Maike Kesseler: Man darf sich nicht unter Druck setzen

Maike Kesseler, WGP 2015
Maike Kesseler im Einsatz beim World Grand Prix 2015. © Monique Limbos

Maike wird bei den diesjährigen German Masters wieder im Einsatz sein und ich hatte 2015 das Vergnügen, sie über ihren Job als Schiedsrichterin auszufragen. Ich war sehr erstaunt darüber, wie bereitwillig und gutgelaunt sie sich trotz eines dichten Schiedsplans noch für das Interview zur Verfügung stellte. Im Gespräch wurde es offensichtlich, dass ihr der Job unheimlichen Spaß macht und sie es sehr genießt, mit „der ganzen Truppe“ unterwegs zu sein.

Für Maike ist das Schiedsen ein Hobby. Sie hat einen Vollzeitjob als Kundenberaterin einer Bank, investiert aber ihren gesamten Urlaub samt Überstunden, um ihrer zweiten Arbeit nachzugehen. Wie viele andere auch, ist sie über das Fernsehen zum Snooker gekommen: Am Anfang standen ein snookerbegeisterter Freund und ihre anfängliche Langeweile, die sich beim Mitgucken allmählich in Interesse verwandelte und in die Lust mündete, das Spiel mal selber auszuprobieren. Anfangs ging sie mit Freunden einfach just for fun spielen, doch irgendwann wollten sie mehr und haben sich auf die Suche nach einem Verein gemacht. In Bielefeld wurden sie fündig, was für die damals in Ostwestwalen Ansässigen einen Weg von immerhin 60/70 Km bedeutete. „Aber so hatten wir wenigsten Anschluss an einen Verein gefunden und haben immer mal kleine Turniere mitgespielt, rein amateurhaft, aus Spaß am Zeitvertreib.“

Und wie bist du zum Schiedsen gekommen?
„Nachdem ich mir mal einen schönen Faux Pas ganz am Anfang geleistet habe, was das Regelwerk angeht, dachte ich: „Du solltest vielleicht mal einen Regelkundekurs machen, der im Verein angeboten wird.“ So bin ich mehr in das Thema reingekommen. Wir haben es immer so gemacht, wenn man aus dem Turnier ausgeschieden ist, musste man danach bei wenigstens einem Spiel zählen und die Kugeln aufbauen.“

Während das für andere eine eher lästige Aufgabe war, hat Maike das nie etwas ausgemacht. Für sie gehörte es einfach dazu und so spielte sie bei Turnieren die Gruppe mit und wenn sie ausgeschieden war, schiedste sie. Mit der Zeit stellte sie fest, dass sie mit ihrem Spiel nicht wirklich weiterkam. Um wirklich gut spielen zu können, hätte sie mehr Zeit ins Training investieren müssen und dazu hatte sie keine Ambitionen. Also gab sie das Spielen auf und fuhr nur noch zum Schiedsen zu den Turnieren. Nach wie vor war sie vom Snooker fasziniert und so nahm sie die andere Perspektive ein und entwickelte sich auf diesem Gebiet weiter.

Ref. Kesseler, Maike und Schmidt, Ingo

Maike Kesseler mit ihrem Schiedskollegen Ingo Schmidt

„Ich bin dann vom Landesverband angefragt worden, ob ich nicht Lust hätte, die Landesmeisterschaft zu schiedsen. Als ich nach Bayern gezogen bin – Landsberg hat damals Bundesliga gespielt und da waren Schiedsrichter Pflicht – da habe ich mich angeboten bei Heimspielen zu schiedsen. In dem alten Modus war es so: drei Spiele Best-of-5, hintereinander weg, Samstag und Sonntag, also sechs Spiele. Dabei hast du so viel gelernt und so viele Erfahrungen gemacht, weil das natürlich die besten Spieler Deutschland waren. Das ist zwar hartes Brot, gerade für jemanden, der gerade anfängt, weil das lange Distanzen sind. Ein Best-of-5-Match kann schon mal dreieinhalb Stunden dauern und davon hast du dann drei hintereinander. Das ist die Schule, die man meiner Meinung nach auch durchlaufen muss, um herauszufinden, ob es wirklich Spaß macht. Bei mir ist das wirklich Herzblut, ich mache das mit Leib und Seele.“

