Im grünen Bereich

Murphy mit Leidenschaft am Tisch
Nicht nur wir scheinen verrückt nach dem grünen Tisch zu sein ... © Monique Limbos

Nicht viele Menschen können unsere Leidenschaft für das Spiel mit den bunten Bällen nachvollziehen. Immer wieder prallen Welten von Fanatismus und Unverständnis aufeinander. Doch manchmal gelingt es uns, eine winzige Brücke zwischen diesen Welten zu schlagen. Wie M uns in diesem Gastartikel erzählt.

Im grünen Bereich

Meine Mutter versteht nichts von Snooker.
Mein Vater verstand auch nichts von Snooker. Allerdings nur, bis ich mit ihm kommentierte Zwangssitzungen einlegte und er schließlich, erfolgreich gehirngewaschen, die Fernbedienung aus der Hand legte, tatsächlich interessiert mit mir spätabendliche Sessions verfolgte und selbst auf Angebot nicht wegschalten wollte. Meine Mutter aber weiß nicht einmal, dass das Tuch bei einem Snookertisch grün ist und die Weltmeisterschaft nicht in einer verrauchten Bar mit Playboy-bekleisterten Wänden ausgetragen wird.

Ich telefonierte gerade mit ihr, als die letzte Session des Halbfinals Gilbert–Higgins lief. Das Telefonat war nicht nur töchterliche Selbstverständlichkeit, sondern auch ein bisschen Feigheitsablenkungshilfe von mir, da ich mich kaum traute, nach dem aktuellen Stand zu sehen. Beide Halbfinalisten waren mir lieb, und wirklich verlieren wollte ich keinen der beiden sehen, doch im Direktvergleich meines Herzens ging der ältere, rundere, kontroversere der beiden Spieler einfach vor.

Die einzig weise Lösung war ein nervenschonendes Liveguckverbot für die letzte Session, das ich auch brav und – dank anderer Pflichten – mit Absolutheit befolgte – nur, um mich dann beim Live-Score ausgerechnet dazuzuschalten, als Higgins drauf und dran war, zum 15–15 auszugleichen. Die nächsten Frames schaute ich nur rein, wenn ich sicher war, dass ausreichend Zeit für ein monumentales Break oder die Entscheidung im Frame verstrichen war. (Das Drama im 32. Frame und die Aussicht auf einen Decider ließen mich immer wieder bibbernd den Browsertab schließen.)

Meine Mutter und ich plauderten währenddessen, sehr fröhlich und erfolgreich, völlig themenfremd. Fast schon hätte ich vergessen, welches Drama sich jenseits meiner Heimelektronik abspielte. Fast. Denn dann machte sich mein Adrenalinspiegel bemerkbar und verlangte nach aktuellen Informationen. Was sagte meine innere Uhr? „Könnte schon gegessen sein.“ Lieber mal nachschauen und dann den Rest des Tages das Ergebnis verarbeiten.

Der furchtsame Blick auf die Live-Scores also … Dann wollen wir mal … tief einatmen … ein und aus … ein und aus … ein und aus… Oh Gott, ich trau mich nicht … Hör doch auf, du Feigling. Mach jetzt. Durch wie ein echter Kerl … Die Seite war geladen und es dauerte eine Sekunde, bis ich meiner Mutter mitten im Satz in bester Elvis-Fan-Teenager-der-50er-Jahre-Manier in den Hörer kreischte. Ich konnte ihren verdutzten Blick über hunderte Kilometer Entfernung sehen. Dann beging ich den Fehler: Ich versuchte, ihr den Schrei zu erklären.

Es folgten epische Ausführungen über schlaflose Kindheitsnächte bei Snooker auf Eurosport, meine damalige Entdeckung des Beschrienen, seinen Stellenwert in meiner Snookerwelt, seine Leistungsentwicklung der letzten Jahre, seine Darbietungen im Turnierverlauf bis dato, seinen ewigen Rückstand gegen seinen aktuellen katzenartigen Gegner sowie ein Überblick über Können und Wirken des David G.

Sie verstand wahrscheinlich nur Bahnhof. Ja, vielleicht sogar nur Bahnsteig. Aber sie hörte aufmerksam zu, weil sie meine Begeisterung spürte. Manchmal schob sie ein entschuldigendes „Ich versteh sowas ja nicht“ ein, wenn sie mir nicht die Reaktion entgegenbringen konnte, die, wie sie wohl meinte, meinen Erzählungen gebührte.

