Rebecca Kenna: Ich werde das Beste aus der Chance machen

Rebecca Kenna
Rebecca Kenna at the Belgian Women's Open in Brügge. © Matt Huart - WWT

Dieses Jahr werden wieder zwei Spielerinnen der World Women’s Tour an der Qualifikation zur Snooker-WM teilnehmen. Die erste ist die amtierende Weltmeisterin Reanne Evans, die zweite ist Rebecca Kenna. Letztere möchten wir unserem Publikum persönlich vorstellen. Dieses Portrait gibt es auch auf Englisch.

Wir können Rebecca sowohl als Spät- wie auch als Senkrechtstarterin bezeichnen. 2016 tauchte die damals 27jährige (als Rebecca Granger) plötzlich auf der Tour auf und erreichte bei ihrem zweiten Turnier, ihrem WM-Debüt, sofort das Halbfinale. Seitdem ist sie von der Women’s Tour nicht mehr wegzudenken. Drei WM-Halbfinals und ein Viertelfinale hat sie erreicht, dazu dreimal das Finale eines World Women’s Ranglistenturniers. 2019 gewann sie das Masters in Hong Kong mit einem Sieg über Bai Yulu. Momentan steht sie auf Platz Nr. 4 der Weltrangliste. Doch die Frauentour pausiert seit Beginn der Corona-Pandemie, da es keine finanziellen Ressourcen gibt, um corona-konforme Turniere durchzuführen.

Rebecca Kenna ist seit 2018 als Snooker-Coach zertifiziert und ist Inhaberin von Cue Sports Yorkshire.

Die Spielerin Rebecca Kenna

Lula: Wie (un)zufrieden bist du mit deiner Karriere bisher?
Rebecca: „Sehr zufrieden. Ich habe so viel geschafft, seit ich vor fünf Jahren an meinem ersten Frauensnooker-Turnier teilgenommen habe. Und ich freue mich wirklich darauf, wieder auf der Frauentour zu spielen.“

In welchem Turnier hast du deine beste Performance als Snookerspielerin gezeigt?
„Ich würde sagen beim Hong Kong Women’s Masters 2019, denn dort habe ich gewonnen. Es war ein Einladungsturnier für die Top 16 der Welt und das zu gewinnen, war unglaublich.“

Was für eine Art Spielerin bist du? Was sind deine Stärken und Schwächen?
„Ich bin eine aggressive Spielerin mit gutem Safety Game. Meine große Stärke sind die langen Bälle und Recovery Shots. Ich neige dazu, unnötige Fehler und leichte Misses einzubauen. Ich arbeite daran, diese Fehler aus meinem Spiel auszubügeln.“

Wessen Fähigkeiten beeindrucken dich am meisten?
„Was die Cue-Action betrifft, ist es Neil Robertson. Aber wenn es darum geht, das Spiel einfach aussehen zu lassen und den Spielball an der Leine zu führen, dann ist es Judd Trump.“

Als Frau im „Männer-Club“

Rebecca Kenna und ihr Mann Ash in Hong KongUnterstützt wird Rebecca am meisten von ihrem Mann Ash. Er begleitet sie wenn möglich zu Turnieren und unterstützt sie bei allen Entscheidungen. „Ash ist die größte Stütze für mich. Wir sind seit 14 Jahren zusammen und verheiratet seit vier. Als ich unsere Ersparnisse in einen Cue Sports Shop investieren wollte, damit ich meinen eigenen Trainingstisch zu Hause habe, hat er gesagt: „Nichts wie ran!““

Doch nicht alle Männer sind so unterstützend, wie Rebecca schon öfter erfahren musste. Vor einigen Jahren konnte sie einige ihrer Liga-Spiele nicht spielen, da sie in Clubs ausschließlich für Männer stattfanden. Da es keine diesbezüglichen Regeln gab, gingen diese Spiele für ihr Team verloren. Rebecca ging damit an die Öffentlichkeit, sogar die BBC berichtete darüber. Obwohl der Verband hinter ihr stand, wurde das Problem nicht gelöst und sie verließ die Liga. Seit diesem Zeitpunkt hat ein Club das Verbot für Frauen aufgehoben. Und die Liga hat eine Regel eingeführt, dass Spiele, an denen Jugendliche oder Frauen beteiligt sind und der Club diese nicht zulässt, an neutralem Ort gespielt werden müssen. Oder die Frames werden als verloren gewertet. Es ist wirklich bedauerlich, dass es so lange gedauert hat, bis diese Regeln in Kraft traten.

Ein großer Schritt gegen sexistische Diskriminierung

Das Ende der Men-Only-Ära in der englischen Liga war ein wichtiger Schritt. Dass die World Women’s Tour kürzlich zum offiziellen Weg zu einer World-Snooker-Tour-Karte erklärt wurde, ist der nächste Schritt auf dem Weg zur Stärkung des Frauensnooker.

„Es ist großartig, dass Reanne (Evans) & (Ng) On Yee jetzt Tourkarten bekommen haben, für die beiden, aber auch für Frauensnooker an sich. Irgendetwas musste passieren, damit sich der Sport schneller entwickelt als momentan. Eine Möglichkeit war, der Weltmeisterin einen Main-Tourplatz anzubieten und die Frauentour als Amateurtour weiterzuführen. Die zweite Option wäre, der World Women’s Snooker Tour Pro-Status zu geben und anständiges Preisgeld zu bieten, damit Frauen eine machbare Option haben, Profi zu werden. Ich denke, die erste Möglichkeit ist die einfachste. Jetzt können Mädchen und Frauen auf der Frauentour starten und haben mit der Tour-Karte eine fantastische Belohnung vor Augen. Ich denke fast, dass die Pandemie für uns ganz gut war. Dadurch, dass im Amateursport das ganze Jahr nichts passiert ist, waren die Plätze frei und World Snooker Tours konnte uns Frauen die beiden Karten anbieten. Ich glaube nicht, dass es sonst passiert wäre.

Sie haben außerdem noch viele andere Wege der Qualifikation – von der Q-School abgesehen – für die Main Tour angekündigt. Es gibt also momentan gute Möglichkeiten, sich zu qualifizieren. Ich denke, Reanne und On Yee sind die beste Wahl für die Tourkarten. Sie dominieren den Sport schon so lange und haben beide mehrere WM-Titel gewonnen. Da es nächstes Jahr noch einen Tourplatz geben wird, werden sich alle ziemlich anstrengen, ihn zu ergattern. Das wird zum Wachstum des Sports im Sinne von Teilhabe, Leistungsstärke und –dichte ganz erheblich beitragen.“

Glaubst du, dass es für männliche Spieler einen Unterschied macht, ob sie gegen eine Frau oder einen Mann verlieren?
„Da weibliche Spieler so selten sind, würde es mich nicht wundern, wenn sie es ein bisschen beängstigend fänden, gegen eine Frau zu spielen. Aber die meisten werden dir sagen, wenn die Spielerin gut ist, dann ist es keine Schande gegen sie zu verlieren.“

Snooker-Coaching: Hilfreich für die eigene Entwicklung

Rebecca hat einen Hintergrund in Sport-Coaching. Als sie angefangen hat, auf der Frauentour zu spielen, hat sie noch als Personal Trainer gearbeitet. Sie wollte nicht nur ihr eigenes Spiel entwickeln, sondern hatte auch Spaß daran, anderen etwas beizubringen. So war es naheliegend, mit Coaching-Kursen bei der WPBSA einzusteigen. Als sie ihren Cue-Sports-Laden eröffnete, konnte sie selber Coaching anbieten. Kurz darauf gab sie ihren Job als Personal Trainer auf und konzentrierte sich ganz auf Snooker-Coaching. Diese Verbindung aus der Arbeit an sich selbst und an anderen ist für sie ideal. Sie ist ständig am und um den Snookertisch beschäftigt, was ihr enorm geholfen hat, ihr Spiel so schnell zu verbessern.

„Als ich mit Wettbewerben angefangen habe, habe Nerven und Angst mein Spiel beeinträchtigt. Aber ich habe das Buch “Chimp Paradox” von Dr. Steve Peters gelesen. Es hat mir mental bei Turnieren geholfen und daran arbeite ich kontinuierlich weiter.

