Q-School 2019 und die Turniere der neuen Saison

So stiefmütterlich stellt World Snooker dar, worauf wir uns in der neuen Saison freuen können.

Nachdem wir nach der WM alle wieder in das berühmte Loch gefallen sind, erholen wir uns nun schlagartig vom Snookerkater, denn das Qualifikationsturnier zur Saison 2019/2020 – die Q-School – ist seit gestern in vollem Gange.

Q-School 2019

Viele Amateurspieler_innen und Leute, die Ende der Saison von der Tour gefallen sind, machen sich hier Hoffnungen auf eine der 16 Karten für die Main Tour. Die Viertelfinalsieger_innen der drei Events plus die Top 4 der Rangliste erhalten das begehrte Ticket.

Es sind dieses Mal drei Frauen am Start. Ng On Yee konnte ihr Auftaktspiel gewinnen, Reanne Evans und Rebecca Kenna verloren ihre erste Partie und versuchen es erneut im nächsten Event, das am Freitag beginnt.

Turnierkalender mit einigen Lücken

Der Kalender für die nächste Saison kam mal wieder sehr spät und weist noch einige Lücken auf, was Daten, Orte oder ganze Turniere betrifft. Deshalb nennt World Snooker ihn auch nur ‚provisorisch‘. Alle Angaben für das Jahr 2019 haben wir schon erfasst und 2020 folgt bald. Aber es wird immer wieder Änderungen geben. Von dieser (besonders für uns Bloggende) unangenehmen Tatsache hat sich M zu einem weiteren Gastbeitrag inspirieren lassen, bei dem wir euch viel Spaß wünschen.

Beziehungsprobleme

Ich wische mir die Tränen aus den Augen, um wieder klar zu sehen, starre nachdenklich vor mich hin und richte hilflose Fragen an mein Gegenüber.
Ja, ganz richtig, ich hab schon wieder die Tage: Der Snookerkalender für die nächste Saison ist da.
Wir realisieren es nicht. Aber wir stecken in einer Langzeitbeziehung mit ihm. Er ist wie ein Mensch, den seine Freunde auch ohne Anlass gerne leidenschaftlich anpreisen, der sich jährlich neu erfinden will und im Restaurant aber dann doch immer dasselbe bestellt. Nennen wir ihn Barry Agenda.
Faszinierend ist er, der Barry. Wir kommen nicht von ihm los, denn wir brauchen ihn. Und das weiß er auch. Außenstehende beneiden den Menschen, der Barry sein Eigen nennen darf: „Hast du’s gut! Reisen! Glamour! Kohle!“ Was wissen die schon. Glamour? In Llandudno? Kohle in Riga? Ja, im Kamin vielleicht. Reisen … äh, ja…
Langweilig ist es mit Barry Agenda sicher nicht. Seine Ansprüche und seine Abenteuerlust bedeuten natürlich spannungserhaltende Abwechslung und davon lebt ja jede spritzige Beziehung. Doch seine kapriziöse Unzuverlässigkeit macht ihn nicht zu der Festung in der Brandung, für die ihn die fremden Damen, die mich neiderfüllt mit ihrem Ellbogen in die Seite stupsen, halten.
Trotz all der Jahre, die wir schon zusammen sind, verweigert er noch immer einen gemeinsamen Blick in die Zukunft. Fragen wie „Schatz, wo soll es noch hingehen? Wo siehst du uns in ein, zwei Jahren? Ein, zwei Monaten? Welche Pläne hast du für nächstes Jahr?“ werden mit einem ausweichendem Lächeln und einem Küsschen auf die Stirn beantwortet, dann verlässt er den Raum und geht aufs Klo.

