Thorsten Müller: Das Allerwichtigste ist, dass der Score stimmt.

Thorsten Müller
Thorsten Müller bei der Arbeit. © Monique Limbos

Im Vorfeld zu den German Masters 2015 hatte ich die Idee, mehr oder weniger eingefleischte Snookerfans für eine Umfrage für SnookerPRO zu suchen und nutzte dafür unsere Kanäle in den sogenannten sozialen Netzwerken. Einer der ersten, der sich meldete, war Thorsten Müller, der sich zwar nicht als Fan, dafür aber als Schiedsrichter und Schiedsrichterobmann der DBU anbot, mir Fragen zu beantworten. Ich war sehr erfreut über das freundliche Entgegenkommen und seine Hilfsbereitschaft und durfte dann vor Ort erleben, dass das im Kreise der Schiedsrichter_innen kein Einzelfall, sondern eher die Regel ist: Thorsten Müller unterstützte mich im Tempodrom nach vollen Kräften, versorgte mich mit Informationen und Material und brachte mich noch mit anderen Menschen zusammen, die ich mit Fragen löchern konnte. Und von allen hörte ich dasselbe: wie toll die Schieds-Crew sei und wie viel Spaß es zusammen machte. Das konnte ich tagtäglich sehen und verstehe jetzt noch besser, warum diese Menschen diesen Job so gerne machen.

Thorsten, wie bist du zum Snooker gekommen?
Das war mehr Zufall. Im Jahr 2008, ich war Mitglied in einem Billardverein, wurde ein Schiedsrichterlehrgang angeboten. Rolf Kalb erzählte im Fernsehen immer davon und mich hat es interessiert. Ich hatte gemerkt, mit dem Spielen, das wird nichts. Wenn man mit 39 erst anfängt, dann ist das eindeutig zu spät. Sandy Müller, keiner kannte Sandy Müller, hat den Lehrgang geleitet, sie war damals Landesschiedsrichterobmann für Sachsen-Anhalt/Thüringen und Sachsen. Ich habe mich angemeldet, meinen Sohn noch mitgenommen und zwei Tage später waren wir Snookerschiedsrichter mit Lizenz C.

In Süd- und Osteuropa beginnt man mit Class 3, das ist die erste internationale Lizenz und daher heißt es bei den europäischen und internationalen Amateurverbänden EBSA und IBSF, der Class 3-Schiedsrichter darf nur Gruppenmatches schiedsen, weil er ein neuer, unerfahrener Schiedsrichter ist. In Deutschland ist das anders geregelt: Wer internationaler Snookerschiedsrichter werden möchte, muss vorher zwei nationale Lizenzprüfungen ablegen und über mindestens 3 Jahre Erfahrungen sammeln.

Im März 2008 habe ich meine erste Lizenz gemacht, anschließend bin ich als Zuschauer zur WM nach Sheffield gefahren, habe Jan Verhaas getroffen und ihm erst einmal erzählt „Ich bin Snookerschiedsrichter“. (Mit einer Lizenz, die zwei Monate alt war – lacht)

Wie viel Zeit verbringst du ungefähr mit Schiedsen?
Dafür geht fast meine komplette Freizeit drauf. Ich habe einen ganz normalen Beruf, aber meine Freizeit verbringe ich mit Snooker. Das hängt auch damit zusammen, dass ich ja das Amt des Bundesschieds­richterobmanns innehabe und da ist natürlich auch ein bisschen was zu organisieren: Mails schreiben und weiterzu­leiten, Events mit Schiedsrichtern auszustatten. Mein gesamter Urlaub und die Überstunden werden für Schiedsrichtereinsätze gebraucht.

Gibt es denn Profi-Schiedsrichter, also Leute, die davon leben können?
In der Regel sind die Schiedsrichter Honorarschiedsrichter, sie werden pro Einsatz bezahlt. Aber das sind Interna, die ich nicht hundertprozentig weiß und über die ich auch nichts sagen möchte.

Was ist dein eigenes High Break?
37. Das war ursprünglich mein Lebensziel: ein Dreißiger-Break bis zum Eintritt ins Rentenalter. Nun ist es schon 2011 passiert.

Gibt es irgendwelche Faktoren, bei denen du sagst, solche Spiele schiedse ich gerne?
(vehement): NEIN. Gibt es nicht. Mir hat mal jemand gesagt, du musst da und da hinfahren, da sind die jungen Spieler und wenn dann einer Weltmeister wird, dann kannst du sagen, den habe ich schon geschiedst. Für mich ist es völlig egal, wen ich schiedse. Jedes Match, das ich schiedse, ist für mich, als wäre es der Entscheidungsframe im WM-Finale. Es wird jeder gleich behandelt, es ist jeder gleich wichtig und ich habe mir abgewöhnt, ein Match langweilig zu finden. Es bringt nichts, wenn man sich sagt, das Match ist aber langweilig. Dabei geht nur die Konzentration runter. Also wird jedes Match neutral und professionell zu Ende gebracht.

