Champion der (Vize-)Champions?

Hull, Robin Riga Open 2015
Robin Hull at the Riga Open 2015 © Monique Limbos

Eigentlich würden wir ja jetzt Snooker gucken. Zum Beispiel das Ladies Paul Hunter Classics oder die Amateurrunden des Paul Hunter Classics in Nürnberg beziehungsweise Fürth. Auch wenn es nur von den Ladies Live-Bilder gibt. Wir würden sogar den Live-Scores folgen, die es beim PHC aber während der Amateurrunden gar nicht gibt. Egal.

Stattdessen müssen wir uns aufregen. Über etwas, das wir nicht verstehen. Und ungerecht finden. Und überflüssig. Meine Twitter-Timeline brennt lichterloh und ich kann nicht anders, als mich voll ins Feuer zu werfen.

Was ist passiert?

Mein Lieblingsturnier, das Champion of Champions, vereint immer 16 Turniersieger der laufenden Saison. Da haben sich bisher durch UK-Championship, Masters, Weltmeisterschaft, World Open, Indian Open, Championship League, German Masters, Welsh Open, Players Championship, China Opern, Gibraltar Open, World Grand Prix und natürlich das letztjährige Champion of Champions folgende Spieler beworben: Neil Robertson, Mark Selby, Ronnie O’Sullivan, Mark Allen, Judd Trump, Shaun Murphy, Anthony McGill, Martin Gould, Marco Fu und Ding Junhui.

Aber halt! Ding Junhui? Was hat Ding Junhui in dieser Saison gewonnen? Genau. Keinen Titel. Er ist auf der Liste als „World Championship Runner-Up (May 2016)“ geführt und noch vor dem Gibraltar Open-Gewinner Marco Fu einsortiert.

Es wird knapp für Robin Hull und Mark Davis

Tschüß, Dark Mavis?

Tschüß, Dark Mavis?

Im Klartext heißt das Folgendes: Es gibt noch fünf Plätze bei sechs verbleibenden Turnieren. Und es gibt mit dem Shoot-Out-Gewinner (Robin Hull) und dem Senioren-Weltmeister (Mark Davis) zwei Champions, die noch nicht berücksichtigt sind. Aus Mangel an Prestige rangieren ihre Titel am letzten Ende der Liste und sie rücken nur ins Feld, wenn die letzten Turniere von Spielern gewonnen werden, die schon einen Platz sicher haben. Aber wer will denn auch einen Hull oder Davis sehen, wenn ein Ding geboten wird? Hier wird eine klare Regelung einfach abgeändert, um bestimmte Interessen zu bedienen*. Natürlich gibt es eine Menge Leute, die gerne einen Ding Junhui spielen sehen – ich gehöre selber dazu. Aber ihn durch die Hintertür ins Turnier zu schieben ist keine besonders gute und faire Idee.

Ärgernis „nachträgliche Änderungen“

Es ist nicht die erste nachträgliche Änderung in dieser Saison. Die European Open wurden nicht nur in European Championship Masters umbenannt und von Cluj nach Bucharest verlegt, sondern es wurden aus 128 Spielern vor Ort aus Platzgründen 32 gemacht, indem zwei Qualifikationsrunden in England vorgeschaltet wurden. Wer weiß, wie lange man sich im Voraus um preisgünstige Flüge kümmern muss, kann sich vorstellen, dass der ein oder andere Spieler jetzt auf einem unbrauchbaren Ticket sitzt. Ganz zu schweigen von denen, die jetzt zusätzlich nach England reisen müssen, obwohl sie eigentlich nur in Rumänien antreten wollten.

Ja, wir wissen: Alle sind Barry Hearn ganz furchtbar dankbar für seine Errungenschaften. Viele neue Turniere wurden aus dem Boden gestampft, der neue (chinesische) Markt in höchsten Tönen besungen, die Preisgelder (für die Top-Leute) steigen von Jahr zu Jahr. Ja, darüber freuen wir uns ganz ungemein. Aber immer nur, wenn wir verdrängen können, dass mit einseitiger Sponsorenwahl, ständiger Distanzenverkürzung, schwer schlagseitiger Preisgeldverteilung, Ungleichbehandlung der Spieler, diktatorischem Gebaren nach Außen und ähnlichen Ärgernissen dem Sport, den Aktiven und den Zuschauenden immer wieder Schaden zugefügt wird. Wir fragen uns, wie lange das noch funktioniert.

*Über die bestimmten Interessen gibt es einhellige Meinungen:

Diesen Artikel gibt es auch auf Englisch.


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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