WM 2016: Michael Holt zeigt Haltung

Robertson, Holt
Neil Robertson und Michael Holt in ihrem Erstrundenspiel. © World Snooker/Tai Chengzhe

„Ich habe so oft gesagt, dass ich jeden schlagen kann, wenn ich gut spiele, doch dass ich mich da draußen oft nicht wohlfühle. Es war großartig, heute dort rauszugehen und mich gut zu fühlen.“ So klingt das Fazit eines glücklichen Gewinners.

Mit 10-6 hat Michael Holt die Nummer vier der Weltrangliste Neil Robertson geschlagen. Die erste Session folgte mal wieder der Päckchentheorie: drei Frames für Holt, drei für Robertson, dann wieder drei für Holt. Mit einer 140 machte Holt im dritten Frame das bisher höchste Break des Turniers. Heute Abend legte Michael Holt bis zum 9-4 vor und ließ Robertson noch auf 9-6 herankommen. Im letzten Frame war der Australier auch schon wieder auf der Gewinnerspur, doch dann verschoss er eine Rote auf die Mitte. Holt kam ins Spiel und ebnete sich mit einer phantastischen Blauen den Weg zum Sieg.

Gelassenheit und Selbstbewusstsein

Für alle, die den ‘Hitman’ ein bisschen kennen, haben während des Spiels genügend Gelegenheit gehabt, vor Angst feuchte Hände zu bekommen. Wenn der Vorsprung schmilzt und die Dinge nicht gut für Holt laufen, dann verliert er gerne mal Kopf und Fassung und Konzept und dann wird das Zuschauen für wohlgesonnene Zuschauer*innen wie mich zur Qual. Aber irgendetwas war heute anders. Obwohl Robertson mit dicken Breaks seinen Rückstand egalisierte, wartete ich zum Glück vergeblich auf einen Einbruch. Stattdessen konnte ich sehen, wie Holt sich ganz konzentriert sowohl durch zerhackte Frames wie auch durch flüssige Breaks manövrierte. Er lochte dabei nicht nur wunderbare Bälle und zeigte an vielen Stellen ein tolles Stellungsspiel. Nein, was heute den Unterschied ausmachte, war seine Seelenruhe. „Wenn du unter Druck gerätst, dann musst du dich wohlfühlen, um damit umgehen zu können. In der Vergangenheit war das bei mir nicht so, dass ich mit meinem Spiel zufrieden war und mich darauf verlassen konnte. Ich bin ja nicht hier, weil ich keine Spiele gewinnen kann. Aber ich will endlich eine Stufe weiterkomen und wollte es schon lange beweisen, dass ich dazu in der Lage bin,“

Besonders auffällig war das im 14. Frame: Beim Stand von 18-60 lochte er die letzte Rote, obwohl er schon sieben Foulpunkte benötigte. Natürlich wäre es besser gewesen, den Snooker auf Rot zu spielen, um sich die größtmögliche Chance auf einen Freeball zu erhalten. Keine Ahnung, was ihn in diesem Augenblick geritten hat. Jedenfalls wirkte er kurzzeitig etwas konfus, grübelte über die Stellung und schüttelte den Kopf. Doch es schien so, als könne er einfach nicht anders als sich immer weiter reinzureiten, denn er lochte auch noch Gelb, Grün und Braun. So langsam gingen ihm damit die Bälle aus, hinter denen er überhaupt noch Snooker legen konnte. In der Kommentatorenkabine fragten sich John Virgo und Steve Davis schon, ob er jetzt einfach abräumen und den Frame so verlieren würde. Doch Holt versuchte den Snooker auf Blau und versteckte den Spielball auch schön hinter Pink. Doch leider lief bei dieser Aktion auch Blau in die Tasche. Robertson lochte Pink und es stand 9-6. Es war wirklich bemerkenswert, dass Holt diese Aktion im nächsten Frame nicht mehr anzumerken war, sondern dass er sie offensichtlich abgehakt hatte. Es war vorher schon auffällig, dass er keine seiner sonst üblichen emotionalen Ausbrüche zeigte, sondern das ganze Spiel über souverän und konzentriert zu Werke ging.

Willo ist der Nächste

In der nächsten Runde trifft er auf seinen Freund Mark Williams. „Ich freue mich auf das Spiel und ich weiß es viel mehr zu schätzen, als vor elf Jahren, als ich gegen Steve Davis verloren habe. Ich war damals sehr enttäuscht von mir selber. Aber ich bin etwas älter und weiser geworden. Mark ist eine Legende, ein großartiger Spieler. Doch ich werde meine Chancen nutzen.“

Ich denke, das wird eine unterhaltsame Partie und es ist kein Geheimnis, dass ich Holty allen Erfolg wünsche. Ich muss gestehen, dass ich diesen Artikel nachts um drei Uhr schreiben muss, weil ich mir das Spiel gerade erst auf Video angesehen habe. Denn ich habe mich nicht getraut zuzuschauen, weil ich Angst hatte. Doch für die Partie gegen Willo werde ich meinen Mut und vor allem mein Vertrauen in Holt zusammennehmen und mir das Match live anschauen. Bis auf die letzte Session, denn da bin ich leider bei einem Tanzturnier. Das wird meinen Nerven gut tun und der Michael schafft das sicher auch ohne mich.

Robbo sagte übrigens nach dem Spiel: „Es ist frustrierend, wenn du besser als der Gegner bist und trotzdem verlierst.“ Oder so ähnlich. Ich lass das mal so stehen.

Matchstatistik

 

 


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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