Bereitest du dich auf die Spiele vor?
Ja, man bereitet sich vor. Ungefähr eine halbe Stunde vorher gehe ich ein bisschen in mich, das passiert, wenn ich mich umziehe, wenn ich meine Sachen zusammennehme, die ich am Tisch brauche. Das ist wie ein kleines Ritual, jedes Teil hat seinen Platz und das wird zu einem bestimmten Zeitpunkt dahin gesteckt. Wenn ich mir die Ballmarker nehme, dann kommt der, den ich am liebsten benutze, in die linke Jackettasche, die anderen beiden, ich habe immer drei Ballmarker mit am Tisch, in die beiden Hosentaschen, die Münze zum Auslosen in die rechte Jackettasche und zum Schluss die Handschuhe und mein Professional-Triangle in die Hand. Das ist immer der gleiche Rhythmus, das mache ich, um zur Ruhe zu kommen und die Konzentration aufzubauen.

Hast du irgendwelche Tricks, die dir dabei helfen, die Konzentration zu halten, wenn sich das Match hinzieht?
In den Oberschenkel kneifen zum Beispiel. Aber man muss es einfach durchstehen.

Was würdest du sagen war bisher dein Highlight?
Highlight…Highlight…überlegt Mein erster TV-Tisch war ein Highlight, 2011 in Fürth. Mein erster TV-Tisch und Ronnie schießt ein Maximum.

Letztes Jahr Schiedsrichter auf der WM-Qualifikation, das war auch ein Highlight. Und im Amateurbereich die Amateur-WM 2012 in Sofia, da wurde mir die Ehre zu Teil das Masters-Finale leiten zu dürfen.

Und gibt es auch etwas, wo du sagen würdest, das war das Grauen?
(wie aus der Pistole geschossen): Nee, gibt’s nicht.

Worauf kommt es als Schiedsrichter am Meisten an? Was ist das Wichtigste beim Schiedsen?
Das Allerwichtigste ist, dass der Score stimmt. Da darf es überhaupt keine Abweichungen geben.

Wie sorgst du dafür, dass du nicht im Weg stehst?
Wo ich stehe, das ist eine bestimmte Routine, die man sich irgendwann antrainiert hat, es gibt bestimmte Laufwege, man schaut ja auch, was spielt der Spieler als Nächstes und stellt sich dementsprechend. Vieles kommt mit der Zeit aus dem Rückenmark. Es gibt ja so ungeschriebene Gesetze, zum Beispiel: Solange der Schiedsrichter am Tisch arbeitet, darf er innen laufen und der Spieler läuft außen. Und wenn der Schiedsrichter fertig ist, dann gehört der Tisch wieder dem Spieler und ich habe am Tisch nichts mehr zu suchen. Und dann der sogenannte Ein-Banden- und Zwei-Banden-Weg. Das ist auch so eine Geschichte, das hat man irgendwann drin.

Zwei-Banden-Weg bedeutet, du stehst nie mehr als zwei Banden weg von der Kugel, die du aus der Tasche holen musst. Wenn der Spieler Schwarz spielt, stehe ich möglichst unten an der Ecke bei den kleinen Farben. Es sei denn, der Winkel ist ungünstig und ich stehe in seinem Blickfeld, dann versuche ich, hinter ihn zu kommen. Wenn er mich aus dem Augenwinkel sehen kann, dann heißt es natürlich: stille stehen!

Gibt es eine Frage, die ich dir nicht gestellt habe, die du gerne beantworten würdest? Gibt es etwas, das du schon immer über dich in einem Snookerblog lesen wolltest?
Eigentlich nicht. Ich bin nicht so der Typ, der sich in den Vordergrund drängt. Wir arbeiten hier im Team und betrachten uns als Team, das gilt für den gesamten Schiedsrichterkader. Das ist eine tolle Truppe und es ist immer Teamwork. Da sieht jeder, was zu machen ist. Arbeit sehen, das gehört auch dazu. Wenn’s ans Aufräumen geht, wenn’s ans Tische putzen geht, denn man hat nicht auf jedem Event Tablefitter, das ist ein Luxus hier. Normalerweise putzen wir die Tische auch selber.

Das hört sich eigentlich nach einer schönen Beschäftigung an.
Ja, das ist es auch. Ich möchte kein anderes Hobby haben.

Herzlichen Dank, Thorsten, dass du dir die Zeit genommen hast, uns diesen Einblick in dein Schiedsrichterleben zu gewähren. Wir wünschen dir für die Zukunft weiterhin viel Freude daran.


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin.

Ist keine Ronnie-O’Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt.

www.twitter.com/lulawitzescher

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