Die Eine-Million-Pfund-Chance für Liang Wenbo

Liang Trump English Open 2016
Judd Trump und Liang Wenbo beim Handschlag hinter der Blumenvase. © World Snooker/Tai Chengzhe

In einem packenden Finish gewann Liang Wenbo mit 9-6 gegen Judd Trump. Er konnte mit der Steve-Davis-Trophäe seinen ersten Major-Titel sowie den Scheck über £70 000 entgegennehmen. Außerdem verbesserte er sich in der Weltrangliste um acht Plätze auf den 12. Platz und sicherte sich einen Platz beim Champion of Champions. Judd Trump konnte als Zweiter noch £30 000 mitnehmen. Der Preis für das höchste Turnierbreak gebührte natürlich Alfie Burden, der im Erstrundenspiel gegen Daniel Wells sein erstes Karrieremaximum erzielt hatte.

Judd Trump war mit einem soliden 6-2 über Barry Hawkins ins Finale gekommen. Liang Wenbo hatte sich gegen Stuart Bingham Samstagabend erst kurz vor Mitternacht seinen Finalplatz gesichert: im Decider. Dieses beiderseitig von hohen Breaks geprägte Spiel konnte man durchaus als Spiel der Saison bezeichnen.

Das Finale hielt, was es versprochen hatte: Zwei Spieler, die lieber einen Ball zu viel als zu wenig lochen wollen, treffen aufeinander, um nicht nur den Titel des English Open Champions auszuspielen, sondern auch noch die Chance auf den 1-Millon-Pfund-Bonus (für den Gewinn aller vier Home-Nations-Series-Turniere) zu wahren.

Am Nachmittag ging Liang mit zwei 95er Breals 2-0 in Führung, Trump holte die nächsten beiden Frames zum 2-2 vor der Pause. Für Liang wäre hier mehr möglich gewesen, aber Trump blieb hartnäckig und nutzte Liangs Fehler. Nach dem Intervall waren Glück und Pech recht ungleich verteilt: Während bei Trump im Zweifelsfall alles schief ging, gelangen Liang einige sehr riskante Stöße und er konnte sich einen Drei-Frame-Vorsprung herausspielen. Den siebten Frame holte er mit diesem Double auf die respotted black:

Den letzten Frame der Session allerdings holte sich wieder Trump und hielt mit dem 3-5 für den Abend noch alles offen.

In die Abendsession stieg Trump mit einem 132er Break ein. Liang gewann den 10. Frame mit einer eindrucksvollen 84 und den nächsten durch einen Fluke auf Grün. Doch Trump erkämpfte sich den 12. und 13. Frame: nur noch 6-7 aus Trumps Sicht. Liang fehlten also immer noch zwei und Trump noch drei Frames zum Titel.

Der 14. Frame war wieder von Safeties geprägt, am Ende robbte Liang in beeindruckender Weise mit 63-41 über die Linie und bewies, dass er nicht bereit war, die Nerven zu verlieren. Die Frage war jetzt, ob Trump diese Frustration verdauen könnte. Er setzte Liang mit schönen Snookern unter Druck. Er erarbeitete sich damit eine Chance, nur um dann eine knifflige Pinke zu verschießen und Liang eine Rote liegen zu lassen. Doch Liang verschoss eine Rote mit dem Hilfsqueue um Meter und wieder war Trump am Tisch. Doch bei 51-36 verschoss auch er und Liang machte den Sack zu und konnte endlich zu seinen Luftsprüngen ansetzen.

Im anschließenden Interview zeigte er sich sehr glücklich über den Titel und dankbar für die Tipps von Ronnie O’Sullivan, der seit seinem Drittrunden-Aus gegen Chris Wakelin die Zuschauer bei Eurosport UK unterhielt. Offensichtlich haben die ihm geholfen, seine Gefühle unter Kontrolle zu behalten, um das Spiel auch unter Druck für sich entscheiden zu können. In der Vergangenheit hatte er ja schon die ein oder andere Chance durch overexcitement weggeworfen.


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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