Eigentlich sollte hier mein German-Masters-Rückblick kommen. Mit allem, was toll war und mit allem, was nicht so toll war. Und dann kam gestern die Nachricht vom Tod von John Virgo, der Stimme des Snooker, ehemaligem Spieler, langjährigem Kommentator, MC, Impersonator …kurz: einer Legende.
John Virgo und sein Vermächtnis
John Virgo verstarb in seiner Wahlheimat Spanien ganz überraschend an einer geplatzten Aorta. Letzten Monat war er noch beim Masters aktiv. Virgo war ein äußerst zugänglicher und ausgesprochen netter Mensch und deshalb in der gesammten Snookergemeinde sehr beliebt. Ken Doherty und Andy Goldstein würdigten ihn ausführlich auf talkSport.
Auch ich bin der Meinung, dass John Virgo eine Ikone im Snooker war. Neben seinem unglaublichen Snookerwissen waren besonders seine Begeisterung und sein Humor die Würze seiner Arbeit – ob als MC, bei Exhibitions oder als Kommentator. Mehr als dreißig Jahre haben uns seine rauchige Stimme und seine berühmten Sprüche begleitet.
Nie vergesse ich den Augenblick, als im WM-Finale der Pokal ins Bild kam, an die silberne Figur obenauf gezoomt wurde und aus der Kommentatorenkabine kam etwas wie: “ … to kiss this silver lady at the end of the match …“, während die Regie längst auf Michaela Tabb geschnitten hatte. Ach nee, wartet mal, das war ja Dennis Taylor …
„Without Virgo TV snooker will never be the same“
… kommentierte eine Person Virgos Tod. Und ich dachte mir: „Ja, hoffentlich.“ Denn nach dreißig Jahren ist auch mal genug. Ich habe mir Spiele mit Virgo-Kommentar nicht wegen, sondern trotz der Sprüche angesehen. Sie haben sicher lange funktioniert, aber in den letzten Jahren hat sich das Snookergeschehen gewandelt. Und es wäre schön, wenn sich dass auch bei den Kommentatoren (ich würde hier gerne auch die weibliche Form benutzen, aber leider sind wir noch nicht so weit, dass es eine Frau in die Kabine geschafft hätte) niederschlagen würde. Es ist nicht hilfreich, wenn ein Kommentator zugibt, dass er diesen bestimmten Spieler noch nie spielen gesehen hat. Auch wenn in letzter Zeit endlich auch Virgo, Taylor und Parrott die Namen der chinesischen Spieler lernen mussten, statt sie alle mit „this Chinese lad“ zu bezeichnen, haben viele langsam den Anschluss verloren.
Die BBC hatte zwischenzeitlich ja auch schon einen Versuch gestartet, John Virgo und Dennis Taylor endgültig in Rente zu schicken, sie aber nach einem Riesenaufschrei doch zurückgeholt.
In den 90ern steckengeblieben
Meine Bluesky-Snooker-Zeitleiste war übrigens nicht einmal während der WM so gefüllt wie gestern und heute. Ich konnte über mehrere Kilometer Beileidsbekundungen rollen, von Leuten, die ich vorher noch nie in den Hashtags „Snooker“ oder „WeLoveSnooker“ gesehen hatte. Kollege Chris von Total Clearance sieht die Ursache in der Zersplitterung der Fan-Szene nach dem Twitter-Zerfall. Ich dagegen sehe andere Gründe, allen voran eine Nostalgie, die mit der Realität des Sports nichts mehr zu tun hat.
Wenn ich mir die Posts so anschaue, scheinen sie alle aus einer komplett anderen Zeit zu stammen. Da wird von Kindheit und Jugend gepostet, von Erinnerungen, die Jahre zurückliegen. Die Show Big Break lief in den 90ern, das ist lange her. Viele geben zu, selber gar keine Snooker-Fans zu sein, sondern Virgo nur durch ein älteres Familienmitglied zu kennen. Aber alle beteuern, ihn ganz, ganz doll vermissen zu werden. Als Person werde ich ihn auch vermissen. Aber ich freue mich auch, dass jetzt vielleicht etwas Platz für frischen Wind ist.
Nostalgie, Ewig-Vorgestrig-Sein und die Zukunft im Snooker
Wir hier auf SnookerPRO sowie die Kolleginnen von Total Clearance reden schon seit Jahren darüber, dass WST und die Sender sich modernisieren müssen, wenn Snooker in ein paar Jahren noch relevant sein soll. Das ewige Klammern an die Klasse von 92, das Crucible Theatre und die ewigselben Leute in den Boxen sind dabei die Hauptthemen.
