation viel gelassener umgegangen ist.“

Diese drei Maximumbreaks waren die Nummer 2 bis 4 in Murphys Karriere. Zwei Jahre später gelang ihm ein weiteres während eines Qualifikationsspiels in Preston. In dieser Woche spielte er bei der Qualifikation zum German Masters seine sechste Karriere-147, wieder ohne Publikum. In dieser noch jungen Saison war es schon das dritte perfekte Break – nach denen von Higgins und Day. Vielleicht sorgt das fehlende Publikum dafür, dass mehr Maximumbreaks gespielt werden?

Kurz vorher hatte Murphy übrigens ein Interview über seine Maximumbreaks gegeben. Danach durfte er gleich noch mal.

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Sucht für den Roman „Belinda to break“ einen Verlag. Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. www.twitter.com/lulawitzescher

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