Champion of Champions: Armdrücken der Dinosaurier

Higgins, O'Sullivan CoC 2016
John Higgins und Ronald O'Sullivan mal wieder in einem großen Finale. © Champion of Champions

Vintage-Traumfinale: Das war die gängigste Bezeichnung für das diesjährige Finale des Champion of Champions zwischen John Higgins (41) und Ronald O’Sullivan (40). Niemand wollte sich im Vorfeld so wirklich auf einen möglichen Sieger festlegen. Nicht einmal das neue Vorhersagedingens von Cuetracker: Auch das sah nur ein marginales Plus von 1,32% für den Schotten und behielt recht: Mit 10-7 gewann Higgins und nahm Pott und Scheck über £ 100 000 in Empfang.

Eine ausgeglichene erste Hälfte

Die Nachmittagssession bot ein perfekt dazu passendes Bild. Im Wechselschritt erspielten sich die beiden vom 2-2 über ein 4-4 eine 5-4-Führung für den zweimaligen Titelgewinner O’Sullivan, ohne das einer von beiden sich besonders hervorhob. In den Frames vor der Pause reichte jeweils ein einziger Fehler des Gegners, um die Chance in einen Framegewinn umzumünzen. Danach stieg bei beiden die Zahl der verschossenen Bälle ein wenig an, besonders Schwarz vom Punkt erwies sich als unwillig zu fallen und die Frames wurden etwas zerfahrener. Besonders Higgins schien zum Sessionende an Spritzigkeit und Konzentration zu verlieren. Doch der knappe Vorsprung von O’Sullivan kann auf keinen Fall als Vorentscheidung gesehen werde.

Ich habe den Eindruck, dass wir von der letzten Woche in Coventry und besonders dem gestrigen Halbfinale ganz schön verwönt sind. Wie ist es sonst zu erklären, dass bei einem solchen Spiel der Eindruck entsteht, es sei bei beiden noch Luft nach oben? Klar, sie haben den ein oder anderen Ball verschossen, aber übrig bleiben trotzdem acht (!) 60+ Breaks in neun Frames. Dass hier nicht die Centuries rasseln bedeutet vielleicht nur, dass sie es sich gegenseitig richtig schwer machen.

Abend mit Wizard-Endspurt

Der Abend ging so weiter wie der Nachmittag aufgehört hatte: Im Wechselschritt reihten die beiden 60+ Breaks aneinander. Insgesamt spielten sie heute 15 (plus eine 58) davon, in 17 Frames. In Frame 14 machte O’Sullivan dann das erste Century des Tages, das 835. seiner Karriere. Doch ab da gelang ihm nicht mehr viel. Im 16. Frame verfehlte er eine Grüne, die der erste Nagel zum Sarg war, in dem er seine Titelhoffnungen begraben konnte. Im letzten Frame waren es zwei bescheidene Safeties von O’Sullivan, die den Sieg für Higgins besiegelten.

Nachwuchsprobleme oder Vorsprung durch Erfahrung?

Eine Bemerkung von Stephen Hendry machte mich heute Nachmittag nachdenklich. Er sagte, es gäbe keine (oder nicht viele?! sorry, aber der Kerl spricht Schottisch) jungen Spieler, die das Potential hätten, mit diesen beiden mitzuhalten. Vielleicht habe ich ihn ja nicht ganz richtig verstanden, aber mir fährt diese Formulierung aus zwei Gründen rauf und runter. Erstens ist sie mir zu pauschal und zweitens ist sie falsch. Wenn er sagen würde: „In dieser Woche hat keiner der jungen Spieler mit diesen beiden mithalten können“ – gebongt. Aber generell den anderen das Potential abzusprechen missachtet die Tatsache, dass zum Beispiel im WM-Finale zwei Spieler aus der „nächsten“ Generation standen. (Ok, Higgins wurde von seinem Vintage-Kumpel McManus aus dem Turnier gekegelt, vielleicht hätten Selby oder Ding das nicht geschafft. Aber wir wollen nicht spekulieren.) Wir wissen ja, wie wichtig zum Beispiel das Format eines Turniers für den Erfolg bestimmter Spieler sein kann. Und manche sind auf diesen Mittelstrecken wie beim Champion of Champions eben besser, aber das ist keine generelle Frage von Potential.

Ich würde es folgendermaßen formulieren: „Es ist toll, dass sich in einem so hochklassigen Turnier zwei Spieler durchsetzen können, die schon seit über zwanzig Jahren Profis sind.“ Die Welt des Snooker hat sich in der letzten Zeit extrem gewandelt und sicher hat der Sport auch ein Nachwuchsproblem, indem lange nicht mehr so viele Spitzenspieler nachrücken wie vor 25 Jahren. Aber in Zeiten, wo Menschen über 40 schon als Senioren gelten, ist es positiv zu vermerken, dass Spieler in diesem Alter nicht nur mithalten, sondern Titel gewinnen können. Weil nicht nur Fähigkeiten und Fleiß zählen, sondern auch Erfahrung. Und das Schöne am Snooker ist für mich persönlich immer noch die Mischung: aus den vielen verschiedenen Anforderungen, Stilen und Fähigkeiten.


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren depressiven Snookerroman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

3 Gedanken zu „Champion of Champions: Armdrücken der Dinosaurier

  1. Birgit

    Manchmal bin ich froh, dass ich nicht so viel Insiderwissen habe und genieße einfach, was mir aktuell geboten wird. Und diese Woche gab es ja reichlich zu genießen. Deine Berichte waren eine schöne „Zugabe“ und haben nicht unwesentlich zu meiner Super snooker-Woche beigetragen. DANKE

  2. Tapioka

    Ich glaube, Hendry meinte mit der Bemerkung so Typen wie sich selbst oder den jungen Ronnie damals. Solche maximal 18-Jährigen, die auf einmal auftauchen und die Konkurrenz in Grund und Boden spielen, bis jene Konkurrenz eben aufgeholt hat.

    Damit hat er schon ein bisschen recht. Es gibt immer mal wieder Spieler, die mir auffallen (McGill z.B. als er Selby vor zwei Jahren aus der Weltmeisterschaft warf). Aber so einen richtig überragenden und jungen Spieler könnte ich jetzt nicht nennen. Trump ist wohl noch einer der Besten, aber eben auch nicht mehr so richtig jung.

    Als Hendry kam, hatte Steve Davis auf einmal Angst um seine Position als Snookergott. Dann kamen Ronnie und Higgins ungefähr gleichzeitig und Hendry hatte plötzlich richtige Konkurrenz. Seitdem gab es dann Selby, Robertson, Trump, Ding… Eine ganze Reihe herausragender Spieler, die aber den Snookerolymp irgendwie (noch?) nicht ganz erreicht haben. Würde man Snookerfans mit genug Fachwissen heute fragen, wer der beste Spieler ist/war, würden Hendry/O’Sullivan/Davis und solche Namen häufig fallen. Robertson oder Trump aber z.B. eher selten, trotz zweifellos toller Fähigkeiten. Alles natürlich meine Meinung :).

    Und Hendrys Englisch finde ich noch ganz in Ordnung, besonders dann, wenn er sich beim Kommentieren Mühe gibt. Bei Higgins z.B. streichen meine Ohren manchmal die Segel und geben auf ;).

  3. Lula Witzescher Artikelautor

    Sorry für das verspätete Freischalten, habe deinen Kommentar jetzt erst gesehen!
    Gebe dir vollkommen recht. Snooker hat ein Nachwuchsproblem.

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