Um nicht als völlig wirklichkeitsfremd dazustehen, erwähnte ich also Twitter. Das verstand sie zwar noch weniger, aber immerhin konnte ich ihr von vielen erzählen, die meinen Wahn teilen. Von unserem Jubel, unseren Schmerzen, unseren fassungslosen Tiraden Richtung Bildschirm. Von den Skandalen, die unser Universum erschüttern (Stichwort „Shouldergate), und den heißen Diskussionen, die ihnen folgen. Sogar von der psychischen Komponente, die im Snooker ja nicht nur spiel- sondern auch spannungsprägend sein kann. Ich führte dies etwa am Beispiel Bingham–Dott aus. Dies kitzelte sogar eine interessiert-verblüffte – und berechtigte – Frage aus ihr heraus: „Wie kann man 8–1 führen, und plötzlich steht es 9–9? Wie geht das?“

Selbstverständlich musste ich dazu ergänzend auch noch die für Spieler und Zuschauer nicht selten nützliche Menschenkenntnis und Körpersprachenkompetenz erwähnen: Hat man sie, hilft das, Spiel und Spieler zu lesen, den Gegner zu beherrschen oder zu verunsichern, den Raum zu dominieren; hat man sie nicht, kann man sie hier üben oder erwerben und solange mit seinen Theorien jonglieren, bis man tatsächlich sieht, was man sieht. Sie wirkt auch sortierend: Man findet neue Lieblinge manchmal durch die lächerlichsten Kleinigkeiten und auch die lächerlichsten Kleinigkeiten können schnell negativ auffallen.

Um es ihr verständlicher zu machen, wurde ich sogar gewalttätig: Inbrünstig beschrieb ich, wie John Higgins an einem Punkt in der Woche frustriert auf den Tisch geschlagen hatte, als zum hundriolzigsten Mal nichts geklappt hatte. Schwer zu sagen, wer den größeren blauen Fleck davontrug: meine Faust oder mein Mobiliar. Aber schon ein Faustschlag, ein paar nachdrückliche Worte zur Verzweiflung, die dazu veranlasste, und eine Demonstration des unweigerlichen, entsetzten Schock-Japsens des Publikums ob der doch recht seltenen, fast schon David-Attenborough-Safaridoku-würdigen Aggressionssichtung, und doch, ja: sie klang bewegt. Ich bin sicher, sie klang bewegt. Wie auch nicht? Er liegt hinten, kämpft, strampelt, hangelt sich vom Klippenrand hängend mit zitternden Armen Richtung Plateau hinauf, schnappt verzweifelt nach Luft … und verhaut den Ball. Er spielt wie ein Blinder auf der Flucht im Hindernisparcours und wird von einem starken Gegner mit Ähnlichkeit zu einem nietenhalsbandtragenden, nach zweimonatiger Fastenzeit von der Leine gelassenen Bluthund gejagt … und verhaut den Ball!!! Ich meine, wie kann man nur so viel Pech haben, mit dem Tisch nicht viel besser zurechtkommen als mit einer Bande prügelnder Schuljungs und dann auch noch nicht mal mehr mit dem letzten Funken bemerkenswerten Talents das winzigste verdammte Minifitzel an Stoß zusammenbekommen!? Ja, hat der denn plötzlich ALLES VERLERNT!? Was geht hier eigentlich vor!? Und überhaupt: Wieso muss ich mir dieses Leiden in Grün eigentlich anschauen!?!? Kein Wunder, dass er durchdreht! Ich würde auch durchdrehen! Ja! Genau! Ich werde durchdrehen! Ich DREHE DURCH!! Die Faust muss wieder aufs Mobiliar!!!!!!!! VERDAMMT NOCHMAL!!!!!!!!

Schließlich kam ich zur Vernunft und resümierte, mein schmerzendes Handgelenk schüttelnd, entschuldigend: „Wir sind schlimmer als Fußballfans.“
Ich hörte sie grinsend nicken.
„Ja, wirklich.“

***

7. Mai 2019

Dies ist ein Gastartikel, der zuerst auf Twitter erschienen ist.

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Tanzt und performt im Nebenberuf, spielt Poi, schreibt sporadisch Geschichten (hat im letzten Jahr den Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, sucht dafür jetzt einen Verlag). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich häufig am Magic Mountain Berlin anzutreffen. Hasst Ronnie O'Sullivan nicht, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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