Steven Hallworth: Wer will schon verlieren?

Hallworth, Steven WelshOpen2015
Steven Hallworth bei den Welsh Open 2015 in seinem Spiel gegen Shaun Murphy. © Monique Limbos

Als Steven die Auslosung zur WM-Qualifikation zu Gesicht bekam, war er ein wenig geschockt. Selber als Nr. 110 der Rangliste am Start, zog er ausgerechnet Michael White, den mit der Nr. 16 am besten platzierten Spieler. Aus diesem Grund ging er nicht besonders selbstbewusst in dieses Spiel. Doch anfangs lief alles großartig, zur Pause führte er 4-0!

Allerdings rechnete er fest damit, dass ein Spieler von Whites Niveau nach der Pause versuchen würde, schnell ins Spiel zu kommen und ihm ordentlich Gegenwind zu verursachen. Und genau das passierte: Steven verlor sieben Frames in Folge, bevor er im 12. Frame beim Stand von 4-7 endlich sein eigenes Spiel wiederfand und ein Comeback hinlegte. Frame 12, 13. 14 gewann er, unter anderem mit einem 78er Break „aus dem Nichts“. Zwei Frames später stand es 8-8 und in den letzten beiden Frames zum 10-8 für White hatte Steve noch seine Chancen, die er aber nicht gewinnbringend nutzen konnte. Letztendlich hätte er das Spiel in den sieben Frames nach der Pause verloren, sagt er anschließend.

„Ich bin ohne Erwartungen in das Spiel gegangen. Ich habe einfach versucht, alles zu geben und ich denke, das habe ich getan! Es hätte gewaltig geholfen, wäre ich mit meiner Führung vorsichtiger umgegangen. Wer weiß, vielleicht hätte ich das Spiel sogar gewinnen können. Deshalb bin ich über das Ergebnis ein bisschen enttäuscht.“

Dennoch war es ein tolles Spiel, was auch White anschließend bestätigte. Und trotz der Enttäuschung hat Steven das Spiel durchweg genossen. „Michael war über seinen Sieg sehr erleichtert, seine Reaktion am Ende sagt alles. Es gibt mir Selbstvertrauen, dass ich bei einem Top-16-Spieler so dagegenhalten konnte.“

Ehrlich gesagt hatte ich vorher von diesem jungen Mann noch nicht allzu viel gehört. Allerdings war er mir durch seine extravagante Frisur aufgefallen, als ich Fotos für die Spielerprofile zusammensuchte. Meine Assoziation war sofort „Eraserhead“, weswegen ich das Filmfoto für einen meiner Tweets während des Spiels verwendete. Steven favorisierte diesen Tweet und ich dachte mir: „Dieser Mann hat Humor.“ Und das ist neben seiner attraktiven, kämpferischen Spielweise der Hauptgrund, warum ich ihn unbedingt hier portraitieren wollte. Ich habe recht gehabt: Steven Hallworth ist ein sehr humorvoller junger Mann. Doch letztendlich ist es etwas anderes, was mich so beeindruckt: Sein Respekt und seine Dankbarkeit für das, was das Leben ihm bietet und seine Liebe – für seine Familie und den Sport.

Steven Hallworth wurde am 01.12.1995 in Skellingthorpe, Lincolnshire geboren. Als Fünfjähriger fing er an, Snooker zu spielen, 2009 spielte er 13jährig gegen Mark Selby, 2010 war er einer der 8 Finalisten in Ronnie O’Sullivans Rileys Future Stars Competition. 2014 erhielt er eine Zwei-Jahres-Tourkarte über die EBSA Amateur Cup Play-Offs, war aber in dieser Saison noch nicht so erfolgreich, wie er gehofft hatte. Er konnte nur 4 von 20 Spielen gewinnen.

„Ich schaue mit gemischten Gefühlen auf meine erste Saison als Pro. Ich finde, ich hatte einige knallharte Erstrundengegner, was es mir schwer gemacht hat, wichtige Siege einzufahren. Auf der anderen Seite haben mir diese Spiele – gegen Neil Robertson, Mark Williams, Shaun Murphy, Marco Fu und Michael White – eine Menge Erfahrungen gebracht und ich bin dadurch ein besserer Spieler geworden. Bei den Welsh Open gegen Shaun Murphy zum Beispiel lag ich mit 3-1 zurück, aber ich habe ihm einen Kampf geliefert und ausgeglichen. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah! Im Entscheidungsframe hatte ich die erste Chance, leider konnte ich keinen spielentscheidenden Lauf daraus machen. Er räumte ab, wie jeder andere Top-Profi es auch gemacht hätte. Aber es war meine bisher beste Leistung im Profizirkel und ich habe viel aus dem Spiel mitgenommen.

