Michael Holt holt ersten Weltranglistentitel

Michael Holt hält lächelnd den Pokal.
Endlich hält er einen Weltranglistenpokal in den Händen. © World Snooker/Tai Chengzhe

Wenn ich eine Person interviewe, entsteht dadurch oft ein gesteigertes Interesse am weiteren Werdegang dieser Person. Deshalb gibt es hier ja auch die Rubrik „Wir haben ein Auge auf …“ Bei zwei Spielern ging es etwas weiter: Ihr eigener Herzenswunsch übertrug sich auf mich und ich fieberte mit und drückte Daumen – lange Zeit leider vergeblich. Doch gestern ging bei einem der beiden dieser Wunsch endlich in Erfüllung.

Weltranglistensieg beim Shoot-Out für Michael Holt

Schon im letzten Jahr stand Michael beim Shoot-Out im Finale. Doch der Sieg ging an Finalgegner Thepchaiya Un-Nooh. Ich war nicht allzu enttäuscht, denn für mich war ein Shoot-Out-Titel nicht das, worauf ich gewartet hatte. Das Shoot-Out mag zwar Weltranglistenstatus haben. Aber wenn Michaels beiden Siege bei PTC-Events (Best-of-7) nicht zählen, dann konnte – so dachte ich – ein Sieg beim Shoot-Out nicht die Erfüllung des Herzenswunsches sein. Doch es ist jetzt nunmal ein offizelles Weltranglistenturnier, trotz aller Kritik daran. Und so sehen es wohl auch viele andere, inklusive den Holts, Junior wie Senior. Gestern hat Michael seine Chance genutzt und gegen Zhou Yuelong endlich seinen ersten „echten“ Pott geholt. Und sich mit mir zusammen redlich darüber gefreut.

Die £50.000 sind das größte Preisgeld seiner Karriere. Zudem belohnte er sich noch mit einem Startplatz bei den Players Championship, weil er durch den Sieg beim Shoot-Out auf Platz 16 der Ein-Jahres-Rangliste sprang. Dort bekommt er schon für den Fall einer Erstrundenniederlage morgen gegen Judd Trump £10.000, ganz zu schweigen vom Preisgeld, falls er – vielleicht mehr als ein Spiel – gewinnt.

Das Denken als größtes Hindernis

Michaels größtes Problem ist sein eigenes Kopfkino, besonders wenn er auf seinem Stuhl zum Zuschauen verdammt ist. Er sagte mal, er sei froh, wenn er seine Gedanken dann von mehreren tausend auf zwanzig reduzieren könnte. Deshalb liegt ihm das Shoot-Out auch so sehr: Er hat einfach keine Zeit zum Nachdenken. Und dann zeigt sich, was er selber immer wieder betont, dass er richtig gut spielen kann. Wenn er seiner Intuition folgt, dann gelingen ihm Bälle, die er sonst solange „zerdenkt“, bis er anfängt zu zweifeln – und dann verschießt. Wer kennt es nicht, sein An- und wieder Absetzen, welches die Unsicherheit so schmerzhaft und zermürbend sichtbar macht?

Doch nicht nur beim Shoot-Out gibt es diesen überzeugenden Michael Holt. Er zaubert dann schöne Breaks und fliegt um den Tisch. Doch oft kommt irgendwann der Moment, wo es anfängt zu kippen. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an sein Match gegen Ronnie O’Sullivan beim World Grand Prix 2016. Michael war mit Breaks von 88 und 119 3–0 in Führung gegangen und brauchte nur noch einen Frame zum Matchgewinn. Doch ließ er O’Sullivan erst zum Decider herankommen, bevor er das Match für sich entschied. Das sind die typischen Verläufe, die einen Holt-Fan so fingernagellos machen.

Anlauf zum nächsten Titel?

Es heißt ja oft, dass der erste Titel der Schwerste ist und nur der Knoten platzen muss. Danach geht es dann viel leichter. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Prognose für Michael stellen würde. Ein anderer Michael hat es vorgemacht, dass ein Shoot-Out-Sieg nicht die Einflugschneise für einen Karriereaufschwung darstellen muss. Michael Holt ist mittlerweile 41 Jahre alt und was er in den 24 Profijahren nicht an Fokussiertheit gelernt hat, wird er vielleicht auch nicht mehr lernen. Ich wünsche ihm, dass jetzt der Druck etwas kleiner ist und er etwas befreiter aufspielen kann. Dass er seinem Vater endlich etwas Handfestes bieten kann, für die Mühen, die dieser auf sich genommen hat, um Michael bei seiner Karriere zu unterstützen, wird sicherlich viel dazu beitragen. Aber ich erwarte keine Wunder. Nur einen stolzen, glücklichen Dad.

 

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Tanzt und performt im Nebenberuf, spielt Poi, schreibt sporadisch Geschichten (hat im letzten Jahr den Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, sucht dafür jetzt einen Verlag). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich häufig am Magic Mountain Berlin anzutreffen. Hasst Ronnie O'Sullivan nicht, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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