Aus den Katakomben des Tempodrom: Ein Bericht von den German Masters 2014

Nach drei kompletten Tagen im Tempodrom befindet sich heute morgen in meinem Kopf eine seltsame Leere. 60 Spiele mit gefühlten 500 Frames habe ich in diesen Tagen verfolgt, habe Spielpaarungen, Spielstände und Ergebnisse registriert, Gespräche darüber geführt, bin vom Schiedsrichter wegen ungebührlichen Gefuchtels mit meiner Kamera verwarnt worden und habe mir zum Glück Notizen für diesen Beitrag gemacht. Ohne die könnte ich jetzt nur sagen: Es war toll und ich habe mit Ryan Day gesprochen.

Mittwoch, 10 Uhr, sechs Tische kreisförmig um den TV-Tisch angeordnet, ein beeindruckendes Ensemble. Sie sind zwar nicht so groß, wie ich erwartet habe, dafür sind sie viel näher dran. Rolf Kalb, wie immer Moderator in der Arena und TV-Kommentator in Personalunion, versucht, die rund 200 Zuschauer auf Touren zu bringen, was sie mit freundlichem Klatschen quittieren. Erst als die Spieler der ersten Runde die Arena betreten, wird der Applaus deutlich kräftiger.

Als eine Minute später alle Partien angestoßen sind, weiß ich überhaupt nicht, wo ich hingucken soll. Egal, worauf ich mich konzentriere, immer scheint an einem anderen Tisch der Bär zu steppen. Im Laufe der Tage finde ich einen Modus, der es mir ermöglicht, die Eindrücke sinnvoll zu filtern: Ich entscheide mich vorher für ein Spiel, dass ich bis zum Midsession Interval verfolge. Wenn ich dann den Eindruck habe, ein anders Spiel sei spannender, dann wechsle ich den Platz und gucke dort bis zum Ende des Spiels.

Mit voller Konzentration kann ich die Spiele an Tisch 8 sehen: Sie finden in der kleinen Arena statt, und dort ergibt sich die Gelegenheit, Kurt Maflins Sieg über Tom Ford gemeinsam mit 5 anderen Zuschauern zu genießen.

maflin-ford

Das ist übrigens der Luxus der wahren Enthusiasten, die sich während der Woche hierher begeben haben: relativ freie Platzwahl. Das wird am Wochenende sicher anders. Schon am Freitag Mittag sind die Unterränge komplett gefüllt und abends verfolgen mindestens 1500 Zuschauer die Viertelfinalmatches.

Zwischendurch gibt es immer wieder Ausfälle der elektronischen Anzeige. Man ist zwar vorbereitet und hält hölzerne Tafeln mit goldenen Zahlen für eine manuelle Anzeige bereit, aber meistens kann man sich nicht auf den momentanen Punktestand oder die Bedienung der Tafel einigen, bevor das System wieder funktioniert und den Monitor mit Daten versorgt.

Insgesamt gefallen mir der Ort und die Organisation sehr gut. Von allen Plätzen aus hat man die Möglichkeit, die Spiele zu verfolgen. Eine große Leinwand zeigt das Bild des Fernsehtisches, eine andere eine Übersicht über alle laufenden Partien. Die Atmosphäre ist angenehm, das Publikum augenscheinlich fachkundig und die Spieler sitzen während der Pausen mitten unter uns. Für meinen Geschmack könnte es etwas mehr Drumherum sein, außer einem Stand für Snookerschnickschnack (Poster, Tassen, T-Shirts etc.) und einem Anbieter von Zubehör gab es nur noch Stände mit Essen und Trinken. Und es wäre durchaus Platz für einen Tisch im Foyer, an dem man seine Wertschätzung für die Leistung der Spieler noch ein bisschen manifestieren könnte, indem man sich selber versucht…

Rätselhaft bleibt mir, warum es in der Snookertombola neben WM-Tickets (Finalkarten für das Cucible Theater!) und World-Snooker-Magneten auch ein signiertes Trikot von Philipp Lahm zu gewinnen gibt. Natürlich wissen wir, dass er sich für Snooker interessiert, aber muss das deshalb auch umgekehrt so sein?

Die Höhepunkte aus meiner Sicht

  1. Foul and a miss: Im Spiel Ratchayothin Yotharuck gegen Jamie Burnett verfehlt Yotharuck 10x den angepeilten Ball und hat damit mein ehrliches Mitgefühl. Der Snooker an der Ecktasche hinter gelb und braun ist wirklich teuflisch.
  2. Come back: Als es Zeit zum Mittagessen ist, führt Aditya Mehta haushoch gegen Joel Walker, dessen Körperhaltung und traurig aussehendes Gesicht keine Gewinnerwartung ausdrücken. Abends sehe ich den James Dean des Snooker gut gelaunt auf Tribüne sitzen und wundere mich. Tatsächlich hat er das Spiel noch gedreht und 5-4 gewonnen.
  3. Die traurigste Niederlage: Matthew Stevens tut es wieder. Er spielt einen schönen Vorsprung heraus und verliert doch. Aber es ist viel schlimmer, live dabei zuzusehen als lediglich am Fernseher. Ich meine, Tränen in seinen Augen zu sehen.
  4. Das schlimmste Spiel: Bei Dave Harold gegen Mark King kann ich mich echt nicht entscheiden, wer von beiden schlechter spielt. Fast alle sind schon in der verdienten Mittagspause, nur die beiden spielen unermüdlich ihr zerhacktes Spiel, sodass das auf ein kleines Grüppchen geschrumpfte Publikum schon bei einem Break von 12 höflich applaudiert.
  5. Das unterhaltsamste Spiel: Steve Davis gegen Dominic Dale. Beide sind einfach hervorragende Entertainer. Und spielen können sie auch.
    Foto © Monique Limbos

    Foto © Monique Limbos

    Ganz knapp dahinter auf Platz 2: Dechawat Poomjaeng gegen Xiao Guodong. Offensives, sehr risikoreiches Spiel auf hohem Niveau. Als Augenschmaus dazu: Guodongs Schuhe – Samtschlappen mit klingelndem Silberschmuck.
    Guodongs-Schuhe

  6. Das längste Spiel: Es wird ja viel darüber gesprochen, dass langsame Spieler den Gegner zermürben und das Spiel zerstören. Ich habe dazu nur eine Meinung: Es macht mir einfach keinen Spaß, ihnen dabei zuzuschauen. In diesem Sinne hoffe ich bei einigen Partien, dass ich diesen Spieler in der nächsten Runde nicht wiedersehen muss. Diese Gnade wird mir bei Rod Lawler leider nicht zuteil. Nachdem er in der zweiten Runde den armen Paul Davison vier Stunden lang müde spielt, sind sie leider immer noch nicht fertig. Sie müssen in der Abendsession weiterspielen und brauchen dort noch mal eineinhalb Stunden. Und am nächsten Tag muss ich dabei zusehen, wie Lawler Mark Davis schlägt, der überraschend lange die Nerven behält. Im Entscheidungsframe verfehlt Davis beim Stand von 54:53 die letzte Braune. Lawler locht Braun, Blau und Pink zum Matchgewinn.

Samstag früh um 0:10 Uhr fahre ich mit einem Gefühl des Bedauerns nachhause. Für abends habe ich etwas Schönes vor. Und das ist nicht das Halbfinale.

PS: Ryan Day sagte übrigens, dass er nicht froh über den Ausfall seines ersten Matches sei und er es vorgezogen hätte zu spielen.

– Wenn nicht anders angegeben, sind die Fotos von Lula Witzescher –

AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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