Hawkins hoffnungslos, Bingham bewegt

HawkinsMurphy SF
Das Bild des Halbfinales: Ein ratloser Hawkins und ein extrem entspannter Murphy. © Monique Limbos

Das ist nicht leicht mitanzusehen: Ein Shaun Murphy, dessen Selbstbewusstsein aus jeder Faser seines überkandidelten Anzugs quillt, spielt gegen einen (oder besser: mit einem) Barry Hawkins, der mit dem vielen Kopfschütteln über sein eigenes Spiel schon vor dem Mittagessen ein Schädel-Hirn-Trauma riskiert.

Murphy ging mit einer 6-2-Führung in die Morgensession und es bot sich vier Frames lang dasselbe Bild: Hawkins mit Chancen, Hawkins mit Fehlern, Murphy gnadenlos konsequent. Weder das Stellungsspiel noch die Safeties gelangen ‘The Hawk’ auf einem für ein Semifinale benötigten Niveau. Er spielte dabei teils wundervolle Bälle, denen aber keine Fortsetzung folgte, weil irgendetwas schief ging – besonders bei den Splits. Kollegin Imke Köhler von Touch kommentierte: „Es scheint eine Gesetzmäßigkeit zu sein, dass man bei eigenen Fehlern auch noch Pech anzieht.“ Folglich stand es 10-2 für Smurf zur Pause.

Im 13. Frame kehrte sich die Situation mal kurz um: Beim Stand von 33-21 sprang Murphy Schwarz vom Tisch und Hawkins konnte den Frame mit einer 67 zum 10-3 gewinnen. Doch danach konterte Murphy mit einem 121er Break und gewann auch die letzen beiden Frames der Session.

Mit einem 13-6-Vorsprung in die Abendsession – entweder geschieht ein Wunder und Hawkins startet das Kommzurück der WM-Geschichte oder wir haben einen kurzen Snookerabend und einen Samstag ohne 4. Session.

Stuart Bingham gegen Judd Trump

Ich gestehe: Ich liebe es, Männer weinen zu sehen. Damit meine ich aber zum Beispiel nicht die Tränen von enttäuschten Fußballern, nachdem sie den Titelgewinn vergeigt haben. Nein, ich meine damit die bewegenden Tränen der Überwältigung und der Dankbarkeit, die Stuart Bingham nach seinem Einzug ins Halbfinale vergossen hat. Mir zeigt das, wie viel ihm an dem Spiel liegt und ich schätze das. Meine Sympathien hat er sich aber nicht nur damit erobert, sondern mit seinem ganzen Auftreten während der WM.

Trump SF

Trump betend? © M. Limbos

In den Nachmittag startete Bingham mit einem zwei-Frame Vorsprung (5-3) und daran änderte sich nichts – 9-7 steht es hier zur guten Nacht vor dem entscheidenden Spieltag morgen. Nur zwei Frames wurden als klassische One-Visits entschieden, der Rest war ein munteres Hin und Her, bei dem beide nicht fehlerlos waren. Auch wenn die Session ausgeglichen aussah, machte Bingham insgesamt den besseren Eindruck auf mich. Vielleicht liegt es auch an meiner leichten Aversion gegen Menschen, die sich der Welt mit teuren Erwerbungen zeigen müssen, aber mir scheint Trump immer noch nicht reif für einen wirklichen Durchhaltesieg. Vielleicht ist er gut beraten, sich externe Hilfe zu holen. Auf dem nebenstehenden Bild sieht es ja schon so aus, als würde er meinen Rat beherzigen.

Stuart Bingham

Stuart Bingham: Auch mit Besteck sicher. © Monique Limbos


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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Ein Gedanke zu „Hawkins hoffnungslos, Bingham bewegt

  1. Filia Rheni

    Was für eine Abendsession! Ich bin so froh, daß es die Session am Samstag geben wird, auch wenn Eurosport sie leider nicht übertragen wird (MotoGP hat am Nachmittag Vorrang. Meh). Ich wünsche Hawkins so sehr noch ein paar Framegewinne mehr – er hat ja am Ende der heutigen Session sogar endlich mal gelächelt! Wunderbar!
    Dem Teil zu Bingham habe ich wenig hinzuzufügen; ich freue mich riesig für ihn, und gewissermaßen auch mit ihm. Ich teile Deine Einschätzung von Trumps Spiel, rein persönlich und höchst subjektiv hat er bei mir aber immer noch einen gewissen „Welpen-Sympathie“-Bonus (das muß am Alter liegen!), den ich mir auch nicht so recht erklären kann.
    In jedem Fall freue ich mich auf die kommenden Tage. Sehr sogar. :-)

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