Wie sollen die Fans Fans von Spieler*innen werden, wenn sie sie nicht kennen(lernen)? Warum läuft die Werbung immer noch mit Ronnie O’Sullivan, wenn der bei den Turnieren gar nicht antritt? Warum hat es Ewigkeiten gedauert, bis endlich die Spieler*innen, die kein Englisch sprechen, interviewt werden? Warum müssen wir IMMER NOCH DIE SCHWARZE AUS DEM FINALE VON 1985 ANSCHAUEN? Über diese Fragen zermürbe ich mir in jeder meiner schlaflosen Nächte den Kopf.
Wenn wir uns das Achtelfinale des World Grand Prix anschauen, dann kennen viele der gelegentlichen Snookerfans, die einen Großteil des europäischen TV-Publikums ausmachen, vielleicht zwei oder drei der Spieler: Ronnie O’Sullivan, Mark Selby und vielleicht Ali Carter. Ich bezweifle, dass viele davon wissen, dass Zhao Xintong der amtierende Weltmeister ist.
9 players from China in the last 16 of the World Grand Prix:
snooker.org/event/2349
— snooker.org (@snookerorg.bsky.social) 4. Februar 2026 um 15:36
Es ist an der Zeit, dass die Beiträge der TV-Sender viel mehr verschiedene Spieler*innen vorstellen. Und zwar nicht erst, wenn sie schon das WM-Halbfinale erreicht haben, sondern weit vorher! Und ich wünsche mir, dass Leute in den Kommentator*innenboxen sitzen, die das Spiel aktuell verfolgen und mit den Profis vertraut sind. Die mehr machen als nur Statistiken vorzulesen oder zum xten Mal eine olle Kamelle erzählen.
Wie lange werden Fans wie Helena sonst dabeibleiben? Wie lange braucht es, bis neue Lieblinge gefunden und ans Herz gewachsen sind?
Naja … all meine Lieblinge sind draussen. 😒
— Helena Ludwig (@helenaludwig.bsky.social) 5. Februar 2026 um 17:57
Chinesisches Halbfinale in Hongkong
Währenddessen rollt der Ball in Hongkong beim World Grand Prix weiter und irgendwo geht bestimmt auch der Spielball rein – auch wenn kein Virgo mehr ruft, wo er denn hingehe. Gerade liefen die beiden Viertelfinale Zhao Xintong gegen Chris Wakelin und Zhou Yuelong gegen Ali Carter. Bei beiden Partien gab es einen Decider. Zhao und Wakelin machten es unglaublich spannend, während das Publikum bei jedem Ball klatschte und johlte, egal ob er rein ging oder nicht. Am Ende hatte Wakelin trotz seines tollen Kommzurücks und heldenhaften Kampfes um Foulpunkte im Entscheidungsframe das Nachsehen gegen den Weltmeister.
Im anderen Spiel fiel die Entscheidung viel ruhiger und nahezu unbemerkt. Zhou hatte sich nach seinem 3–4-Rückstand den Entscheidungsframe mit einem Framediebstahl erkämpft. Ganz ungewohnt für ihn feierte er das mit einem Aufschrei und geballter Faust. Im Decider lochte er den Frameball, verschoss aber Schwarz und Carter kam noch einmal an den Tisch. Er konnte aber nichts mehr ausrichten und Gelb brachte Frame- und Matchgewinn für Zhou Yuelong.
Die Halbfinale lauten Zhang Anda gegen Zhou Yuelong (6 Uhr) und Xiao Guodong gegen Zhao Xintong (12 Uhr). Alle anderen Spiele und Ergebnisse findet ihr auf unserer Turnierseite.
Und die Frauen spielen gerade ihre Belgian Open. Gerade sind sie noch in der Gruppenphase, aber ab morgen wird es dort richtig spannend. Den Überblick findet ihr hier.
PS
Kris Moyse hat für den Artikel die exakt passende Einleitung gefunden: Different times.
Me trying to explain to GenZ that there was a game show occupying a prime Saturday night slot, hosted by a massive racist (not Virgo) and focused *entirely* on snooker and millions of families tuned in for it.
Different times.
— Kris Moyse (@krismoyse.bsky.social) 4. Februar 2026 um 15:03