Auch in anderen Spielen war ich nah dran. Das ist sehr ermutigend, denn diese Tatsache gibt mir das Vertrauen, dass ich wirklich mithalten kann. Sicher, ich hätte gerne mehr Spiele gewonnen, aber ich habe mich gut auf die nächste Saison vorbereitet und hoffe, nun richtig durchstarten und bessere Ergebnisse erzielen zu können.“

Er möchte die nächste Saison dafür nutzen, als Profi Erfolg zu haben, sich einen Namen zu machen und zu beweisen, wie gut er ist. Er fände es auch toll, Titel zu gewinnen und ein „World Dominator“ zu werden, doch jetzt konzentriert er sich erst einmal darauf, weiterhin hart zu arbeiten und sein Bestes zu geben. Er ist davon überzeugt, dass die Siege dann kommen und er die Rangliste nach oben klettern kann.

Snookerspieler mit Leib und Seele

Er bringt wichtige Eigenschaften und Stärken mit, um dieses Ziel zu erreichen. Er besitzt die Fähigkeit, die Stöße auf den ersten Blick klar vor Augen zu haben. Schnell zu erkennen, was als nächstes zu tun ist, ermöglicht ihm einen guten Spielaufbau. Außerdem kann er sich auch unter Druck auf seine Cue Action verlassen. In der letzten Zeit hat er an seinem Temperament gearbeitet, das er seitdem auch als eine Stärke bezeichnet. „Mich kann nichts mehr so schnell aus der Ruhe bringen“ sagt er.

Das offensive Spiel, mit dem er auch gegen White beeindruckte, hat leider auch eine Kehrseite. „Mein Safety-Spiel ist meine Schwäche. Wenn ich so offensiv spiele und ich wegen meine Stärke beim Lochen der Bälle gerne einen offenen Tisch habe, lassen mich meine Safeties manchmal in wichtigen Spielmomenten im Stich. Das ist etwas, woran ich arbeite.“

„Was ich am Leben als Snookerspieler gerne mag? Dass ich Tag für Tag den Sport machen kann, den ich liebe und dabei jede Minute genieße. Ich bin damit aufgewachsen, meine Idole im Fernsehen zu sehen und jetzt trete ich gegen sie an. Das ist irgendwie unwirklich für mich, aber großartig! Das Reisen ist auch ein wichtiger Teil dieses Lebens und das mag ich auch sehr gerne. Ich liebe es, neue Orte zu sehen und neue Menschen kennenzulernen. Es gibt nicht vieles, was mir an diesem Leben nicht gefällt, aber von etwas bin ich überhaupt kein Fan: Das Verlieren. Aber wer verliert schon gerne? Ich denke, niemand und ich versuche, es so gut wie möglich zu vermeiden.

Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Ich war gut in der Schule und habe immer die Noten bekommen, die ich wollte. Mir ist wichtig, für einen Plan B gewappnet zu sein, falls es mit der Snooker-Karriere nicht klappt. Aber ich möchte gar nichts anderes machen, ich möchte für den Rest meines Lebens Snooker spielen.“

Starke Familien-Bande

Auf meine Frage nach seinen Rollenvorbildern antwortet er: „Meine Mutter und mein Vater sind die größten Vorbilder für mich. Sie haben mich in der bestmöglichen Weise großgezogen und ich habe alle ihre Eigenschaften. Sie sind sehr motivierte Leute und haben immer für das, was sie haben, gearbeitet – das hat auf mich abgefärbt!“

Stevens Familie ist auch seine größte Unterstützung. Seine Eltern haben alles dafür getan, dass er den Weg zum Snooker-Profi gehen konnte. Sie haben ihn herumgefahren und haben wie irre gearbeitet, um seine Karriere zu finanzieren. „Ich bin gesegnet, so eine wunderbare Familie zu haben. Ich verdanke ihnen alles, ohne sie wäre ich nichts. Es wäre großartig, wenn ich einen Sponsor finden würde, damit sie mal die Füße hochlegen können. Das hätten sie wirklich verdient.“

