World Grand Prix: Gelungene Revanche für Murphy

Murphy, World Grand Prix
Shaun Murphy

Nach sechseinhalb Stunden stand der Sieger fest: Shaun Murphy schlägt Stuart Bingham in einem spannenden, ausgeglichenen Finale unter der Leitung von Schiedsrichter Greg Coniglio im Entscheidungsframe mit 10-9. Ein Bericht von Lula Witzescher und Dirk Thomas.

Das Finale des World Grand Prix 2016 war die Revanche für das WM-Finale, das „Der Magier“ im Mai 2015 mit 15:18 gegen Stuart Bingham verloren hatte. Mit dem ersten Titelgewinn seit zwei Jahren sichert sich Murphy £ 100.000 Preisgeld, die Teilnahme am „Champion of Champions“ und Platz 4 in der Weltrangliste.

Shaun Murphy startet stark und lässt dann stark nach

Die Form, mit der Murphy und Bingham sich in dieser Saison und in diesem Turnier gezeigt haben, hatte Murphy als Favoriten in das Spiel gehen lassen. Bis zum Stand von 4:1 nach Frames und 51 Punkten Vorsprung im sechsten Frame diskutierten Kommentatoren und Experten im Studio, ob er zum Ende der ersten Session nun 8:1 oder doch 7:2 führen würde. Doch dann verschoss er, ließ Bingham an den Tisch und das Spiel drehte sich. Bingham wurde sicherer, während sein Gegner abbaute. Bingham holte vier Frames in Folge und ging mit einer unerwarteten 5:4-Führung in die Pause. Bei beiden Spielern konnte man am Ende der Session von durchwachsen sprechen: Sie bleiben mit einer Lochquote von unter 90% deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück. Wir sahen geniale Bälle von Bingham, auf die unbedrängte Fehler folgten. Und Murphy machte sogar Fehler in seiner stärksten Disziplin – dem Spiel mit dem Hilfsqueue.

Spannungsgelade Abendsession

Am Abend agierten beide etwas vorsichtiger als am Nachmittag und das Spiel setzte sich mehr oder weniger im Passgang fort. Murphy und Bingham wechselten sich mit dem Framegewinnen ab. Im 15. Frame sahen wir eine Kuriosität: Bingham spielte die Schwarze in die Ecktasche, die Kugel knallte an das Leder und sprang entgegen physikalischer Gesetze wieder hinaus. Diese theoretische Unmöglichkeit war ein gutes Symbol für das ganze Spiel: Nichts war heute (un)möglich. Bingham hätte den Frame noch stehlen können, aber so ging Murphy schließlich in mit 8:7 in Führung. Mittlerweile war das Spiel etwas besser geworden und die Spannung stieg weiter: Bingham holte Frame 16 nach erbittertem Kampf auf die letzte Schwarze. Murphy ließ prompt unbeeindruckt das einzige Century des Finales folgen, nur um miterleben zu müssen, dass sein Gegner postwendend den Ausgleich zum 9:9 schaffte – der Decider musste die Entscheidung bringen.

Wieso Shaun Murphy „The Magician“ genannt wird, demonstrierte er ein weiteres Mal eindrücklich: Er war im gesamten Turnierverlauf nie vor langen Einsteigern zurückgeschreckt und änderte seine offensive Taktik auch nicht im alles entscheidenden Frame. Er lochte einen echten Kracher quer über den Tisch – man bedenke: auf eine Entfernung von gut 3,50m! – und ließ sich auch nicht vom Pech beim Splitversuch beeindrucken. Nach längerem Safety-Duell nahm er die erste Gelegenheit, eine lange Rote anzugehen. Das daraus resultierende Break nutze er zum Sieg

Offene und ehrliche Reaktionen nach dem Spiel

Bingham und Murphy zollen sich gegenseitig nicht nur großen Respekt als Sportler, sondern sind auch miteinander befreundet. Das merkte man an den wertschätzenden und lobenden Worten, die sie für ihren Finalgegner fanden. Murphy war aber auch die Erleichterung anzumerken, dass er dieses Finale gewonnen hatte. Beide bedankten sich auch bei den Organisatoren, Sponsoren und dem Publikum. Der „World Grand Prix“ im walisischen Llandudno war wirklich ein bemerkenswertes Turnier, das ein solch spannendes Finale absolut verdient hatte.

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Tanzt und performt im Nebenberuf, spielt Poi, schreibt sporadisch Geschichten (hat im letzten Jahr den Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, sucht dafür jetzt einen Verlag). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich häufig am Magic Mountain Berlin anzutreffen. Hasst Ronnie O'Sullivan nicht, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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