Wer ist der beste Snookerspieler?

der beste Snookerspieler: entweder Ronnie O'Sullivan oder John Higgins
Wer ist nun der beste Snookerspieler? Ronnie O'Sullivan (links), John Higgins (rechts) oder jemand anders? © World Snooker/Tai Chengzhe

Wer ist der beste Snookerspieler? Gerade langjährige Zuschauer*innen und Aktive führen diese Diskussion häufiger. Und nun gibt es sie – die wohl erste wissenschaftliche Antwort auf die Frage. Unser Gastautor Daniel Müller und John-Higgins-Fan hat sich die Studie genauer angesehen.

Besonders diejenigen Fans, die leidenschaftlich bestimmte Spieler*innen unterstützen, wird das Thema nicht kalt lassen. Dass persönliche Vorlieben und Emotionen bei der Bewertung von Personen im Spitzensport eine Rolle spielen, versteht sich von selbst. Anders als die vielen Zeitungsartikel, persönlichen Blogs und Biografien, bietet diese Arbeit einen erfreulich neuen Ansatz an: Sie ermöglicht erstmals eine wissenschaftlich-sachliche Betrachtung. Ihr Ergebnis ist nicht von Vorlieben beeinflusst und beruht ausschließlich auf mathematischen Berechnungsmethoden.

Und dieses Ergebnis hat es durchaus in sich. Wer auf eine Überraschung hofft, wird nicht enttäuscht ­­– zumindest auf den ersten Blick. So belegt etwa Ronnie O’Sullivan, der oft als talentiertester oder großartigster Spieler bezeichnet wird, „nur“ den zweiten Platz. Auch Stephen Hendry, der immerhin (noch) den Rekord für die meisten gewonnenen WM-Titel hält, ist nicht auf dem ersten Platz zu finden. Die Arbeit kommt vielmehr zum Ergebnis, dass im Gesamtvergleich John Higgins der leistungsstärkste Spieler ist.

I.  Wie wurde die Rangliste „Der beste Snookerspieler“ erstellt?

Ermittelt wurde es mithilfe eines komplexen Algorithmus, der von Joseph O’Brien und James Gleeson an der University of Limerick entwickelt wurde. Dieser berücksichtigt nicht nur die reine Anzahl der Siege eines Spielers im Turnierbetrieb, sondern auch die Spielstärke der jeweiligen Gegenspieler. Darin liegt der Unterschied zu herkömmlichen Ranglisten ­– seien es die offiziellen der World Snooker Tour oder inoffizielle Bestenlisten nach Turniersiegen, Breaks etc.

Erstere werden seit 1975 geführt und basierten früher auf einem Punktesystem. 2013 entschied man sich dafür, das Punktesystem durch ein preisgeldbasiertes System zu ersetzen. Dies führte dazu, dass sich einzelne Turniersiege deutlich stärker auf die Platzierung auswirken als nach dem alten Punktesystem. Für Topspieler kann es daher attraktiv sein, bei einigen besonders wichtigen Turnieren (z.B. der WM, UK Championship) sehr gute Ergebnisse zu erzielen und im Ausgleich auf die Teilnahme an weniger lukrativen Turnieren (z.B. den Gibraltar Open) zu verzichten.

Die Wissenschaftler stellten sich die Frage, ob das aktuelle Ranglistensystem der World Snooker Tour die tatsächlichen Leistungsverhältnisse der Spieler wiedergibt. Ihr Ziel war es, die Leistungen von Spielern verschiedener Jahrzehnte miteinander vergleichen zu können. Zu diesem Zweck werteten sie insgesamt 47.710 Matches aus 657 Profiturnieren aus, die zwischen 1968 und 2020 stattfanden. Einbezogen wurden sowohl Ranglistenturniere als auch Einladungsturniere wie etwa das Masters.

II. Zu welchen Ergebnissen kommt die Arbeit?

1. Der beste Snookerspieler

Das Ergebnis der Arbeit ist eine Rangliste aller Spieler, die nach einem eigenständigen Leistungsfaktor (PageRank score) bewertet worden sind. Danach belegt John Higgins den ersten Platz (PageRank score von 0.0204), gefolgt von Ronnie O’Sullivan (0.0201) und Mark Williams (0.0169). Stephen Hendry, der in herkömmlichen Bestenlisten oft noch immer Spitzenreiter ist, gelangt auf den vierten Platz (0.0164). Überraschenderweise ist auch Steve Davis, immerhin sechsmaliger Weltmeister, nur auf dem achten Platz zu finden (0.0129) und liegt damit hinter Mark Selby, Judd Trump und Neil Robertson. Die Top Ten der Rangliste werden durch Shaun Murphy und Jimmy White komplettiert.

