Gentleman Joe mit dem größten Sieg seiner Karriere

Joe Perry, Masters 2017
Joe Perry in seinem Erstrundenspiel gegen Stuart Bingham. © World Snooker

Da hatte Joe Perry sich im achten Frame schon die Glückwünsche für seinen Kumpel Barry Hawkins zurechtgelegt und dann nahm er sich selber die Gelegenheit, sie auszusprechen. Weniger mit Glanz und hohen Breaks als vielmehr mit atemberaubenden Drama gewann er das Halbfinale des Masters 2017. 

Ein Matchball, der keiner war

Beim Stand von 5-2 hatte Hawkins gerade den Matchball versenkt, als Perry wieder an den Tisch kam und den Snooker legte, den er brauchte, um ein erinnerungswürdiges Komm-Zurück zu starten. Und so bewahrheitete sich gestern Nacht mal wieder das Klischee, dass es erst vorüber ist, wenn Hände geschüttelt werden. Am Ende des Deciders zeigte Perry unter größtem Druck eine phantastische Braune. Dann war es an Hawkins, Perry zu gratulieren und vergessen war dessen häufiges Kopfschütteln über verschossene Bälle und vergeigte Safeties während des Spiels.

Auch das vielzitierte „never stop digging in“ bewies gestern seine Berechtigung. Joe Perry erreichte gestern nach 26 Profijahren sein erstes Finale eines Triple-Crown-Turniers, nachdem klare Siege über Stuart Bingham und Ding Junhui ihn ins Halbfinale brachten. Wem er dafür dankbar ist, zeigte er nach dem vorletzten Ball: Nachdem er Blau versenkt hatte, warf er seinem Vater auf der Tribüne eine Kusshand zu – als Dank für 40 Jahre Unterstützung.

Für Barry Hawkins war es natürlich eine Riesenenttäuschung. Ich kann es ehrlich gesagt auch nicht glauben, dass er sich diesen Sieg noch hat aus der Hand nehmen lassen. Allerdings habe ich noch seinen schwachen Finalauftritt beim letztjährigen Masters in Erinnerung. Und darauf habe ich sowieso nicht so große Lust gehabt.

„Mann in Form“ Fu unterliegt aufsteigender Rakekte

Die Finalpaarung wäre ja wieder dieselbe gewesen wie 2016, denn im anderen Halbfinale setzte sich der Titelverteidiger durch. Hier gab es weniger Drama, dafür spielten Marco Fu und Ronald O’Sullivan ein durchgehend hochklassiges Spiel mit drei Centuries, darunter das bisher höchste Break des Turniers – eine 141 von Fu, der damit seine eigene 140 aus dem Viertelfinale überbot. Der Mann aus Honkong war mit furiosen Auftritten gegen Judd Trump und Mark Allen ins Halbfinale gekommen und schloss mit dem ersten Frame nahtlos an die guten Leistungen an.

Aus meiner Sicht war der Knackpunkt schon der zweite Frame, den O’Sullivan nach einem Miss von Fu von hinten gewann. Andere behaupten, dass O’Sullivans fragwürdige Bitte um Vorverlegung der Pause, um seine Pomeranze erneuern zu lassen, seine Gewinnstrategie war. Denn danach steigerte er sich zusehends und auch wenn Fu noch 4-3 in Führung ging, blieb ihm am Ende nur noch die Rolle des Zuschauers.

Screenshot Schusszeit

Wer verdient den Titel?

Trophäe

Der Kristall-Triangel.

Die Trophäe, um die heute Abend gekämpft wird, heißt seit diesem Jahr Paul-Hunter-Trophy. Auch wenn manche Leute meinen, es wäre Ronalds viertes Finale der Saison und nun hätte er mal einen Titel verdient. Mit eher krampfigem Turnierauftakt gegen Liang Wenbo und einem unverschämt glücklichen Sieg gegen Neil Robertson hatte er sich nicht gerade mit Leistung ins Halbfinale gespielt. Sein gutes Spiel dort hat er durch seine Kommentare und die unfaire Kritik am Schiedsrichter gleich wieder getrübt.

Aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass in Erinnerung an die unvergesslichen Final-Comebacks des Namensgebers dieses Glasding in diesem Jahr Joe Perry gebührt.

Oder geben wir den Titel einfach demjenigen, der das Finale gewinnt?

Schriftprobe Perry

Diese Schriftprobe zeigt der geübten Analytikerin, wer heute gewinnen wird.


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren depressiven Snookerroman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher