Welsh Open 2016: Ein Turnier im (Zwie-)Lichte von O’Sullivan

O'Sullivan
Ronald O'Sullivan bei den Snooker Legends. © Monique Limbos

Seit Montag laufen die Welsh Open 2016 in Cardiff und es waren insgesamt 127 Spieler am Start. Doch die Berichterstattung konzentriert sich (mal wieder) auf einen: Ronald Antonio O‘Sullivan.

Am Montag machte er von sich reden, als er statt eines möglichen Maximumbreaks nur eine 146 spielte und am Dienstag, als er mit drei Centuries und einer 90 Tian Pengfei in knapp 39 Minuten quasi vom Tisch fegte.

In seinem Erstrundenspiel gegen Barry Pinches lochte O‘Sullivan nach der 14. Roten ohne besonders erkennbare Not einfach Pink statt Schwarz. Man sieht ihn am Tisch ja selten lächeln, aber in diesem Augenblick schien er ganz gute Laune zu haben. Seine eigenen Kommentare dazu ändern sich gefühlt stündlich, angefangen von „das Preisgeld von £ 10,000 war mir zu niedrig“ über „Pink war zu der Zeit der richtige Stoß“ bis hin zu „ich habe mir nur einen Spaß erlaubt“. Vor dem Hintergrund, dass O‘Sullivan seit dem Wochenende eine regelrechte Hetzjagd auf einen – wie er behauptet – Hochstapler macht, der ihn um £ 125,000 betrogen haben soll, war seine Entscheidung für viele Leute  unverständlich. Oder besser gesagt: Viele Menschen waren regelrecht angepisst und belegten ihn mit allerlei schillernden Schimpfwörtern. Andere feierten ihn ungebrochen als Genie, wieder andere gähnten einfach leise.

Fehlende Charaktere?

Es ist nicht das erste Mal, dass er so etwas macht. Wir haben vielfältige Erfahrungen mit seinen Entscheidungen und bilden uns seit Jahren unsere Meinung darüber. Viele Leute sind der Meinung, der Snookersport würde von der immensen Publicity profitieren, die dadurch entsteht, nach dem Motto „Jede Berichterstattung ist besser als keine“. Aber stimmt das wirklich? Snooker brauche mehr Charaktere, mehr Typen, so eine oft geäußerte Meinung. Ich frage mich dabei, ob damit nur gemeint sein kann, dass sich jemand extrem polarisierend verhält, irgendwelche Abgründe in seiner persönlichen Geschichte aufweist und/oder Familienanghörige hat, die straffällig wurden. Bedeutet Charakter nicht auch, dass ein Mensch sich trotz aller Widrigkeiten durchkämpft? Wie zum Beispiel ein Robin Hull, der nach vielfältigen Schwierigkeiten im Laufe seiner Karriere am Sonntag endlich einen Pokal in den Händen halten konnte, als er das Shootout gewann? Bedeutet Charakter nicht auch, dass jemand als 20jähriger schon so eine Konstanz zeigt, wie Luca Brecel in den letzten Monaten? O‘Sullivan wird uns nicht mehr ewig als das vielzitierte Salz in der Suppe zur Verfügung stehen. Es ist an der Zeit, den Sport so zu präsentieren, wie er in einer Zukunft ohne ihn sein wird.

Wer sichert sich einen Viertelfinalplatz?

Heute beginnt übrigens die dritte Runde in Wales. Am Vormittag spielen unter anderem Joe Perry gegen Ken Doherty, am TV-Tisch John Higgins gegen Michael Georgiou. Nachmittags dann Mark Davis gegen Barry Hawkins und Anthony McGill gegen Neil Robertson. Aber auch die Marks Selby und Williams spielen um den Einzug in die nächste Runde. Abends dann wieder das Überraschungsbonbon The Ronald, diesesmal gegen Jimmy Robertson und Judd Trump gegen Alan McManus. Die vollständige Übersicht über Spiele und Ergebnisse gibt es wie immer hier auf snooker.org.

Wir hoffen, dass es heute ohne Verspätungen und Live-Score-Probleme vonstatten geht, wie es leider gestern und vorgestern nicht der Fall war. Alfie Burden berichtete, dass er nach drei Stunden Wartezeit dann doch an einem der hinteren Tische spielen musste, die schon seit Stunden frei waren. Auch über polargebietsähnliche Temperaturen wurde geklagt. Doch trotzdem wurde natürlich gespielt und gekämpft. Der am Sonntag noch glückliche Robin Hull verlor gegen Mark Allen leider im Entscheidungsframe, während Luca Brecel seinen Decider gegen Mark King gewann und heute gegen Shaun Murphy ran muss. Der prominenteste Verlierer bisher ist Stuart Bingham, der in der ersten Runde mit 1-4 an Anthony Hamilton scheiterte. Außerdem schon raus: Ricky Walden und Michael Holt.

Robin Hull

Robin Hull mit Shootout-Pokal. Hinten Finalgegner Luca Brecel. © Monique Limbos


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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2 Gedanken zu „Welsh Open 2016: Ein Turnier im (Zwie-)Lichte von O’Sullivan

  1. Tapioka

    Wenn Ronnie weiter so spielt wie ab dem Match gegen Tian, darf er sich meiner Meinung nach auch ein bisschen was erlauben ;). Unfassbares Niveau… 98 % Pot Success, 100 % Long Pots, 100 % Safety? Habe ich noch nie gesehen. Selby? 5-1 vom Tisch gefegt…

    Zu Hull und Brecel: Ist schön für Hull, dass er ein Turnier gewonnen hat, aber im öffentlichen Ansehen von Snooker spielt er doch gar keine Rolle. Brecel ist beeindruckend und ich freue mich immer, wenn sie eines seiner Spiele am TV-Tisch haben. Aber er muss sich halt erst noch beweisen. Bislang ist er ein Spieler mit tollen Fähigkeiten, aber er muss halt irgendein bekannteres Turnier gewinnen. Wie war das bei Ronnie oder Hendry damals… Haben die nicht beide mit 18 oder 19 Jahren oder so schon UK-Championships oder eines der anderen großen Drei gewonnen?

    So etwas braucht Snooker meiner Meinung nach. Irgendwelche echten Ausnahmetalente, die irgendetwas viel besser machen als die Elite davor (so wie Hendry aufkam und Davis auf einmal keine Chance mehr hatte). Solche Spieler gibt es eben nur einmal pro Generation, und wir haben noch das Glück, Ronnie zugucken zu dürfen (wer weiß, wie lange noch).

    „Es ist an der Zeit, den Sport so zu präsentieren, wie er in einer Zukunft ohne ihn sein wird.“

    Ja, aber das wird schwer. Er sorgt halt für die Schlagzeilen. Brecel ist so einer, der auch so ein Typ, so ein Charakter sein könnte. So etwas braucht der Sport schon, meiner Meinung nach. Robertson finde ich persönlich toll und ich höre ihm immer gerne zu bei Interviews oder sonstwo, aber eine Stimmungskanone am Tisch ist er ja nicht wirklich, und damit zieht er eben auch kaum neue Zuschauer an…

    In jedem Fall wird Ronnie ein riesiges Loch hinterlassen.

  2. heigl rita

    Das ist schon alles richtig, aber das Publikum (auch ich) braucht eben „herausragende“ Leute, er ist ja nicht nur ein Querkopf, sondern ein Snooker-Genie!

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