Nicht einmal die Urlaubsplanung kann man mit dem Kerl begehen. Dabei beginnt alles immer recht verheißungsvoll:
„Ich weiß ja, dass du gerne frühzeitig Bescheid weißt“, sagt Barry liebevoll. „Ich bin im Februar 2020 weg, wenn du nach dem Jahreswechsel ein bisschen Tapetenwechsel magst. Das genaue Datum weiß ich sogar schon.“
„Ah, super. Wann denn?“
„In der Woche vom 3. bis 9. Und dann noch mal ab dem 24.“
Ich blättere schnell in meinem Kalender.
„Hey, das passt sogar!“
„Wo bist du denn dann?“
„Weiß ich noch nicht.“
Ich möchte über meine Verwirrung gar nicht nachdenken. Deshalb versuche ich es mit einem Alternativvorschlag.
„Du gehst im Oktober erst nach Crawley und dann nach China, oder? Ich muss Ende Oktober zu unserer Tochtergesellschaft nach Shanghai. Könnten wir eventuell verbinden. Wann gehst du denn genau?“
„Am 27. Oktober muss ich dort sein.“
Ich fange an, mir um ihn Sorgen zu machen: „Dein Oktober sieht stressig aus, Barry. Meinst du denn, das schaffst du? Du hast doch noch so viele andere Auslandstrips in dem Monat.“
„Warum nicht? Sind doch nur zwei wirklich wichtige Termine – Crawley und China.“
„Ja, aber die sind nur eine Woche auseinander – und auf zwei verschiedenen Kontinenten! Da ist man doch nur noch im Jetlag?“
Musst ja nicht mitkommen!“, schnappt er beleidigt. „Leben genug Leute in China.“
So hab ich das doch gar nicht gemeint, du Sack…
„China lass ich vielleicht eh ausfallen“, sagt er schulterzuckend. „Kann ja meinen Assi schicken. Mal sehen.“
„Häh? Ich dachte, der Termin ist wichtig?“
„Kommt drauf an, wo wir das Event halten. Manche Säle bekommen einfach mehr Zulauf. Müssen wir noch verhandeln.“
„Aber der Termin steht doch schon seit Wochen!?“
„Deswegen brauchst du mich doch nicht angreifen!“ schnaubt er. „Ich kann doch nix dafür. Ich geb dir hier doch nur Informationen weiter!“
„Ich greife dich nicht an. Und … bist du nicht für die Eventplanung zuständig?“
Er zuckt mit den Schultern.
„Wo in China?“, frage ich mit versöhnlichem Interesse. „Zufällig irgendwo in der Nähe von Shanghai?“
„Irgendwo in China.“
„China ist keine Stadt, Barry, Schatz.“
„Glaubst du, das weiß ich nicht!?“
Er ist kurz richtig aufgebracht, fängt sich aber gleich wieder. Sein Gesicht erhellt sich, als er charmant fleht:  „Komm doch mit, bitte!“
Jetzt werde ich wütend: „Wie denn, wenn ich dann gerade in Shanghai sein muss? Du hast doch gerade gesagt, dass du gar nicht weißt, ob du überhaupt nach China gehst. Und du weißt nicht mal, WO IN CHINA!!!“
„Ja, aber wenn ich gehe, meine ich.“
Ich schlage mir die Hände müde vors Gesicht und falle in meinem Stuhl zusammen. Mein Oberkörper vertraut sich in Super-SloMo der Schwerkraft an.
„Und wann weißt du das?“ frage ich teilnahmslos, während sich meine Augen auf den Kreidestaub in unserem grasgrünen Teppich konzentrieren.
„Weiß ich noch nicht.“
Überhaupt beantwortet er jede Frage neuerdings entweder nur noch durch tätschelnde Nichtbeantwortung oder mit den vier Worten, die in meinen Ohren inzwischen nur noch klingen wie ein gelalltes einziges:
„Weißichnochnicht.“

Man wäre besser dran mit einem Typen, der dich zum Abschied annickt und im Wegdrehen sagt: „Ich melde mich, Süße.“ Da wüsste man wenigstens sofort, dass man sich auf den nicht verlassen kann. Aber dieser Kerl… dieser Kerl… verspricht dir ein gemeinsames Zuhause – und baut es dann im Land der ewigen Schwebe. Von dort aus kann er dann prima nach anderen grünen Wiesen schielen: den exotischen Chinesinnen, den schönen Waliserinnen, den temperamentvollen Engländerinnen, den zurückhaltenden deutschen Grazien, die nur für ihn auftauen. Manchmal tut es ihm auch eine rassige Inselbewohnerin an. Wann er auf welche Lust hat, bestimmt er selbst und niemand weiß, wo er dann genau auftaucht. Aber auch sie will er weder anlügen noch beunruhigen.
„Wann sehen wir uns wieder, Barry Agenda?“ hauchen sie ihm morgens mit liebeszerrauftem Haar vom Bett aus zu, während er sich das Hemd zuknöpft.
„Weiß ich noch nicht.“

Dann kehrt er wieder in meine Arme zurück, nach seiner langen Weltreise zu seinen vielen Wiesen. Er hat sich darauf verlassen, mich hier wiederzufinden. Und ich bin hier. Ich habe ihn sogar erwartet. Ein bisschen aus Gewohnheit, aber auch mit Sehnsucht. Doch er merkt mir an, dass diesmal etwas nicht stimmt. Er kniet sich vor mich hin, sieht mir tief in die Augen. Sieht er gar besorgt aus? Er nimmt meine Hand in seine und streichelt sie zärtlich. Mit der anderen fasst er Halt suchend um mein Portemonnaie.
Dann sagt Barry Agenda mit zitternder Stimme:
„Ich liebe dich … Liebst du mich?“
Ich erwidere seinen Blick, nur nicht so jämmerlich. Ganz sicher bin ich nicht, ob er mich meint oder mein Portemonnaie. Aber ein bisschen traurig bin ich schon. Und ein bisschen angefressen. Lieber nicht zwinkern, sonst deutet er das noch irgendwie. Ich entzwinge mir ein höflich neutrales Lächeln und schlage ihm mein Portemonnaie aus der Hand.
„Weiß ich noch nicht.“ murmle ich und lasse die Türe hinter mir zufallen.
Ich habe keine Zeit für diesen Scheiß. Schließlich muss ich die World Snooker-Website in regelmäßigen Abständen auf Aktualisierung überprüfen, damit ich endlich erfahre, wo er wirklich steht, der Barry.

Der Text „Beziehungsprobleme“ ist ein Gastbeitrag von M.

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Tanzt und performt im Nebenberuf, spielt Poi, schreibt sporadisch Geschichten (hat im letzten Jahr den Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, sucht dafür jetzt einen Verlag). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich häufig am Magic Mountain Berlin anzutreffen. Hasst Ronnie O'Sullivan nicht, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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