Überraschung! Hawkins hat die Nase vorn, Ding so gut wie raus.

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Am Tisch sahen beide Spieler wesentlich besser aus als hier. © Monique Limbos

Da kam heute aber keine Langeweile auf! Mal abgesehen von der Partie Trump gegen Ding, die doch einigermaßen einseitig war und nach der zweiten Session ziemlich bitter für Ding mit 12-4 endete, hatten wir ansonsten Spiel, Spaß und Spannung – besonders bei Anthony McGill gegen Shaun Murphy.

Morgens ging Murphy mit zwei Kracherbreaks von 100 und 125 mal eben in Führung. Aber McGill ließ sich nicht großartig beeindrucken: Im 3. Frame machte er unter anderem einen Superstoß, indem er die Rote erst an die Bande, dann an die Schwarze und von da in die Tasche spielte. Er machte zwar mit einem 89er und 65er nicht die Riesenbreaks, aber es war allemal genug, um mit einem verdienten 4-4 in die nächste Session zu gehen.

Die Abendsession begann McGill mit einem wunderschönen 137er Break und das Selbstbewusstsein, das er dabei zeigte, ließ auch in den folgenden Frames nicht nach. Auch wenn er den folgenden Frame verlor: Es machte den Eindruck, als hätte der junge Schotte das Spiel in der Hand und würde Murphy Muffensausen bescheren. 45 Minuten kämpften sie im 10. Frame, McGill brauchte Foulpunkte, Murphy foulte auch, kam aber wieder ans Spiel, McGill legte geniale Snooker und lochte letztendlich unglücklich den Spielball zu Murphys Framegewinn, der in dieser Phase alles andere als souverän wirkte. Das zeigte sich auch im 11. Frame, wo Murphy sich erst verstellte, bei seiner zweiten Chance Schwarz vom Punkt verschoss und McGill den Frame gewann. Zur Pause stand es 6-6. Doch im Intervall absolvierte Murphy wohl eine Einheit mit seinem Mentalcoach Chris Henry, denn er legte danach ein Century (127) hin und gewann auch die nächsten Frames zum 9-6. Im letzten Frame des Abends ließ McGill zwar einen Einsteiger für Murphy liegen, der nutzte die Chance aber nicht. Stattdessen kam der rothaarige Youngster ins Spiel und machte trotz Kicks und Störungen im Publikum in aller Seelenruhe ein 86er Break zum abendschließenden 9-7. Die letzte Session ist morgen nachmittag auf alle Fälle mein Match to watch. Ich traue Murphy ja latent immer noch den Titelgewinn zu, aber McGill könnte gut und gerne der entscheidende Fallstrick bei dieser Mission sein.

Bei Trump gegen Ding war sich dich fachkundige Welt nicht einig, ob Trumps eindrücklich zur Schau gestellte Genialität für die deutliche Führung verantwortlich war oder doch eher die Tatsache, dass Ding so gut wie überhaupt nicht ins Spiel kam. Er brauchte zu viele Chancen und selbst die nutzte er nur halbherzig. Im 14. Frame blitzte sein Können mal fragmentarisch auf. Es hatte sich in einer Tasche ein Pulk aus Bällen gesammelt und Trump lochte aus Versehen die Schwarze. Beide konnten über die krude Situation lachen und einen kurzen Augenblick wirkte sogar Ding ein bisschen entspannt. Er lochte anschließend einige schöne und knifflige Bälle, bis er an einer Roten scheiterte, die er an der Bande entlangspielen wollte. Trump holte sich den Frame und spielte zum Abschluss noch eine 127 und eine 111 zu seiner komfortablen Führung. Ob Ding morgen noch etwas Nennenswertes reißen kann, wage ich zu bezweifeln. Trump ist für mich ein heißer Kandidat für’s Finale.

Ein wenig überraschend – und damit unterhaltsamer als befürchtet – verlief die erste Session zwischen Barry Hawkins und Neil Robertson. Nach einem zähen Auftaktframe, den Hawkins für sich entschied, gewann Robertson die nächsten drei, einen davon mit einem Century. (Der vierte Frame ging mit 58-7 an ihn, was mich zu der Überlegung brachte, was wohl die bisher niedrigste erzielte Punktzahl in einem Frame ist.) Hawkins holte sich dann 1-3 zurückliegend die folgenden vier Frames – unter anderem mit Breaks von 96 und 98 – und übernachtet jetzt mit einer 5-3-Führung. Im letzten Frame des Nachmittags kam Robertson beim Stand von 106-0 noch einmal an den Tisch. Er hatte über eine Stunde lang keinen Ball mehr gelocht und wollte sich wenigstens mit einer abschließenden Roten verabschieden. Für mich war Robertson vor dem Spiel der klare Favorit, aber so sicher wie in den letzten Frames habe ich Hawkins schon eine Weile nicht mehr gesehen. Hier ist morgen noch alles drin.

Ach ja, und dann war da ja noch Stuart Bingham gegen The Ronald Antonio. Auch hier steht es 5-3 nach der ersten Session. Nach Kleiderordnung und unerwünschtem Queuerubbeln wartete O’Sullivan heute mit dem Chalkgate auf. Aber darüber berichtet euch die Kollegin Filia später.

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So war das Bild heute: Hawkins am Tisch, Robertson schaut besorgt zu. © Monique Limbos


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren depressiven Snookerroman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher