Favoritenschaulaufen und Nervenschlachten im Viertelfinale der UK Championship

Viertelfinale der UK Championship: Jack Lisowski steht am Tisch, kreidet sein Queue und plant seine nächste Safety. Zhou steht daneben an seinem Platz und schaut gespannt auf den Tisch.
Jack Lisowski und Zhou Yuelong im Viertelfinale der UK Championship 2020. © World Snooker/Tai Chengzhe

Nach starken Leistungen läuft alles auf ein Finale zwischen Judd Trump und Neil Robertson hinaus. Wir schauen auf das Viertelfinale der UK Championship zurück und stellen fest, auch Zhou Yuelong und Lu Ning sollten nicht unterschätzt werden.

Favoritenduelle und Überraschungen im Viertelfinale

Im Viertelfinale der UK Championship gab es zwei Begegnungen, die man als moderne Klassiker bezeichnen könnte und die man sich ohne Weiteres auch als Finale vorstellen könnte: Mark Selby gegen Neil Robertson und Judd Trump gegen Kyren Wilson. Die anderen beiden Viertelfinalduelle sind eher kleinere Überraschungen. Die topgesetzten Ding Junhui, Mark Allen, John Higgins, Ronnie O’Sullivan, Stephen Maguire und Shaun Murphy verpassten allesamt den Einzug ins Viertelfinale bei der UK Championship. Jack Lisowski und Joe Perry, wenngleich beide bislang noch nicht in guter Form in der Saison, sind allerdings keine Namen, die groß überraschen können. Auch Zhou Yuelong haben wir kommen sehen. Die einzige wirkliche Überraschung ist Lu Ning.

Mit Selby, Robertson, Trump und Wilson treffen die vier Topspieler der bisherigen Saison in je zwei Viertelfinalpartien aufeinander. Zurecht waren alle Augen darauf gerichtet. Wir wollen auf diese Partien kurz zurückblicken, aber einen besonderen Fokus auf die Matches auf Tisch 2 legen. In diesen wurde nicht nur auf einem Platz im Halbfinale gekämpft, sondern auch mitentschieden, wer in der neuen Weltrangliste in den Top 16 ist und damit die Chance bekommt, im Januar am Masters teilzunehmen.

Robertson lässt Selby keine Chance

Nach Selbys deutlichem Sieg im Viertelfinale bei den Weltmeisterschaften, waren Selby und Robertson schon zweimal in Halbfinals in dieser Saison aufeinander getroffen. Beide konnte Robertson in knappen und hochklassigen Matches mit 6–5 für sich entscheiden. Selby war natürlich auf Revanche aus, aber Robertson hatte anderes im Sinn.

In den ersten Frames des Matches war Robertson Selby in allen Dingen überlegen: Durch gute Safeties ließ er Selby nie eine Chance auf einen Pot und – eigentlich eher selby-like – nutzte er einige Shots to Nothing, um seinen Gegner durch Snooker unter Druck zu setzen. In den ersten beiden Frames lochte Selby keinen Ball. Dafür war er fast immer gesnookert, wenn er an den Tisch kam. Selbstverständlich war dadurch seine durchschnittliche Stoßzeit astronomisch. Bekam Robertson dann endlich seine Chance, spielte er daraus ein frameentscheidendes Break: eine 75, eine 122 und eine 63 brachten ihm eine hochverdiente 3–0 Führung.

Aber Mark Selby wäre nicht Mark Selby, wenn kein Comeback in der Luft läge. Er holte sich den Frame vor der Pause und startete auch nach der Pause wieder gut, bis es plötzlich nur noch 3–2 stand. Doch im Folgenden konnte er seine Chancen nicht mehr nutzen, ihm gelangen Stellungsspiel und Splits nicht und Robertsons Safespiel und Scoring blieben gut wie zuvor. Er gewann dann drei Frames in Folge, den letzten standesgemäß mit einer 130, zum in der Höhe verdienten 6–2 Endstand.

Zhou Yuelong verteidigt seinen Vorsprung gegen Jack Lisowski

Im anderen Viertelfinale der oberen Hälfte trafen Jack Lisowski und Zhou Yuelong aufeinander. Sie sind Nummer 16 bzw. 24 der aktuellen Weltrangliste und können sich beide noch Hoffnung machen, am Montag in der neuen Weltrangliste Teil der Top 16 zu sein. Dies würde auch eine Teilnahme am Masters bedeuten.

Zhou Yuelong konnte in der Runde zuvor seinen ersten Sieg über John Higgins feiern. Dabei zeigte er ein gutes Spiel, machte vor der Pause kaum einen Fehler und konnte so 4–0 in Führung gehen. Das Niveau konnte er zwar nach der Pause nicht ganz halten, aber er behielt die Ruhe und spielte das Match nach Hause. Auch einer von Higgins‘ berühmten Steals in Frame 5 ließ ihn nicht aus der Ruhe kommen. Jack Lisowski hatte sich im Achtelfinale gegen Xiao Guodong durchgesetzt. Auch Xiao stahl einen Frame, nachdem er schon drei Snooker benötigte, noch auf eine Respotted Black. Doch Jack blieb cool und gewann die nächsten beiden Frames und später auch das Match. Insgesamt war Lisowskis Spiel geprägt von einigen starken Longpots, allerdings auch einigen unerwarteten Fehlern.

Zhou Yuelong in der Stoßvorbereitung.

Zhou Yuelong bei der Qualifikation zu den Weltmeisterschaften 2015. Foto © Monique Limbos

Im Viertelfinale erwischte Jack Lisowski den besseren Start. Zhou Yuelong hatte zwar die erste Chance im Match, doch früh im Break lochte er versehentlich den Spielball. Lisowski lochte einen langen Einsteiger und spielte ein entscheidendes 60er Break. In den folgenden Frames machten beide einige Fehler, aber Zhou konnte mehr Punkte aus den daraus resultierenden Chancen mitnehmen. Der dritte Frame war sehr umkämpft. Zhou gewann ihn am Ende auf Pink. Im letzten Frame vor der Pause spielte Zhou wieder so stark wie in den Runden zuvor: Zu Beginn stieg er mit einem langen Einsteiger ein und spielte aus der Chance eine 99. Das bedeutete eine 3–1 Führung zur Pause.

Eine schüchterne Weiße versteckt sich immer wieder hinter Grün

Nach der Pause bekam Zhou die erste Chance, nachdem Lisowski einen langen Ball verschoss. Nach 42 Punkten verstellte er sich allerdings und musste mit einer Safety aussteigen. Lisowski spielte eine starke Safety und legte einen Snooker hinter Grün. Doch Zhou spielt eine fantastische Escape und revanchierte sich dabei mit einem Snooker hinter Grün. Lisowski entkam dem Snooker, servierte Zhou aber die entscheidende Chance. Die nächsten beiden Frames teilten sie sich: Den sechsten gewann Lisowski aus zwei Chancen, den siebten holte sich Zhou ebenfalls in zwei Aufnahmen. Damit stand es 5–2 und Lisowski mit dem Rücken zur Wand.

Bis hierhin war das Spiel zwar nicht fehlerfrei, aber zügig und flüssig gewesen. Doch dann schien die Nervosität auf beiden Seiten zu steigen. Im achten Frame ging Lisowski in Führung, maßgeblich durch einen Snooker aus einem Snooker heraus. Zhou brauchte 6 Versuche, um ihm zu entkommen. Allerdings war Zhou derjenige, der dann ins Break kam. Sein versuchter Steal endete, als er Schwarz vom Spot verschoss, um auf Gelb zu stellen. Lisowski sicherte damit den Frame und startete ein mögliches Comeback. Auch im nächsten Frame hatte Lisowski zuerst die Chance, musste aber schon nach 22 Punkten im Break mit einer Safety aussteigen. Er gewann jedoch das folgende Safeduell, konnte aber aus einem erneuten Snooker hinter Grün kein Kapital schlagen. Ein weiterer Snooker, diesmal hinter Blau, brachte ihm dann aber 8 Foulpunkte und einen Freeball. Und damit auch eine gute Chance. Ein Break von 55 Punkten brachte ihn auf 5–4 heran.

Sieg nach kurzem Schreckmoment

In der 3. Runde in seinem Match gegen Chang Bingyu hatte Zhou Yuelong Nervenstärke gezeigt. Nachdem Chang fünf Frames in Folge gewonnen hatte, hatte Zhou nahezu perfektes Snooker gespielt, um sich den Sieg noch zu sichern. Ähnlich startete er auch in den zehnten Frame. Durch einen guten Longpot und eine gute Safety nach einem Stellungsfehler erarbeitete er sich eine sehr gute Chance, Frame und Match zu sichern. Doch nach 34 Punkten verschoss er völlig überraschend aus guter Position Blau vom Spot auf die Mitteltasche, was er mit einem Kopfschütteln quittierte.

