Über die Einsamkeit einer Snooker-Enthusiastin

Screenshot Webseite WorldSnooker
Könnte ein Bild von heute sein. War aber mitten während der WM.

Mir geht es nicht gut. Und das liegt nicht nur daran, dass nach den 25 Tagen WM heute wieder die alljährliche Zeit des „Snookerkaters“ angebrochen ist. Nein, es liegt auch daran, dass das Leben einer Snooker-Begeisterten oft ein einsames ist. (This blogpost is also available in English.)  Selbst in der Zeit des Jahres, die für Menschen wie mich vom geliebten Sport dominiert wird, bin ich allein. In meinem direkten Umfeld kann ich die Menschen, die meine Leidenschaft auch nur ansatzweise teilen, an einer Hand abzählen – wenn nicht an einem Finger.

Die Masse macht’s nicht besser

Eine halbe Million Menschen hat hierzulande das WM-Finale auf Eurosport gesehen. Das klingt nicht wenig. Aber wie viele davon verstehen wirklich etwas vom Snooker? Wie viele können mehr als fünf Spieler*innen nennen? Selbst der Freund, mit dem ich schon im Billard 65 um die Ecke den Filz des Snookertisches einem Härtetest unterzogen habe, guckt mich bei der Erwähnung eines Anthony Hamilton mit einem Fragezeichen im Gesicht an. Das macht mich einsam.

Deshalb gehe ich ins Netz. Mir ist klar, dass das nicht die „wirkliche“ Welt ist und dass das Internet kein Rudelgucken auf Großbildwand ersetzen kann. Aber vielleicht hat es ja auch einen guten Grund, warum ich Anhängerin dieses Sports und nicht dieser „Randsportart Fußball“ bin, in der sich Krethi und Plethi tummeln? Wer etwas Besonderes ist, muss kreativ sein und Abstriche machen.

Aufgenommen und gut aufgehoben

Meine erste Heimat fand ich bei SnookerPRO. Als ich 2013 hier als Gastautorin einstieg, steckte ich in einer mittelschweren Depression und Daniel, der Gründer des Blogs, hat mir quasi das Leben gerettet. Er bot mir ein gemachtes Nest, in dem ich mich erst niederlassen und dann austoben konnte. Er bot mir eine Aufgabe, hat meine Arbeit wertschätzend aufgenommen und mich mit seiner kooperativen Art schnell in die Entwicklung der Seite eingebunden. Gemeinsam haben wir neue Features aufgebaut, uns gegenseitig die Bälle zugespielt und unterstützt. Sein Vertrauen hat mir gut getan. Doch da seine Leidenschaft für Snooker allmählich verblasste und sein Leben ihn auf andere Pfade führte, hat er mir 2016 den Blog übergeben. Diese WM war die erste, die ich komplett alleine bestritten habe. Das macht mich einsam. Ich vermisse Daniel, seine Ideen und Umsetzungen, die Absprachen und die gegenseitige Bestätigung, dass unsere Arbeit gut ist und Sinn macht.

Teil eines großen Ganzen

Weil mir der kontinuierliche Ergebnisdienst im Blog über den Kopf wuchs, wurde ich Mitglied im Team von snooker.org. Dort füttere ich mit vierzehn anderen Menschen während der Turniere die Datenbank mit Zwischenergebnissen und darf dafür die Seite hier auf SnookerPRO einbinden. Ich investiere dort Zeit, die ich hier einspare und habe dafür einen besseren Service für meine Leserschaft, da ich alleine die Ergebnisse nie so zeitnah anbieten könnte. Auch wenn ich nur zwei Leute jemals persönlich getroffen habe, ist das Team ein bisschen wie meine zweite Familie geworden. Mir hilft es, durch meine Schichten dort eine Verpflichtung zu haben, die mich zwingt, immer wieder am Leben teilzuhaben, auch wenn mir danach ist, mir nur noch die Decke über den Kopf zu ziehen. Ein schönes Ritual am Ende jeden Turniers ist die Bekanntgabe der gemachten Updates und der Besuchszahlen der Seite. Das Gefühl, an dieser großartigen Seite mitzuarbeiten, die mehrere Hunderttausend Menschen mit Informationen versorgt, macht mich stolz.

Die Kommjunitie auf Twitter

Meine dritte Heimat fand ich auf Twitter. Nicht nur unter dem #147sf der meist deutschsprachigen Gemeinde, sondern auch im Kontakt mit Aktiven des Sports, anderen Blogger*innen und Fans aus aller Welt. Eine große Gemeinde aus skurrilen, witzigen, manchmal auch nervigen Bekloppten, wie ich selbst eine bin. Hier treffe ich Menschen, die mir nachmitternächtliche Zählschichten auf snooker.org versüßen, indem sie bis zum Ende von weltrekordlangen Frames mit mir unter dem Hashtag #PeopleWhoStareAtLiveScores und #latenightscoring. kommunizieren.

Als ich mich vor einigen Tagen mal wieder an einem seelischen Tiefpunkt befand, wartete in meiner Zeitlinie ein Video, dass mir eine Seelenverwandte getweetet hatte. Ich sah es mir an und auch wenn mir eigentlich zum Heulen gewesen war, lachte ich. Ich lachte herzhaft, bis ich mir fast in die Hose gemacht hätte.

Und auch, wenn der Protagonist aus Christoph Ransmayrs „Der fliegende Berg“ eine nur begrenzt positive Wahrheit spricht, so ist es doch die Wahrheit:

…heute weiß ich, dass uns ein Lachen vielleicht ins Leben zurückholen, uns dort aber nicht halten kann. Was […] mich und wohl die meisten von uns am Leben erhält, muss mit dem manchmal tröstlichen, manchmal bedrohlichen Rätsel zu tun haben, dass wir, wo immer wir sind, nicht die Einzigen sind.

Vor einigen Tagen wurde auch im #147sf darüber gesprochen, wie einsam einige sich dort fühlen und wie sehr sie sich wünschen, „das Erlebnis Weltmeisterschaft“ mit jemandem teilen zu können. Mir wurde bewusst, so unzulänglich der virtuelle Kontakt manchmal auch scheinen mag, wie sehr er mir trotzdem hilft. Und er ist alles, was ich habe. Ich habe beschlossen, dankbar dafür zu sein und in jedem Sinne das Beste daraus zu machen.

Und damit wir immer mehr werden und uns so gut es geht gegenseitig unterstützen können, uns für Dinge wie Tippspiele und 147sf-Treffen zusammenfinden, Diskussionsstoff austauschen und informieren können, werde ich weiterhin meinen Teil dazu beitragen. Ich werde weiterhin alle anderen Akteur*innen und ihre Angebote zusammentragen, verlinken, (re)tweeten und kommentieren. Einfach, damit alle sehen, dass ihre Arbeit gut und sinnvoll ist. Und damit alle, die dran teilhaben, alle die mitlesen, -hören, -schreiben und -tippen sich weniger einsam fühlen.

Mein ganz besonderer Dank geht dabei nach Norwegen, wo jemand auf die Idee kommt, Zimtkäse nach Deutschland zu verschicken. Und an den Menschen, den ich ohne mein beknacktes Hobby nie kennengelernt hätte und der mir beim diesjährigen German Masters zwischen den Sessions wunderbar angenehme Gesellschaft leistete und mich mit angeregten Gesprächen stets auf’s Neue belebte. In dunklen Stunden hilft mir immer wieder der Gedanke, dass ich im nächsten Jahr bei Kaffee und „Zigarette“ wieder meine Heimat bei ihm finden werde.


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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3 Gedanken zu „Über die Einsamkeit einer Snooker-Enthusiastin

  1. Karin

    Dein Beitrag ist wunderbar, ich bin auch sehr traurig das die WM vorbei ist, ich bin nicht bei Twitter und kann deshalb nicht mit den Usern kommunizieren. Ich hätte so gern gewusst wie es Judd geht. vielleicht kann mir jemand darüber Auskunft geben. Mit herzlichen Grüßen Karin

  2. Lula Witzescher Artikelautor

    Hallo Karin,
    du kannst bei Twitter zumindest auch mitlesen, wenn du nicht angemeldet bist.

    Von Judd haben wir leider nichts gehört.
    Viele Grüße!

  3. Gondlir

    Hey, Du wohnst aber wenigstens in Berlin (ich sag‘ nur Tempodrom)! Was meinst Du wohl, wie es Snookerfans irgendwo auf dem Lande geht? Dabei gab es bei uns sogar einen Laden für Billardausrüstung im kleinen Ort. Doch bevor ich nach dem Umzug dort mal vorbeischauen konnte, hatte der schon dichtgemacht.

    Jetzt hoffe ich darauf, dass sich Ronnie O’Sullivan vielleicht mal im Rahmen eines Showturniers nach Hessen verirrt. Ansonsten findet Snooker immer nur weit entfernt von mir statt. Ohne Eurosport bekäme ich kaum etwas mit. Und im Bekanntenkreis muss ich bei ratlosen Blicken halt immer wieder erklären, dass Snooker eine Form von Billard ist.

    Wenn Großbritannien demnächst aus der EU austreten wird, dann hat sich für mich auch der Traum vom Auswandern endgültig erledigt. Den hatte ich immer mal wieder, seit ich vor ca. dreißig Jahren in Ilkley, GB, zum ersten Mal Snooker gespielt habe – damals noch, ohne die Regeln wirklich verstanden zu haben… :-D

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