Steven and SophieAuch zu seiner kleinen Schwester Sophie hat er eine enge Beziehung. „Überraschenderweise kommen wir extrem gut miteinander klar und das war schon von Anfang an so. Sie ist genauso meine Freundin wie Schwester für mich, ich kann mit ihr über alles reden und umgekehrt ist es genauso. Es ist wirklich toll, mit einem Familienmitglied so eine Beziehung zu haben.“ Sogar, wenn sie gestresst ist, weil sie nicht weiß, was sie anziehen soll oder Angst hat, dass ihre Frisur nicht gut aussieht, ist Steven sehr verständnisvoll: „Wenn es um Mode und Haare geht, bin ich genauso drauf wie sie…“ lacht Nur bei der Musik gehen ihre Meinungen weit auseinander. Steven hört HipHop, R&B und Dance (und meint allen Ernstes, das seien ziemlich viele verschiedene Musikrichtungen). Bei seiner Schwester dagegen gibt es nur eine Richtung. „Was ich echt nicht aushalte ist, morgens davon aufzuwachen, dass 1 DIRECTION aus ihrem Zimmer schallt. That’s not cool.“

Was ist deine größte Leidenschaft?

„ESSEN! Ich habe eine Leidenschaft für alles, was mit Essen zu tun hat. Ich liebe es zu kochen und ich bin ein sehr guter Koch! Ich erfinde Gerichte für meine Familie, backe mit meiner Schwester und vor allem liebe ich es zu essen. Mein Augenmerk liegt auf gesunden Mahlzeiten und Snacks. Ich möchte, dass alles, was ich esse, so gesund wie möglich ist und ich habe meine Familie damit schon angesteckt. Mir ist es wichtig fit zu sein, deshalb laufe ich so häufig wie möglich und gehe ins Fitness-Studio. Das ist eine gute Kombination mit dem richtigen Essen.“

Würdest du dich als glücklich bezeichnen?

„Unbedingt! Sicher gibt es auch mal traurige Momente im Leben, aber ich versuche, die Dinge positiv zu sehen. Andere würden mich vielleicht als witzigen Menschen bezeichnen. Ich bin mir nicht sicher, woran das liegt, warum Leute mich lustig finden. Ob es an der Art liegt, wie ich Dinge sage oder ob sie meine Persönlichkeit meinen…“

Hast du Interesse an anderen Sportarten? (wie Pferderennen z.B.)

„Ich bin ein riesiger Sportfan. Ich kenne keinen Sport, den ich nicht mag. Ich liebe es, selber Sport zu machen und bin auch ein sportlicher Typ. Seit meiner Kindheit spiele ich Fußball. In der Schule war ich in Leichtathletik gut, besonders im Hochsprung, weil ich so lange Beine habe. lacht Aber genauso gerne schaue ich zu. Ich finde es spannend, Top-Sportlerinnen und -Sportlern – egal welcher Sportart – dabei zuzuschauen, wie sie mit dem Druck umgehen. Ich liebe es, sie gewinnen zu sehen und sie zu beobachten, wie sie sich als Profis benehmen. Ich kann eine Menge daraus lernen zu sehen, wie andere in ihrem Sport Erfolg haben. Ja, und ich schaue auch Pferderennen! Meine Schwester hat beim letzten Grand National den Sieger vorhergesagt. Wahrscheinlich habe ich sie jetzt angesteckt…“

Was meinst du: Was wünschen sich deine Fans von dir?

„Ich habe keine Ahnung, was meine Fans sich von mir wünschen – lacht -, aber ich würde es liebend gerne herausfinden. Ich gebe immer Autogramme und spreche so lange wie möglich mit den Fans, denn letztendlich zahlen sie dafür, uns spielen zu sehen. Sie haben es verdient, dafür etwas zurückzubekommen – abgesehen davon, dass wir versuchen gut zu spielen!“

Hast du schon einen Spitznamen?

„Momentan habe ich keinen. Es haben schon Leute versucht, mir einen zu geben, aber bisher ist keiner klebengeblieben. Es wäre toll, einen Spitznamen zu haben, aber bitte einen guten!“

Alle Steven-Hallworth-Fans sind hiermit aufgefordert, sich zu Wort zu melden. Was wünscht ihr euch von ihm? Und welcher (gute!) Spitznamen passt zu ihm?

Hier gibt’s das Originalinterview in Englisch zum Herunterladen.

Hallworth, Steven QWCS2015

Steven Hallworth in seinem Spiel gegen Michael White bei der Qualifikation zur WM 2015. © Monique Limbos


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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