Das Wichtigste, um an die Spitze zu kommen und dich dort zu halten, sind eine gleichmäßige Cue-Action, umfangreiches Spielwissen und ein konzentriertes, positives Mind-Set. Die auftauchenden Probleme sind unterschiedlich. Das kommt auf das Niveau an. Bei Profis ist es die Psyche, bei Leuten, die gerade anfangen, die Cue-Action. Als Coach muss ich gut kommunizieren können, muss erkennen, was jeder einzelne Mensch braucht, um sich zu verbessern und dann das Beste aus diesem Menschen herausholen.“

Ihr größter Wunsch für die nahe Zukunft ist es, Snooker-Weltmeisterin zu werden. Dadurch, dass sie erst spät mit Snooker angefangen hat, hatte sie keine große Hoffnungen, es jemals auf die Main Tour zu schaffen. Aber jetzt, wo sie sich über die Frauentour qualifizieren könnte, verspricht sie, sich richtig reinzuhängen und ihr Bestes zu versuchen.

Die Person Rebecca Kenna

Weißt du, ob es etwas gibt, was deine Fans sich von dir wünschen?
„Ich habe eine Facebook Seite für alles, was Snooker betrifft. Da können sie schreiben, wenn sie etwas wissen möchten oder sehen wollen.“

Wofür schlägt dein Herz jenseits des Snookertisches?
„Das Leben in vollen Zügen zu genießen.“

Würdest du dich als grundsätzlich glückliche Person bezeichnen?
„Ja, ich bin eine positive Person. Wenn mich etwas in meinem Leben unglücklich macht, dann ändere ich es. Das Leben ist zu kurz.“

Was magst du am liebsten/findest du am interessantesten, wenn du in anderen Ländern bist?
„Ich mag es, auswärts zu essen und unbekannte Gerichte zu probieren. Es ist fantastisch, mit der Women’s Tour unterwegs zu sein und zu spielen. Ich habe Orte gesehen, die ich sonst nie besucht hätte: Singapur, Thailand, Malta, Belgien, Deutschland …“

Wenn du vier beliebige Personen (tot oder lebendig) zum Abendessen einladen könntest, wer würde das sein und warum?
„Meinen Vater, meine Großmütter und meinen Großvater. Ich habe so viel erreicht, seit sie gestorben sind. Ich würde gerne einen Abend mit ihnen verbringen und ihnen erzählen, was ich noch alles erreichen möchte.“

Bevorstehende WM-Qualifikation

Am Dienstag, den 6. April um 20:30 Uhr wird sie eins der wichtigsten Matches ihrer Karriere spielen, wenn sie in der WM-Qualifikation gegen Brandon Sargeant antreten wird. Da die Zweite und Dritte der Weltrangliste Ng On Yee und Nutcharut Wongharuthai wegen der Pandemie in Hong Kong beziehungsweise Thailand festsitzen, rückte Rebecca Kenna neben Reanne Evans auf den zweiten Quali-Platz nach.

Da bei den Frauen oft nur Best-of-3 oder Best-of-5-Matches gespielt werden, sind die Best-of-11-Spiele in der Quali eine echte Herausforderung. Doch da ihr Laden momentan geschlossen ist, hat Rebecca die Zeit genutzt und sich gezielt auf diese Distanz vorbereitet.

„Wenn du mir das vor fünf Jahren erzählt hättest, dass ich bei der Quali in Sheffield spielen würde, hätte ich laut losgelacht. Das ist so eine unerwartete Gelegenheit und ich habe vor, das Beste daraus zu machen. Ich habe viel Zeit ins Training investiert und mich mental und körperlich gut vorbereitet. Ich war noch nie in besserer Form.“

Herzlichen Dank an Rebecca Kenna, dass sie sich die Zeit genommen hat, unsere Fragen zu beantworten. Wir drücken auf alle Fälle die Daumen, wünschen viel Erfolg und eine wundervolle, aufregende Zeit in Sheffield.

Rebecca Kennas Trainingstisch

Nahezu professionelle Bedingungen am Trainingstisch.

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Sucht für den Roman „Belinda to break“ einen Verlag. Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. www.twitter.com/lulawitzescher

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