Weniger überraschend wirken die nachfolgenden Platzierungen, auf denen mehrere Weltmeister und langjährige Top 16-Spieler wie Stephen Maguire, Peter Ebdon, Ken Doherty, Barry Hawkins und Stuart Bingham landen. Allein, dass Ding Junhui in der Liste der besten Snookerspieler nur auf Platz 18 kommt (0.0103), dürfte angesichts seiner Turniererfolge verwundern.

2. Auf den Wettbewerb kommt es an!

Es zeigt sich, dass diese Ergebnisse weder mit der Anzahl gewonnener Ranglistenturniere (O’Sullivan führt mit 37 Titeln), noch mit der Zahl der WM-Titel (Hendry führt mit sieben Titeln) oder den Platzierungen in der Weltrangliste (Hendry war insgesamt 9 Jahre Nummer 1) übereinstimmen. Higgins liegt in diesen Kategorien mit 30 Turniersiegen[1] bzw. vier WM-Titeln und über drei Jahren als Weltranglistenerster nicht vorne.

Den Grund für dieses Phänomen liefern die Autoren: Entscheidend sei der Zeitraum, innerhalb dessen ein Spieler seine Titel gewinnt. Je kürzer dieser Zeitraum ist, desto geringer ist auch die Konkurrenz, die der Spieler für seine Erfolge überwinden musste. Haben also Spieler wie Davis oder Hendry ihre meisten Titel über eine relativ kurze Zeitspanne von einem Jahrzehnt gewonnen, mussten sie sich dafür gegen weniger Topspieler durchsetzen. Im Gegensatz dazu haben Higgins, O’Sullivan und Williams ihre Titel über einen deutlich längeren Zeitraum gewonnen und den Sport so dominiert. (Wenn auch nie so deutlich wie Davis in den 80er Jahren und Hendry in den 90er Jahren.). Sie mussten dafür eine größere Anzahl an Gegnern überwinden ­– nicht zuletzt auch einander.[2]

Nicht umsonst sind O’Sullivan und Higgins bisher in 73 Partien aufeinander getroffen – und damit häufiger als alle übrigen Spieler. Da der Algorithmus diesen Faktor berücksichtigt, schneiden solche Spieler besser ab, die über längere Zeiträume hinweg konstant erfolgreich waren. Umgekehrt fällt das Ergebnis von Spielern wie Hendry und Davis, die nach ihrer dominanten Phase immer weniger Erfolg hatten, schwächer aus.

Betrachtet man Higgins Karriereleistungen, wird deutlich, dass er über nahezu drei Jahrzehnte hinweg überdurchschnittlich gute Ergebnisse gegen andere Topspieler erzielt hat. Zwar dürfte seine erfolgreichste Zeit in den 1990er- und 2000er-Jahren liegen. Doch war er auch danach immerhin noch Weltmeister und hat drei weitere Male das WM-Finale erreicht. Insgesamt hat er 31 Matches gegen O’Sullivan gewinnen können, und damit (absolut) mehr als jeder andere Spieler. 15 Spiele davon fanden im Halbfinale oder Finale eines Turniers statt. Gegen Hendry hat Higgins eine ausgeglichene Bilanz von 18:18, während er in der Bilanz gegen Williams (34:22) und Davis (22:5) jeweils deutlich führt. Dass der Schotte hier als der beste Snookerspieler abschneidet, ist daher bei genauerem Hinsehen keine Überraschung. Vielmehr spiegelt sich darin das Leistungsniveau wider, das er für seine Erfolge gegen andere Topspieler gezeigt hat.

3. Was sagt dies über den Sport insgesamt aus?

Interessant sind auch die weiteren Schlussfolgerungen, die die Autoren über den Snookersport ziehen. So sind 18 der 20 besten Spieler nach der Rangliste noch (bzw. wieder) aktiv, nur Davis und Ebdon haben ihre Karrieren beendet. Dies deute darauf hin, dass das Niveau im Snookersport in den letzten Jahren das höchste ist. Man könnte also von einem „goldenen Zeitalter“ sprechen.[3]

Betrachtet man – abseits dieser Arbeit – Statistiken zum Breakbuilding, spricht Vieles für diese These. Der erste Spieler, dem es gelang, mehr als 100 Centuries über eine Saison zu spielen, war Neil Robertson 2013/2014. Schon in der Saison 2019/2020 wurde dieser Rekord von Judd Trump mit 102 Centuries beinahe eingestellt. Und auch in der laufenden Saison liegt Trump bereits bei 76 Centuries, gefolgt von Kyren Wilson (59), Selby (50) und Robertson (47). Da noch einige Turniere bis zum Saisonabschluss ausstehen, sind noch eine Reihe von Breaks zu erwarten.