Gibt es irgendwelche Faktoren, bei denen du sagst, dass es dir keinen Spaß macht?
„Eigentlich nicht. Es gibt für mich zwei Facetten an dem Spiel. Mehr Spaß macht es natürlich, wenn die Spieler hohe Breaks spielen. Das ist spannend, da ist Action drin, da läufst du viel, da zählst du viel… Aber es ist auch super, wenn Snooker gelegt werden und einer da wieder raus muss. Das ist die zweite Facette des Spiels, die ist genauso spannend. Das Einzige, was natürlich wirklich ermüdend ist, wenn es nur hin und hergeht, wenn die Spieler sich noch rantasten, sich noch nicht trauen, wenn so klein-klein gespielt wird. Das ist ermüdend, nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für uns. Das Schwierige an dem Job ist eigentlich, die Konzentration hochzuhalten. Solange sich auf dem Tisch etwas tut, ob nun Bälle gelocht oder Snooker gespielt werden, ist es spannend und interessant. Aber wenn man nur hin- und herläuft und sich jede Position merken muss und nichts passiert, das ist halt anstrengend. Aber da muss man durch, die Zuschauer müssen da durch, die Spieler selber und wir eben auch.“

Hast du irgendwelche Tricks, die dir dabei helfen, die Konzentration zu heben, wenn du merkst, dass sie dir wegflutscht?
„Man ertappt sich manchmal dabei, dass man an irgendwas anderes denkt oder irgendwo hinschaut, wo man eigentlich nicht hingucken sollte. Ich glaube, das passiert jedem. Ich habe noch nicht gefunden, was mir wirklich hilft. Aber wenn ich merke, dass ich abschweife, spätestens dann ist die Aufmerksamkeit wieder da.“

Menschen machen Fehler

Hast du denn schon mal einen richtigen Patzer gebaut?
„Patzer passieren immer wieder, Menschen machen Fehler. Gestern z.B. ist mir die Schwarze mir aus der Hand gerutscht, quer über den Tisch auf den Boden. Man lacht, sagt „Entschuldigung“ und baut sie wieder auf. Es ist kein Schiedsrichter davor gefeit, einen Patzer zu machen. Man verzählt sich mal oder man hat nicht gesehen, dass der eine Spot frei ist. Dann korrigieren einen die Spieler selber. Das gehört dazu. Natürlich ist man besonders am Anfang aufgeregt, weil man immer bemüht ist, sein Bestes zu geben und keine Fehler zu machen. Aber man darf sich dabei nicht unter Druck setzen. Was ich gelernt habe, gerade bei diesen Ligaspielen: Die Ligaspieler sind alle dankbar, wenn sich jemand findet, der für sie diesen Job macht, weil die meisten diesen Job nicht mögen. Und wenn es dann jemanden gibt, der sich freiwillig zur Verfügung stellt, dann sind alle nur dankbar. Derjenige muss nicht perfekt sein. Es ist schon eine große Hilfe, wenn jemand die Punkte zählt und die Kugeln wieder aufbaut. Die meisten sagen auch, bei einem Snooker helfen wir beim Zurücklegen. Es geht darum, dass der andere Spieler sich hinsetzten kann.“

Was war bisher dein Highlight?
„Mein Highlight war, dass ich zwei PTC-Finale schiedsen durfte, die im Fernsehen übertragen wurden und zwar letztes Jahr in Fürth und in der letzten Saison in München. Wenn dir gesagt wird, dass du das Finale schiedsen darfst, ist das natürlich die Krönung eines Turnierwochenendes. Das ist ein großes Lob, das die Turnierleitung da ausspricht. Und ein weiteres Highlight war die Einladung zur Weltmeisterschaft, natürlich erstmal nur die ersten Runden. Aber wenn man nach Sheffield fahren darf, das ist einfach mal das Größte. Es ist das wichtigste Turnier des Jahres und es ist für die Spieler, aber auch für die Schiedsrichter die Krönung der Saison.“

