The Best Masters Ever!?!

Masters Atmosphäre
Rekordtitelträger Ronnie O'Sullivan auf dem Weg in die Manege. © World Snooker/Tai Chengzhe

Mit Superlativen wird im Sport ja nicht gespart und das Masters ist da keine Ausnahme. Wenn die 16 besten Spieler der Welt gegeneinander antreten, dann ist natürlich jede Partie potentiell ein Kracher. Mit dem „most natural gifted player ever“ (Ronnie O’Sullivan), dem „most talented“ Mann (Judd Trump), dem steilsten Karriereanstieg in dieser Saison von Lisowski, mehreren Spielern, die sich um die „schlechteste Form“ bewerben (Brecel, Murphy, Selby – Letzterer zumindest bei Triple Crown Events) und zusätzlich noch einer frei erfundenen „most heated rivalry“ (Trump/Wilson) gab es genug Stoff für weitere Superlative. Und in diesem Jahr haben wir im „Ally Pally“, dem Veranstaltungsort in London, auch noch „the most heated atmosphere“ und das rüpelhafteste Publikum.

Zudem warten wir noch auf „historische Momente“ (das 147. offizielle Maximumbreak, Ronnies 1000. Century), die besonders superlativfähig sind und die viele gerne auf dieser wichtigen Snookerbühne erleben würden. Doch was konnte das Masters 2019 bisher wirklich bieten?

Überraschendsde Sieger & Verlierer

Nach den Leistungen der vergangenen Monate fragte sich manch einer, was Luca Brecel eigentlich beim Masters zu suchen hätte und bestimmt hatten nicht viele die Auftaktpartie gegen Titelverteidiger Mark Allen als besonderes Bonbon auf dem Schirm. Doch Luca Brecel, der beste „Mann außer Form“ bei diesem Turnier, legte hier ein Snooker inklusive Turnierhighbreak von 140 hin, das Mark Allen trotz nahezu tadelloser Leistung nach verlorenem Decider wieder auf den Heimweg schickte. Und auch Brecels Zweitrundenmatch gegen Ding Junhui war ein hochklassiges Spiel, leider mit dem schlechteren Ende für Brecel.

Die Kollegen von Eurosport haben es hier ein bisschen übertrieben mit dem Superlativ, aber geschenkt:

Im Vorfeld wurde das Erstrunden-Spiel Judd Trump gegen Kyren Wilson zum vermeintlichen Highlight hochstilisiert. Doch die Partie sah einen furios aufspielenden Trump und einen Wilson, der nicht viel ausrichten konnte. Sie haben sich aber auch nicht die Augen ausgekratzt. Das war mit Abstand die zahnloseste Rivalität seit Langem.

„Saisonüberflieger“ Lisowski kassierte bei seinem Masters-Debüt gegen Ding Junhui die knappste 1–6-Niederlage dieses Masters. Denn er verlor mehrere Frames mit nur wenigen Punkten Rückstand, zwei alleine auf Schwarz.

Das schönste Kommzurück spielte mal wieder Kommzurück-King Neil Robertson. Gegen Feier-Weltmeister Mark Williams holte er zurückliegend fünf Frames in Folge zum 6–3.

Der unwahrscheinlichste Sieger in Runde zwei war Judd Trump gegen Mark Selby. 45% zu 55% standen die Chancen laut Prognose von cuetracker.net. Das hat ihn aber nicht an seinem 6–2-Erfolg gehindert.

Unterhaltsamster Spieler? Ding Junhui!

Ding Junhui war am längsten Spiel um Pink beteiligt (über 20 Minuten im Spiel gegen Lisowski), hat auf die blödeste Weise einen Frame verloren (3x Foul & Miss im Spiel gegen Brecel), machte zum unmöglichsten Zeitpunkt den Versuch, ein Maximum zu spielen (im Spiel gegen O’Sullivan) und kassierte mit Abstand die meisten Küsse (von Ronnie O’Sullivan nach dessen Sieg im Halbfinale). Neben einer Klasse-Leistung hat er damit mehr zur Unterhaltung beigetragen als üblicherweise in einer ganzen Saison.

Das beste Finale des Masters: O’Sullivan gegen Trump

Im bisherigen Turnierverlauf sahen wir den engagiertesten Ronald O’Sullivan des Jahres. Er dominierte alle seine Spiele und steigerte sich kontinuierlich im Verlauf des Turniers. Und dass er im Halbfinale sogar einen Frame weiterspielte, obwohl er schon mehrere Snooker benötigte, sehen wir als zusätzliches Zeichen, dass er hier ernsthaft seinen achten Masters Titel anpeilt.

Judd Trump, sein Gegner im morgigen Finale, war im Halbfinale gegen Neil Robertson stolzer Teilnehmer des verkrampftesten Spiels des Turniers. Das wird ihm aber ziemlich egal sein, denn obwohl er in seinen Spielen der statistische Verlierer hätte sein sollen, hat er sein erstes Masters-Finale erreicht.

Es bleibt also kein Zweifel, dass wir in diesem Jahr das traumhafteste, dramatischste, unterhaltsamste, ungerechteste und nervenzermürbensde Masters-Finale ever sehen werden. Morgen um 14 Uhr und 20 Uhr (TV-Übertragung 14:15–17:00 auf Eurosport 2 und 19:45–23:25 auf Eurosport 1), alle Spiele und Ergebnisse im Überblick auf snooker.org

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Tanzt und performt im Nebenberuf, spielt Poi, schreibt sporadisch Geschichten (hat im letzten Jahr den Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, sucht dafür jetzt einen Verlag). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich häufig am Magic Mountain Berlin anzutreffen. Hasst Ronnie O'Sullivan nicht, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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