Dagegen war es vor mehr als zehn Jahren noch undenkbar, auch nur im Ansatz solche Werte zu erreichen. Dies dürfte mehrere Gründe haben. Sicher ist, dass mit Barry Hearn seit 2010 deutlich mehr Turniere pro Saison ausgetragen werden. Den Höhepunkt bildete die Saison 2017/2018 mit 26 Einzelturnieren.[4]  Im Vergleich dazu gab es etwa 2009/2010 nur sechs Ranglistenturniere. Mehr Turniere bedeuten mehr Spielmöglichkeiten und damit auch eine erhöhte Chance für hohe Breaks.

4. Wichtiger Faktor: Anzahl der Turniere

Doch könnte ein weiterer Faktor eine Rolle spielen: Denn mit der gestiegenen Turnierzahl gibt es wiederum mehr erfolgreiche Spieler als in den 1990er- oder 2000er-Jahren. Zahlreiche Spieler, die zuvor nur mäßigen Erfolg hatten, konnten ab den 2010er-Jahren erstmals Turniersiege einfahren. Besonders eindrucksvoll belegt dies Stuart Bingham, der bereits 1995/1996 erstmals Profi wurde, seinen ersten Ranglistentitel aber erst 2011 gewann. Es folgte der WM-Titel 2015 und eine regelmäßige Platzierung in den Top 16 der Weltrangliste. Einen vergleichbaren Durchbruch schaffte Barry Hawkins, und auch weiteren langjährigen Profis wie Joe Perry und Ryan Day gelangen seit der Hearn-Ära erste Turniersiege.

All diese Entwicklungen sind einerseits Beleg dafür, dass es seit 2010 eine größere Zahl an potenziellen Turniersiegern gibt und damit der Wettbewerb auf der Tour intensiver geführt wird. Andererseits führen Turniersiege dazu, dass die individuelle Leistungsstärke dieser Spieler steigt. Das gilt wahrscheinlich für die individuell „gefühlte“ Leistungsstärke aufgrund eines gestiegenen Selbstbewusstseins. Sicher gilt es jedoch für die mathematische Bewertung der Leistungsstärke. Denn wer mehr Turniersiege erreicht hat, musste selbstverständlich mehr Spiele gewinnen und ist demzufolge ein stärkerer Gegner. Gibt es nur eine geringe Anzahl an Turnieren, können weniger Spieler erfolgreich sein. Diese erfolgreichen Spieler haben dann wiederum vergleichsweise wenig erfolgreiche Konkurrenten.

III. Fazit

Sicherlich kann man sich fragen, ob die erstellte Rangliste die Leistungen der Topspieler absolut sachgerecht wiedergibt. Es mag noch weitere Faktoren geben, die man für eine noch genauere Berechnungsmethode berücksichtigen könnte. Unbestreitbar ist jedoch, dass dieses System gegenüber den herkömmlichen Ranglisten aussagekräftiger ist. Sein Vorteil liegt, wie die Autoren betonen, darin, Spieler verschiedener Jahrzehnte objektiv aneinander messen zu können. Das vielzitierte Argument, man könne die 80er Jahre nicht mit dem heutigen Stand vergleichen, wird dadurch hinfällig. Denn die Erfolge eines Spielers müssen sich immer auch danach beurteilen lassen, wie stark seine Gegner sind. Wer mehr starke Gegner hat, muss folgerichtig mehr Leistung für seine Erfolge bringen.

Daher überrascht es auch nicht, dass an der Spitze der Wertung der besten Snookerspieler mit Higgins, O’Sullivan und Williams Spieler stehen, die auch nach fast 30 Jahren als Profis noch immer Erfolge feiern können. Anders als oft behauptet, liegt dies nicht an der mangelnden Konkurrenz jüngerer Spieler. Vielmehr ist das Niveau im Snookersport insgesamt heute höher als in den früheren Jahrzehnten. Darin bestätigt sich gerade die Klasse der besten Spieler.

Quelle: Joseph D O’Brien, A complex networks approach to ranking professional Snooker players, Journal of Complex Networks, Jahrgang 8, Ausgabe 6, 1 Dezember 2020, cnab003, https://doi.org/10.1093/comnet/cnab003
https://academic.oup.com/comnet/article/8/6/cnab003/6161497

[1] Innerhalb des untersuchten Zeitraums. In der laufenden ist bereits ein weiterer Turniersieg (Players Championship 2021) hinzugekommen.
[2] Alle drei wurden 1992 Profi und haben seitdem eine Vielzahl von Matches gegeneinander bestritten.
[3] Die Autoren bezeichnen diese Phase als „golden age“
[4] Bestehend aus Ranglistenturnieren, Einladungsturnieren und Pro-Am-Turnieren, nicht eingeschlossen sind Teamwettbewerbe.

Dieser Artikel wurde von Gastautor*in Daniel Müller, Hannover verfasst und spiegelt nicht die Meinung der SnookerPRO-Redaktion wider. Interesse auch auf SnookerPRO.de zu veröffentlichen? Alle Infos hierzu gibt es auf unserer Mitmachen-Seite.

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