Frauen im Snookersport

Auf meine Frage, ob sie Reanne Evans recht geben würde, die Snooker als „immer noch ein Jungs-Sport“ bezeichnet hat, antwortet Maike, dass es im spielerischen Bereich leider wirklich so ist, dass die Frauen nicht an die Leistungen der Herren herankommen. Reanne hatte vor einigen Jahren für die Main-Tour eine Wildcard bekommen. Und selbst sie, die mehrfache Weltmeisterin und zu der Zeit die Beste der Damen war, hat dort nicht ein einziges Match gewonnen.

„Vielleicht ist bei den Herren die Masse so groß oder aus irgendeinem Grund spielen sie besser wie wir. Dass wir mal eine Dame haben, die – wenigstens in den unteren Rängen – auf der Main-Tour mitmischen kann, daran ist auf lange Sicht nicht zu denken.“

Durch verschiedene Aktivitäten des Weltverbands wird zumindest über die Schiedsrichterinnen die Sichtbarkeit von Frauen im Snookersport erhöht. World Snooker reagiert damit auf den Wunsch des Publikums – besonders nach dem Ausscheiden von Michaela Tabb, die lange Zeit als Frau eine Monopolstellung hatte und mit ihrem Weggang eine große Lücke hinterlassen hat. Neben einer Verjüngung der Schiedsrichterebene wird deshalb ein vermehrter Einsatz von Frauen am Tisch angestrebt.

„Allerdings muss man die Damen für den Sport natürlich erst einmal gewinnen. Und da hat World Snooker 2010 mit den PTCs eine gute Möglichkeit gefunden, in den unterschiedlichen Ländern junge Leute zu rekrutieren und denen auf dem Wege die Möglichkeit zu geben, reinzuschnuppern. Es ist Nachwuchs da, die Frage ist nur, wie kommen die auf die nächste Stufe. Auf Amateurebene sind viele Damen unterwegs, die Europa- und Weltmeisterschaften schiedsen, nur leider Gottes ist der Unterschied zwischen dem Amateur- und dem Profibereich noch sehr groß. Das liegt auch daran, dass die Bereiche früher sehr eigenständig gearbeitet haben und erst kürzlich eine Kooperation eingegangen sind. Im letzten Jahr war der Jan [Verhaas] bei der Europameisterschaft und hat dort ein Assessement und ein Meeting mit allen zusammen gemacht und dabei festgestellt, dass die Unterschiede der einzelnen Länder und ihrer Standards sehr groß sind. Der Amateur- und der Weltverband haben sich jetzt abgesprochen, die Standards in den Ländern untereinander anzupassen. Dann ist die Schwelle nicht mehr so hoch.“

Wir haben es ja schon angesprochen: Man muss die Frauen sehen können. Wie hast du das denn damals im Verein wahrgenommen? Warst du da die einzige Frau auf weiter Flur?
„Im Prinzip ja, es gab noch eine andere, die ab und zu gespielt hat. Die hat aber auch nur zum Spaß gespielt, sie hatte keine wirklichen Ambitionen, damit weiterzukommen. Sie hat das als reinen Zeitvertreib angesehen und nicht wirklich trainiert.“

Herzblut gefragt

Hast du außer Arbeit und Snooker noch ein anderes Leben?
„Dadurch, dass mein Mann auch Snooker spielt und sehr aktiv ist, worüber wir uns logischerweise auch kennengelernt haben, sind das die zwei größten Parts in unserem Leben. Familie, Reisen und Fitness, das läuft alles rund um Snooker. Wenn man seinen gesamten Urlaub, also gut 20 Tage im Jahr, für Snooker-Events aufbringt, geht das nur mit Verständnis des Partners und man würde es nicht machen, wenn man nicht so mit Herzblut dabei wäre.“

Herzlichen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich wünsche dir auch in Zukunft viel Vergnügen bei deiner Arbeit am grünen Tisch.

Kessler im Hintergrund

Maike Kesseler mit Mark Selby und Michael Holt.


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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