Eine Begegnung mit „Ronnie“

O'Sullivan WCS 2013
Ronald O'Sullivan bei der Weltmeisterschaft 2013 © Monique Limbos

Als ich anfing, mich näher für „den besten Spieler, den ich je gesehen habe“ (Zitat Michael Holt) zu interessieren, war die deutsche Ausgabe seiner 2003 erschienenen ersten Autobiographie vergriffen. So entschied ich mich, das englische Original zu lesen. Und ich kann nur sagen, es hat sich gelohnt.

Was kann man von O’Sullivans Autobiographie „Ronnie“ erwarten?

In diesem Fall kann ich genau das erwarten, was drauf steht: Ronnie. Ich bekomme einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt, in die Gefühlswelt des Ronnie O’Sullivan, in seine Erlebnisse, seine Hoffnungen und Befürchtungen, seine Beziehungen zu anderen Menschen. In chronologischer Folge erzählt O’Sullivan von seiner frühesten Jugend mit seinen ersten Snookererfahrungen, über sein bewegtes Snooker-Leben und die Abgründe seines Privatlebens inklusive Depression und Sucht bis hin zu seinem großen Erfolg: dem ersten WM-Titel im Jahr 2001. Es sind alle Episoden darin zu finden, die man an der ein oder anderen Stelle schon einmal gehört hat. Wer auf der Suche nach einem Snookerbuch ist, der ist mit „Ronnie“ nur am Rande gut bedient. Das Kapitel über andere Spieler zum Beispiel erzählt mehr von O’Sullivans Verhältnis zu ihnen als über die Spieler selber.

Was ist die größte Stärke des Buches?

Das Buch wird beworben mit der „brutalen Ehrlichkeit“, die O’Sullivan an den Tag legt. Und tatsächlich liegt hier die größte Stärke des Buchs: Die Schilderungen seines Entzugs und auch die Beschreibungen seiner depressiven Episoden sind mir als einem Menschen mit ähnlichen Erfahrungen total unter die Haut gegangen. Ich denke, dass auch Leserinnen und Leser, die diese Erfahrungen nicht kennen, gut nachvollziehen können, was ihm das Leben schwer macht und wie viel Kraft er stetig dafür aufwendet, um mit diesen Schwierigkeiten umzugehen. Er beschreibt sehr lebendig seine Panikattacken und sein Kopfkino, unter dem er leidet, wenn er unter Druck gerät. Man sieht einen Menschen, der sich ständig weiterentwickeln möchte und alle Kraft nutzt, dies auch zu tun. Es erfordert in meinen Augen eine Menge Mut, sich in dieser Art seinem Leben zu stellen, wie er es getan hat – und immer noch tut.

In der zweiten Auflage, die nach seinem zweiten WM-Titel 2004 erschienen ist, schreibt O’Sullivan in einem Epilog auch über die Reaktionen, die er auf das Buch bekommen hat: „Das Buch war eine großartige Erfahrung für mich. So viele Menschen haben es gelesen und gesagt, dass sie sich mit mir und meinen Kämpfen identifizieren.“ Und das kann ich bestätigen: Es ist eine große Hilfe, wenn bekannte und erfolgreiche Menschen zeigen, dass es ihnen trotz Ruhm und Reichtum nicht gut geht.

Was ist die größte Schwäche des Buches?

Die größte Schwäche des Buches liegt an derselben Stelle: an der Ehrlichkeit. Vielleicht betrifft diese Kritik aber auch gar nicht so sehr das Buch. Vielmehr ist es die Kritik an der Person des Verfassers. An einigen Stellen war ich unangenehm davon berührt, wie O’Sullivan sich darstellt. Aus den Beschreibungen seiner Bekanntschaften mit anderen Prominenten spricht eine Unreife, die schon leicht peinlich ist. Auch die Versuche, das rechtsgültige Urteil gegen seinen Vater als falsch zu beweisen, muten ein wenig kläglich an. Hier vernehme ich einen kindlichen (wenn nicht kindischen) Ton, der irgendwie zu der Tatsache passt, dass er auch als Erwachsener immer noch seinen Kindernamen trägt. An O’Sullivans Stelle hätte ich mir vorher überlegt, wie viel Unreife und Unreflektiertheit ich dem Publikum tatsächlich zeigen wollte. Oder ich hätte mir einen Ghostwriter und/oder Lektor gesucht, der mich vor einigen dieser Entblößungen bewahrt hätte.

Was gibt es noch zu sagen?

Sprachlich ist das Buch keine Überraschung. Es ist erwartungsgemäß eher einfach geschrieben, sehr nahe an dem, wie O’Sullivan in Interviews redet. Das heißt, dass man mit einigermaßen soliden Englischkenntnissen das Buch auch im Original lesen kann. (Auch wenn es etwas dauerte, bis ich verstanden habe, dass es bei „to have the bottle“ nicht etwa darum geht, „die Flasche zu haben“, sondern eher „den Arsch in der Hose“.) Ich habe mir sagen lassen, dass die Übersetzung hart an der Schmerzgrenze sein soll. Etwas ärgerlich finde ich persönlich die Fehler, was Spielbeschreibungen und Spielstände angeht. Es gibt die Möglichkeit, gar nicht so sehr ins Detail zu gehen, doch wenn ich es unbedingt tun möchte, sollte ich die Fakten auch überprüfen.

Empfehlung:

Ein absolut authentisches Buch. Ein Muss für alle O’Sullivan-Fans, ebenso wie für alle, die O’Sullivan nicht verstehen oder von ihm genervt sind. Interessant für Menschen, die sich für (Sport)Psychologie, psychische Krankheiten und Sucht interessieren. Nicht so sehr geeignet, um ein tieferes Verständnis für das Spiel zu erlangen.

Meine Musikempfehlungen zum Buch:
Take Ronnie’s Cue, ein stimmungsvolles Lied mit The Master himself on vocals und Starless von King Crimson, die geniale musikalische Umsetzung einer bipolaren Störung.

O'Sullivan

Ronnie O’Sullivan als Eurosport-Experte beim German Masters 2015 in Berlin. Foto © Monique Limbos


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren depressiven Snookerroman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher