Brecel, Wilson, Gould und Dott im Halbfinale

Viertelfinale
Die letzte Session mit mehreren Tischen - Viertelfinale 2016. © Lula Witzescher

In drei Decidern und einem 5-1 wurden gestern bis kurz nach Mitternacht die Halbfinalteilnehmer des German Masters 2016 ermittelt. Am Nachmittag gab es aber erst noch vier Achtelfinalpartien. Unser Gastautor Dirk Thomas hat für uns den ganzen Tag zusammengefasst.

Im Achtelfinale muss auch der Weltmeister die Segel streichen

Die letzten vier Achtelfinals wurden am Freitag in der Mittag-Session ausgespielt. Am TV-Tisch startete der amtierende Weltmeister Stuard Bingham gleich mit einem Halfcentury-Break, unterstützt durch die fehlende Präzision im Lochspiel seines Gegners Ryan Day. Erst in Frame 3 konnte dieser von einem Stellungsfehler Binghams profitieren. Zwar holte der Brite noch die benötigten Foulpunkte, doch Day rettete schließlich das Unentschieden in die Pause. Auch wenn Bingham deutlich verbessert wieder zurück kommt bleibt der Waliser Day mit konsequenter, wenn auch nicht gerade spektakulär anzusehenden Eichhörnchentaktik am Engländer dran. Und plötzlich zaubert Ryan Day zwei 60er Breaks aus dem Nirgendwo und schickt die Nr. 2 der Weltrangliste nach Hause.

An Tisch 2 und 3 sieht man nahezu identische Begegnungen: Sowohl Luca Brecel gegen Kurt Maflin als auch Mark Joyce gegen Mark King spielen flotte Matches und wechseln sich mit hohen Breaks ab. Auch sie gehen mit 2:2 in die Pause. Danach machten sie weiter, wo sie aufgehört hatten, Joyce sogar mit einem Century-Break. Er ließ Mark King gar nicht mehr ins Spiel kommen und fegte mit einem weiteren Century in sein erstes Viertelfinale seit langer Zeit. Brecel sicherte sich nach einem zwischenzeitlichen 3:3 die beiden letzten Frames.

Michael Holt und Kyren Wilson kämpfen derweil mit unsauberen Ballkontakten und eigenen Konzentrations-Problemen. Erst nach der Pause fanden beide zu etwas mehr Form und spielten Breaks über 50. Die jeweiligen Comeback-Versuche blieben erfolglos .So kam es dann zum Entscheidungs-Frame, in dem Wilson – irgendwo zwischen Mut und Wahnsinn – eine entfernt liegende Kombination anging, diese lochte und damit den Platz fürs Viertelfinale buchte.

Knapp 2000 Fans bei den Viertelfinal-Partien live dabei

Am Abend standen dann die Viertelfinal-Partien an. Alle Akteure brauchten ein wenig, um in den ersten Frame ihrer jeweiligen Partie hineinzukommen, vielleicht waren sie aber auch einfach nur beeindruckt von der prickelnden Atmosphäre im Tempodrom. Nur einer zeigte sich völlig unbeeindruckt: am TV-Tisch zündete Martin Gould sofort das erwartete Offensiv-Feuerwerk mit einem 100er Break. In Frame 2 glich Judd Trump mit 3 Breaks aus. Da beide Spieler ein schnelles, flüssiges Lochspiel lieben blieben Fehlschüsse nicht aus. Zwei davon nutzte Trump, um auf 2:1 davonzuziehen. Doch Gould glich direkt im Anschluss mit einem 80er Break zum 2:2 Pausenstand aus. Den besseren Neustart hatte dann Trump und legte mit einer 73 wieder vor. Diesmal konnte Gould erst nach einer intensiven Safety-Schlacht auf Schwarz gleichziehen und nutze postwendend seine Chance, durch drei Brakes abermals in Führung zu gehen. Trump erzwingt den Decider nachdem Gould, wieder einmal ausgelöst durch einen Kick, eine Rote auf die Mitte verpasste.

Doch wer meint, dass das an Dramatik nicht zu überbieten wäre wurde sofort Lügen gestraft: Gould holte im Decider 40 Punkte, verstellte sich dann jedoch und musste aussteigen. Trump lochte eine Kombination und holte sich durch den daraus resultierenden Snooker hinter Gelb einen Einsteiger. Doch auch der bringt noch keine Entscheidung. Trump verpasst es, die letzte Rote in der Mitteltasche unterzubringen, legt dabei aber einen guten Snooker. Gould swerved sich heraus und fluked einen Gegensnooker. Trump trifft Rot zwar, allerdings gibt es eine Konter und Spielball und Rot bleiben direkt vor der Tasche liegen. Das ließ sich Martin Gould dann nicht mehr nehmen.

Graeme Dott, GM 2016

Dott nach dem Sieg.

Im umkämpften schottischen Duell gegen Stephen Maguire drehte Graeme Dott nach dem verlorenen ersten Frame richtig auf! Der „Pocket Dynamo“ stand so unter Strom, dass er schon auf 4:1 davongezogen war bevor die anderen Spieler überhaupt aus ihren Midsession-Intervals zurück waren. Maguire ließ ein ums andere Mal Bälle am Tascheneinlauf liegen und gab seinem Gegner so Chancen auf einen einfachen Einsteiger. Im letzten Frame legte Maguire eine 61 vor, verschoss aber Grün. Dott räumte kurzerhand den Tisch mit einer 71er Clearance ab uns steht morgen im Halbfinale gegen Martin Gould.

In der Überraschungs-Paarung des Abends fanden Mark Joyce und Luca Brecel sehr bald zu ihrem unwiderstehlichen Lochspiel aus den bisherigen Begegnungen zurück und glänzten mit hohen Breaks, aber auch mit klugem und mitreißenden Safety-Duellen. Als wäre das nicht schon spannend genug holte Brecel in Frame 5 noch die benötigten Foulpunkte um zum Gleichstand aufzuschließen. Joyce locht jedoch die fällige Respotted Black mit einem sehenswerten Double. Doch Brecel gewinnt anschließend zwei hochdramatische Frames um die Partie mit einer 102 „in Style“ für sich zu entscheiden.

Aber das war immer nicht des Dramas letzter Sch(l)uss: Kyren Wilson, der weniger als zwei Stunden Pause nach seinem anstrengenden Achtelfinale gegen Michael Holt hatte, fand sich gegen Ryan Day weniger in einem Spie als in einer Nervenschlacht wieder: gleich die ersten drei Frames stahlen sie sich gegenseitig auf die letzte Schwarze. Frame 4 holte sich Day „ausnahmsweise“ einmal klar, nur um im nächsten Frame Wilsons vorgelegte 61 erneut mit einem Comeback-Versuch zu attackieren. Er lochte alles incl. der letzten Pink, die zum Gleichstand geführt hätte – wäre da nicht der Spielball auf dem Weg zu Schwarz in die Mitteltasche gefallen. Nur noch 3:2 für Day! Nachdem sich der Waliser Frame 6 auf Pink gesichert hatte war wieder Wilson an der Reihe: Frame 7 holt er – wie auch sonst – auf Schwarz. Und auch Frame 8 stiehlt er nach scheinbar klarer Führung für Day – zur Abwechslung mal auf Pink. Also auch hier: Entscheidungs-Frame!

Beide Spieler schienen nun nur noch Nervenbündel zu sein. Kyren Wilson legte vor, doch nach 40 Punkten war wieder Schluss. Im anschließenden Safety-Duell versammelten sie alle Roten vor einer Tasche. Day versuchte es, aber kein Ball fiel. Wilson schaffte es dann so weit davon zu ziehen, dass der Waliser Snooker benötigte. Diesmal konnte er den Frame jedoch nicht mehr drehen. Kyren Wilson hat damit alle drei Spiele beim German Masters nach 2:4 Rückstand mit 5:4 gewonnen.

Brecel, Wilson und Gould hätte vorher wohl kaum jemand im Halbfinale erwartet

Morgen kommt es nun im „One-Table-Setup“ vor nahezu ausverkauftem Haus im Berliner Tempodrom zu folgenden, wirklich unerwarteten, Paarungen:

Graeme Dott gegen Martin Gould in der Mittags-Session und Kyren Wilson gegen Luca Brecel am Abend.

Die 2.500 Zuschauer dürfen sich also schon auf ein Snooker-Spektakel freuen, in dem weitere Überraschungen oder sogar Sensationen nicht auszuschließen sind!

Kyren Wilson, GM 2016

Kyron Wilson trotz eigenwilliger Technik erfolgreich.

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher (genderqueer), im Netz auch bekannt als Dark Mavis *Lady*. Tanzt und performt im Nebenberuf, spielt Poi, schreibt sporadisch Geschichten (hat im letzten Jahr den Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, sucht dafür jetzt einen Verlag). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich häufig am Magic Mountain Berlin anzutreffen. Hasst Ronnie O'Sullivan nicht, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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