Alan McManus: Glaubensbekenntnis eines Fans

Foto McManus
Alan McManus nach der erfolreichen Qualifikation für die Endrunde der WM 2016. © Matt Huart

2016, Halbfinale der Weltmeisterschaft: 23 Jahre nach seinem letzten Auftritt unter den letzten Vier im Crucible Theatre steht Alan McManus wieder am Gänsehaut erzeugenden Einzeltisch. Als Underdog in die Partie gegangen, kämpft er mit allem, was zur Verfügung steht, um den Sieg – leider vegeblich. Mit 11-17 muss er sich einem großartigen Ding Junhui geschlagen geben und ist anschließend sichtlich enttäuscht. Was ist das für ein Mensch, der mit Mitte Vierzig einen seiner Karrierehöhepunkte erlebt und darüber nicht einmal verwundert ist? Und warum glaube ich schon seit langem an ihn?

Ein schneller Aufstieg

Alan McManus erspielte sich 1990 bei den Professional Play-offs seinen Tourplatz und stieg in kürzester Zeit in die Weltspitze auf. Schon im selben Jahr erreichte er das Halbfinale der UK Championship. Sein größter Erfolg war der Gewinn des Masters 1994, wo er im Finale den Seriengewinner Stephen Hendry stoppte. Im gleichen Jahr gewann er das Dubai Classic und 1996 die Thailand Open. 14 Jahre lang war er ununterbrochen in den Top 16 und seit 2014 ist er wieder unter den Top 30 zu finden.

Seine Fähigkeit, die Winkel und Laufwege auf dem Tisch genau einzuschätzen, hat ihm den Spitznamen ‘Angles’ eingebracht. Kollege Ronnie O’Sullivan nennt ihn als denjenigen Spieler, der sich am besten aus einem kniffligen Snooker befreien kann.

Die Liebe zum Spiel

In den Jahren, in denen es für McManus nicht so gut lief, dachte er öfter daran, mit dem Snookerspielen aufzuhören. Doch selbst nach 26 Profijahren liebt er das Spiel immer noch. Er liebt die großen Hallen und würde, damit es nie zu Ende geht, auch Best-of-100 Matches spielen. Er mag das Training, er mag es, hart an seinem Spiel zu arbeiten und vor allem mag er immer noch den Wettbewerb. „Ich bewundere die Top-Spieler für das, was sie sind und für das, was sie da draußen bewerkstelligen. Im Grunde versuche ich, sie zu kopieren.“ Auch wenn er manchmal belächelt wird, weil er nicht am laufenden Band die ganz hohen Breaks spielt, ist er in der Lage, sich dem modernen Spiel anzupassen. Beim German Masters 2014 durfte ich miterleben, wie er Jack Lisowski mit seinem plötzlichen Umschalten auf Offensive geschlagen hat. Das ist einer der Gründe, warum er heute noch bei einer WM mithalten kann.

Ich persönlich glaube, der andere Grund für seinen Erfolg ist seine Dankbarkeit dem gegenüber, was er bisher erreicht hat und die Gelassenheit, die daraus resultiert. Er sagt von sich selber, er besitze kein Snooker-Ego, sondern er möchte einfach nur spielen. Das bedeutet, dass er mit einer Freiheit im Kopf spielen kann, die viele junge Spieler nicht empfinden, weil sie zu sehr unter Erfolgsdruck stehen. McManus‘ Einstellung spiegelt sich in dem, was er vor dem Match gegen Ding sagte: „Ich möchte einfach rausgehen und gut spielen. Was ab jetzt passiert ist ein Bonus, aber ich möchte immer noch gewinnen.“ Und offensichtlich hat er genug Siegeswillen, um einen Stephen Maguire, Ali Carter und John Higgins zu schlagen.

Die Art und Weise, wie er diesen Willen am Tisch hartnäckig in zählbaren Erfolg umsetzt, begeistert nicht nur mich, sondern noch viele andere Menschen – besonders natürlich die Snookerpuristen, auf Englisch auch ‘Anoraks’ genannt..

Was macht den Schotten so beliebt?

Bei einer nichtrepräsentativen Twitterumfrage, wer von den Halbfinalteilnehmern der beliebteste Weltmeister sein würde, entfielen 52% der knapp 300 Stimmen auf McManus.