Lisowski konnte ihn für diesen Fehler jedoch nicht bestrafen, nach wenigen Punkten verstellte er sich. Ein Snooker brachte ihm zwar direkt eine erneute Chance, doch abermals musste er nach wenigen Punkten das Break beenden. Wie schon so oft in diesem Match wurde der Spielball dicht hinter Grün abgelegt. Der erneute Versuch, einen Snooker hinter Grün zu legen scheiterte. Eine Rote blieb nicht abgedeckt und Zhou konnte sie auf die Mitte lochen. Doch auch er verstellte sich. Bei 32 Punkten Vorsprung und noch zwei verbleibenden Roten auf dem Tisch entschied Zhou sich gegen den Versuch, eine schwierige Pinke zu lochen. Stattdessen legte er Braun an die Bande und snookerte Lisowski gleichzeitig auf beide verbleibenden Roten. Eine der Roten war noch dünn anzuspielen. Lisowski spielte sie allerdings zu dünn. Der Spielball lief dadurch von der Fußbande wieder weit in den Tisch zurück. Zhou lochte die verbleibenden Roten mit Farben. Das reichte für einen 6–4 Sieg im Viertelfinale der UK Championship. Erstmals gelingt ihm der Einzug in ein Halbfinale bei der Triple Crown.

Judd Trump zaubert, dann wird das Viertelfinale kurios

Es war schon das achte Zusammentreffen von Judd Trump und Kyren Wilson in diesem Kalenderjahr (die alte Championship League nicht mitgezählt). Bisher hatten sie sich mit den Siegen immer fair abgewechselt. Trump gewann beim Masters, im Finale der Gibraltar Open, beim European Masters im September und bei den English Open. Wilson hatte beim World Grand Prix, bei der Weltmeisterschaft und im Finale der Championship League dieser Saison die Nase vorne. Im Viertelfinale der UK Championship wäre folgerichtig wieder Kyren Wilson an der Reihe gewesen.

Trump hatte aber offensichtlich einen anderen Plan. Er legte mit vielen starken Pots los, kämpfte im ersten Frame noch verbissen um das Century, obwohl er am Ende einen Rettungsball nach dem anderen spielte. Allerdings missglückte das am Ende. Das Century holte er dann im zweiten Frame nach. Nach einem langen Einsteiger hatte er Glück, dass er Stellung auf Pink auf die Mitteltasche hatte. Doch er wusste Kapital aus diesem Glück zu schlagen. Im dritten Frame ging es so weiter, er legte direkt ein weiteres Century nach. Doch dann hatte Lady Fortuna ein Einsehen mit Kyren Wilson. Im vierten Frame brachte ihm ein spektakulärer Fluke die entscheidende Chance. Nachdem er den langen Einsteiger weit verschossen hatte, war Wilson bereits resigniert zu seinem Stuhl zurück gekehrt.

Ein Match mit zwei Hälften

Nach der Pause machte der Warrior seinem Namen alle Ehre. Im fünften Frame schien plötzlich aller Spielfluss verschwunden und die Bälle machten nur noch, was sie wollten. Wilson behielt die Nerven und gewann diesen Frame. Danach gewann er auch den nächsten aus einer Chance heraus zum 3–3 Ausgleich.

Der Matchverlauf war durchaus kurios. Glück hatte auf beiden Seiten eine große Rolle gespielt und Judd Trump sah eigentlich wie der deutlich überlegene Spieler aus. Dennoch war der Spielstand – sicherlich auch nicht unverdient für Wilson – ausgeglichen. Die nächsten beiden Frames teilten sie sich: Trump gewann den umkämpften, Wilson gewann seinen aus einer Chance heraus. Im neunten Frame hatte Wilson die erste Chance, doch verschoss eine leichte Blaue. Dann spielte Trump seine Klasse aus und gewann diesen Frame mit einer 71 und den folgenden mit zwei Breaks von 63 und 55. Obwohl er nicht an der Reihe war, setzte sich Judd Trump mit 6–4 gegen Kyren Wilson durch.

Lu Ning gelingt die größte Überraschung im Viertelfinale der UK Championship

Für Joe Perry ging es in diesem Match um die Teilnahme beim Masters. Mit einem Sieg hätte er das halbe Ticket zum Masters in der Tasche gehabt, bei einer Niederlage würde er jedoch außerhalb der Top 16 bleiben. Nach seinem Achtelfinalsieg über Jamie Jones gefragt, sagte Perry, dass er sicherlich im Viertelfinale auf dem Papier der Favorit sei, aber das nach den bisherigen Leistungen im Turnier vielleicht nicht so eindeutig sei, wie viele annehmen.

Tatsächlich war das Erreichen des Viertelfinals kein Glücksakt für Lu Ning. Zwar musste er gegen keinen der ganz großen Namen antreten, bei seinen Siegen gegen Ken Doherty, Matthew Selt, Elliot Slessor und Pang Junxu spielte er jedoch auf einem hohen Niveau und setzte sich souverän durch. Bei seinem Whitewash über Selt gelang ihm sogar die Performance der diesjährigen UK Championship.

Nervösität auf beiden Seiten zu Beginn

Man konnte vor dem Match erwarten, dass Lu Ning nervös sein würde und Joe Perry seine Erfahrung für sich nutzen könnte. Doch zu Beginn des Matches bewahrheitete sich das nicht. Der erste Frame war stark umkämpft und dauerte etwa so lange wie die ersten drei Frames auf dem anderen Tisch. Lange stand es 43–43 mit 43 Punkten noch auf dem Tisch. Am Ende gewann Perry das lange Safeduell auf Grün. Er lochte Grün, ließ für eine Stellung auf Braun den Spielball um den ganzen Tisch laufen, nur damit der in dieselbe Mitteltasche verschwand. Lu Ning lochte Braun, Blau und Pink und ging so zunächst in Führung.

Auch in den folgenden Frames riss keiner der beiden Bäume aus. Es blieb eine nervöse Partie. Zweimal nutze Lu Perrys Fehler für sich, einmal war es Perry, der nach einem Safefehler von Lu eine 76 spielte und den Frame gewann. Lu Ning wirkte wie der gefasstere von zwei verunsicherten Spielern und ging somit verdient mit einer 3–1-Führung in die Pause. nach der Pause wendete sich das Blatt. Lu Ning machte weiter Fehler, Joe Perry konnte diese nun besser für sich nutzen und spielte in den folgenden drei Frames zwei 60er Breaks und ging somit zunächst in Führung.

Ein Ausflüg nach „Shredsville“

SnookerPRO ist bekanntermaßen immer ganz weit vorne dabei bei guten Predictions. Hier sollte Lula aber komplett daneben liegen. Im achten Frame gelang keinem der beiden Spieler mehr irgendwas: Auf der Insel wird das gerne als Ausflug nach „Shredsville“ bezeichnet. Perry verschoss ständig lange Einsteiger und servierte Lu Chancen auf dem Silbertablett, der verstellte sich jedoch immer sofort im Break und nutzte jede Gelegenheit, den Spielball in einer Tasche verschwinden zu lassen. Immerhin erzielte er zwischendurch ein paar Punkte, die dann auch für den Framegewinn und Ausgleich zum 4–4 reichten.

Im neunten Frame legte zunächst Perry vor, doch verschoss er den Frameball. Lu Ning zeigte dann Nervenstärke. Er lochte eine schwierige Rote entlang der Bande und komplettierte die Clearance zum erfolgreichen Steal. Dies schien ihm wieder mehr Selbstvertrauen zu geben, den anschließenden Frame konnte er dann wieder aus einer Chance heraus gewinnen. Mit einem 6–4 Sieg über Joe Perry machte Lu Ning die Überraschung bei der UK Championship perfekt: Wie Zhou Yuelong zog er in sein erstes Triple-Crown-Halbfinale ein.

Nach dem Viertelfinale ist vor dem Halbfinale

Die beiden Halbfinals lauten folglich: Neil Robertson gegen Zhou Yuelong (14 Uhr MEZ) und Judd Trump gegen Lu Ning (20 Uhr MEZ). Robertson und Trump gehen ohne Frage als glasklare Favoriten in diese Matches. Doch Zhou Yuelong und Lu Ning sollte man nicht abschreiben. Nach guten Leistungen in den Runden zuvor haben sie im Viertelfinale der UK Championship Kämpferqualitäten unter Beweis gestellt. Zhou Yuelong dürfte noch schlechte Erinnerung an den Whitewash durch Neil Robertson im Finale des European Masters haben, im Interview sagte er jedoch, dass er glaube, gewinnen zu können.

Damit bedanke ich mich bei allen, die in diesem langen Artikel bis zum Schluss dabeigeblieben sind. Ihr dürft euch dafür aus virtuellem Lebkuchen, Spekulatius und Dominosteinen euren liebsten Adventssamstagssnack aussuchen. Uns allen wünsche ich: Happy Halbfinale!

AutorIn: Målin

Målin mag Zahlen und Tabellen. Wenn sie gerade kein Snooker guckt, wirft sie wahrscheinlich einen Blick auf die Provisional Rankings. Ist durch Langeweile zum Snooker gekommen und weil sie schon in jungem Alter einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer hatte. Neben Artikeln kümmert sich Målin bei SnookerPRO um die Spieler*innenprofile. Twitter: @esel_freund

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