McManus ist ein Spieler, der seine Fans wertschätzt. Nach einem Spiel gibt er auch mal eine Pressekonferenz ohne Presse, dafür mit Fans. Er schreibt einen Blog, nicht nur, um sich auf langen Flügen die Zeit zu vertreiben oder weil so viel schlecht recherchierter Quatsch geschrieben wird. Er schreibt auch, um genau den Leuten etwas zurückzugeben, die dafür sorgen, dass er von etwas leben kann, das ihm so viel Spaß macht. In seinem Blog gewährt er uns Einsicht in seine Meinung, Erfahrungen und Erkenntnisse rund um den Snookerzirkus. Sein Bericht über den Amateursport ist eine kluge Analyse, in der er seine kritischen Gedanken nicht zurückhält. Doch besonders charmant und liebenswert sind seine ganz besonderen Interviews mit anderen Spielern. Sie nennen sich „Total Clearance with…“ und er stellt dort die wirklich wichtigen Fragen.

Insgesamt ist McManus immer sehr freundlich und entgegenkommend, er gibt – im Gegensatz zu manch anderem Spieler – nach verlorenen Matches Interviews und hilft auch mal Fans, die keine Karten mehr bekommen haben.

Neben dem Snooker hat McManus eine große Leidenschaft für andere Sportarten, allen voran für Golf. Zu Zeiten des Masters ist für mich Alans Timeline dann immer ein Buch der Rätsel. Er interessiert sich für die Orte, an die er reist, auch wenn ihn auf langen Reisen das Heimweh quält. Aber er liebt und genießt zum Beispiel besonders das traditionelle thailändische Essen, das dort auf der Straße verkauft wird. Außerdem fotografiert er gerne und lässt uns an seinen Stadtspaziergängen virtuell teilhaben.

Foto T-Shirt Angles

Ich in meinem Fan-Shirt.

Ich mag McManus aus genau diesen Gründen. Dazu kommt noch seine angenehme Medienpräsenz: Seine Kommentare und Analysen auf ITV4, wo er seit einigen Jahren als Kommentator zu hören und zu sehen ist, sind fachkundig und fair, er polemisiert nicht und kritisiert Spieler zurückhaltend und konstruktiv. Außerdem nimmt er sich selber nicht so wichtig. Er ist der Ansicht, dass in der Welt genügend wichtigere Dinge vor sich gehen als eines seiner Snookerspiele. Das macht es mir so einfach, ein Fan von ihm zu sein. Ich kann mich darauf verlassen, dass er sein Bestes gibt und wenn es gelingt, dann ist die Freude groß. Und wenn es nicht gelingt, dann ist es auch nicht schlimm.

Und nicht zuletzt wirken auf mich seine Stimme mit dem schottischen Akzent und seine positive Ausstrahlung aufmunternd und belebend. Mit seinen Interviews im Ohr habe ich schon manche dunkle Wolke von meiner Seele vertrieben.

Ein einziger Wunsch ist allerdings noch offen: meine persönliche ‘Total Clearance with Angles’.

Bis dahin genieße ich weiter Pressekonferenzen wie diese:
Frage bei 1:35: Can you believe this is happening?
Antwort: Yes and no. (Und was dann folgt, amüsiert mich immer wieder.)

Wie wir sehen können, ist während des Spiels auf alle Fälle noch Luft für Faxen.

Alan während meiner Lieblingswoche des Jahres (Champion of Champions) mit Neal Foulds im Studio von itv4.

 

 


AutorIn: Lula Witzescher

Lula Witzescher, im Netz auch bekannt als Dark Mavis Lady. Ist im Nebenberuf Tänzerin und Performerin, Poi-Spielerin, sporadische Autorin (hat gerade ihren Roman „Belinda to break“ fertiggestellt, wofür sie jetzt einen Verlag sucht). Streitet im Netz für alle Formen von equality. Hält die Butthole Surfers für die beste Band der Welt. Persönlich trifft man sie häufig am Magic Mountain Berlin. Ist keine Ronnie-O'Sullivan-Hasserin, entgegen anderslautender Behauptungen. Schreibt für diesen Blog, um die deutschsprachige Snookergemeinde darüber zu informieren, was in anderen Medien unerwähnt bleibt. www.twitter.com/lulawitzescher

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